Sollten Unternehmen sich für eine Klarnamenpflicht aussprechen – oder dagegen? (c) Getty Images / Михаил Руденко
Sollten Unternehmen sich für eine Klarnamenpflicht aussprechen – oder dagegen? (c) Getty Images / Михаил Руденко
Pro und Contra

Klarnamenpflicht – haben Unternehmen etwas davon?

Wieder einmal diskutiert Deutschland über eine Klarnamenpflicht in den sozialen Medien. Sollten Unternehmen sich dafür oder dagegen aussprechen?  
Katrina Geske
Toni Spangenberg

Warum Unternehmen von einer Klarnamenpflicht profitieren könnten

 

Für seinen Vorstoß zur Klarnamenpflicht in den sozialen Medien erhält Wolfgang Schäuble zurzeit viel Gegenwind. Unternehmen könnten aber davon profitieren.

 

von Katrina Geske

 

Sollten Menschen in den sozialen Medien nur noch unter ihrem echten Namen posten dürfen? Mit diesem Vorschlag machten sich einige Unionspolitiker im vergangenen Juni nur wenige Freunde: Eine Klarnamenpflicht sei prohibitiv, ausschließend, realitätsfern und zukunftsfeindlich, ihre Befürworter offensichtlich im Gestern verhaftet, so der Medientenor. Die Standards der analogen Welt ließen sich nicht eins-zu-eins auf die digitale übertragen. Das Thema schien bereits vom Tisch – doch einer der Fürsprecher wärmte es kürzlich wieder auf. Der Übeltäter: Wolfgang Schäuble.

Mit seinem erneuten Vorstoß will Schäuble nach eigenen Angaben die Bemühungen von Justizministerin Christine Lambrecht um mehr Transparenz im Internet unterstützen. Lambrecht will allerdings selbst nichts von einer Klarnamenpflicht wissen. Eine Mehrheit im Bundestag ist dafür ebenfalls nicht in Sicht. Warum also lässt Schäuble nicht von der Vorstellung ab? Kann man der Idee nicht vielleicht doch etwas abgewinnen?

Aus Unternehmenssicht betrachtet spricht einiges für die Klarnamenpflicht. Ein offensichtliches Plus: die Abschreckung von Trollen. Bisherige Maßnahmen, beispielsweise eine verstärkte Moderation der Unternehmenskanäle, sind nur begrenzt effektiv und kosten die Firma Personal und die Zuständigen Zeit und Nerven.

Zwar gibt es – und das ist bedenklich – genügend Personen, die sich auch unter Angabe ihres echten Namens nicht scheuen, Hass im Netz zu verbreiten. Andere jedoch würden möglicherweise Hemmungen entwickeln – und ihren Hass entweder für sich behalten oder sich um eine sachlichere Ausdrucksweise bemühen. Auch wenn ein Teil der Kommentatoren davon unbeeindruckt bleiben würde: Die Moderation der Social-Media-Kanäle würde sich für die Unternehmenskommunikation immerhin etwas entspannter gestalten.

Auch sollte man sich überlegen, ob Druck, der in den sozialen Medien von einer größtenteils anonymen Masse auf ein Unternehmen ausgeübt wird, ein legitimes Mittel ist, um dieses zu einem bestimmten Handeln zu bewegen oder es von einer Strategie abzubringen. Welchen Wert hat die Meinung einer Person, die nicht bereit ist, mit ihrem echten Namen dafür einzustehen?

Sich unter Angabe seines Namens für die eigene Meinung einzusetzen zeigt, dass man bereit ist, Verantwortung für diese zu übernehmen – eine Forderung, die heute von vielen Seiten an Unternehmen gestellt wird. Rechtsextremismus, Klimawandel oder Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern: Von Unternehmen wird heute erwartet, dass sie sich zu solchen gesellschaftlich relevanten Themen positionieren. Sollte man von Menschen, die dies von Firmen fordern, nicht dasselbe erwarten dürfen? Denn: Eine ernsthafte, konstruktive Debatte funktioniert nur, wenn klar ist, mit wem man es zu tun hat.


Warum Unternehmen sich gegen die Klarnamenpflicht einsetzen sollten

 

Deutschland diskutiert mal wieder über die Klarnamenpflicht im Netz – eine Schnapsidee, gegen die sich auch Unternehmen aussprechen sollten.

 

von Toni Spangenberg

 

Hass, Hetze, Beleidigungen und Drohungen im Netz nehmen seit Jahren zu, auch dank rechten Brandstiftern. Politiker wie Wolfgang Schäuble sind der Meinung, dieser Entwicklung endlich ein wirksames Mittel entgegensetzen zu können. Die Idee: Wer verpflichtet wird, online unter seinem vollen Namen zu posten und zu kommentieren, zügelt sich im Ton. Denn er ist nicht länger anonym, sondern steht potenziell für alles, was er kommentiert, teilt oder liked am Social-Media-Pranger.

Und genau hier liegt das Problem. Rechte Hetzer schreckt das nicht ab. Weidel, Gauland und Co. stehen ohnehin unter Dauerbeschuss von links. Tatsächlich posten die meisten unter ihrem Klarnamen. Sie pfeifen auf Anonymität und pochen auf ihre freie „Meinung“. Wer nicht auf Anonymität pfeifen kann, sind die möglichen Opfer rechter Gewalt. Die Gefahr, durch eine Klarnamenpflicht gerade die gemäßigte Mitte mundtot zu machen, und die Hassspirale in den sozialen Medien so noch zu beschleunigen, ist groß. Darüber hinaus öffnet eine Klarnamenpflicht auch möglicher staatlicher Kontrolle Tür und Tor. Die Meinungsfreiheit wäre in akuter Gefahr.

Um eine solche Entwicklung zu verhindern, sind auch Firmen gefragt, sich zu engagieren. Denn wer sich Vielfalt, Akzeptanz und Toleranz auf die Fahnen schreibt und sich in seiner Philosophie für eine offene, pluralistische Gesellschaft einsetzt, kann die Klarnamenpflicht nur verurteilen. 

Joe Kaeser hat sich vergangenen Sommer für die Seenotrettung im Mittelmeer ausgesprochen, indem er die ehemalige Kapitänin der „Sea-Watch-3“, Karola Rackete, eine Hassfigur der neuen Rechten, auf Twitter verteidigte. „Menschen, die Leben retten, sollten nicht inhaftiert werden. Menschen, die töten, Hass säen und fördern, dagegen schon“, so Kaeser. Auch das Modelabel Human Blood ergriff Partei für die Seenotretterin, indem es sich öffentlich von Sheepworld-Gründer Tobias Hiltl distanziert hat, der sie als „Schlepperin und Menschenhändlerin“ bezeichnete. Das passe nicht zur Firmenphilosophie. 

Ebensowenig wie die Auswirkungen einer Klarnamenpflicht auf den Ton in sozialen Medien und damit das gesellschaftliche Klima. Es wird Zeit, dass sich Unternehmen auch in dieser Frage klar positionieren, um ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

 

 
 


randbemerkung

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