Wie können Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung einfach kommuniziert werden? (c) Getty Images / Kkolosov
Wie können Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung einfach kommuniziert werden? (c) Getty Images / Kkolosov
Wissenschaft und Kommunikation

Wie Wissenschaftskommunikation gelingen kann

Aus Wissenschaft und Forschung können sich spannende Nachrichten ergeben. Wie lassen sich die komplexen Zusammenhänge einfach ausdrücken?
Claudius Kroker

Vor einigen Jahren hat mich einmal eine Arbeitsgemeinschaft von Hochschulen beauftragt, sie bei ihrer gemeinsamen Pressearbeit zu beraten und zu unterstützen. Das habe ich gerne gemacht, denn aus Wissenschaft und Forschung ergeben sich zahlreiche spannende Nachrichten für Medien und Öffentlichkeit. Was an Universitäten und Hochschulen untersucht, erkundet oder entwickelt wird, betrifft nicht selten viele ganz alltägliche Bereiche.

Problematisch wird es jedoch, wenn diese neuen Erkenntnisse aus dem Innersten der Wissenschaft den Lesern, Zuhörern und Zuschauern außerhalb der Wissenschaft vermittelt werden sollen. Dann geht es nämlich ums Übersetzen von Expertensprache ins Deutsche. Klar, dass die Inhalte dabei nicht verfälscht werden dürfen, aber verständlich sollen sie eben werden. Und um diesen Grad des „Vereinfachens, ohne zu verfälschen“ gibt es regelmäßig Diskussionen zwischen Professoren und Pressesprechern, zwischen Wissenschaftlern und Wissensvermittlern.

Komplexe Zusammenhänge einfach ausdrücken

Die langjährige Bonner Wirtschaftsprofessorin Isabel Schnabel hat es einmal so ausgedrückt: „Viele Wissenschaftler tun sich schwer damit, komplexe Zusammenhänge einfach auszudrücken. Sie möchten nicht zu stark vereinfachen, weil sie Sorge haben, dass sie dann etwas Falsches sagen.“

Das ist grundsätzlich verständlich. Wer möchte schon mit einer Falschaussage in der Öffentlichkeit zitiert werden – noch dazu unter Wissenschaftlern. Es macht sich erfahrungsgemäß nicht gut, fehlerhafte Zitate, ungenaue Analysen oder zu pauschale Ergebnisse von den Kolleginnen und Kollegen auf dem nächsten Fach-Kongress vorgehalten zu bekommen. Und es ist wichtig, dass alle PR-Schaffenden in Wissenschaft und Hochschulen Verständnis für diese Befürchtungen von Forschenden haben.

Forscher liefern abstrakte Theorie, wo konkrete Praxis gefragt ist

Allerdings liegt das Problem nicht immer bei der Frage: „Wie weit darf ich eine Aussage vereinfachen, damit auch Normalsterbliche sie verstehen?“. Viel häufiger geht es um die Botschaft an sich. Wissenschaft arbeitet nämlich häufig mit theoretischen Annahmen, deren praktische Anwendung in der Wirklichkeit sich Menschen außerhalb des Forschungsbetriebs nur schwer vorstellen können. „Wissenschaftler arbeiten oft mit theoretischen Modellen, Journalisten fragen aber nach einem praktischen Anwendungsfall“, sagt dazu die Wissenschaftlerin Schnabel.

Dieser Konflikt zwischen – überspitzt gesagt – erwarteter Praxisnähe und geliefertem Theoriegedöns ist eine der größten Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation. Nina Mainz, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verweist in ihrem Bericht vom 11. Forum Wissenschaftskommunikation auf Umfrageergebnisse. Demnach gibt es bei den Menschen durchaus ein großes Interesse an Forschung und Wissenschaft, und zwar „besonders deshalb, weil sie Antworten auf konkrete Fragen suchen“.

Da ist sie wieder, die divergierende Kongruenz (schön, gell?) von Abstraktem und Konkretem, die nicht nur das Verhältnis von Presse und Forschung betrifft, sondern gelegentlich auch das von Journalisten und Juristen oder das von Finanzjournalisten und Finanzvorständen. Immer wieder bleibt die Botschaft abstrakt, wo Journalisten und Leser sie sich konkret wünschen.

Auf dem Weg in die akademische Schweigespirale

Das hat auch Auswirkungen auf die Pressearbeit. Denn „häufig ist es so, dass es für genau die Situation, nach der gefragt wird und die wir verstehen wollen, kein passendes theoretisches Modell gibt“, sagt Isabel Schnabel. Das kann verschiedene Folgen haben, die allesamt die Wahrnehmung und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in Medien und Öffentlichkeit beeinflussen.

Folge 1: Journalisten und Redaktionen arbeiten nur noch mit einer klitzekleinen Auswahl (um das Wort „Elite“ nicht zu gebrauchen) von Wissenschaftlern zusammen, die ein Einsehen mit den Anfragen der Presse haben, und die in der Lage scheinen, komplexe Materie vereinfacht darzustellen und damit mediale Bedürfnisse zu befriedigen. Die Mehrheit der wissenschaftlich Tätigen, die auch etwas zu sagen hätte, wird dadurch ausgeblendet – eine Art akademische Schweigespirale. Sei es, weil diese Forscher tatsächlich nicht verständlich „un-wissenschaftlich“ kommunizieren können, oder weil Journalisten glauben, dass sie es nicht können.  

Folge 2: Diese auserwählten Wissenschaftler schaffen sich dadurch eine Art fachliches Alleinstellungsmerkmal. Das kann im Extremfall dazu führen, dass Journalisten deren Aussagen unkritisch als sakrosanktes Allgemeingut ansehen und verbreiten. Wenn das passiert, werden aber Meinung und Fakten verwechselt. Obacht! Zum einen kann es immer eine zweite Meinung geben, die auch zu berücksichtigen ist. Zum anderen kann die Verkürzung des Theoretisch-Komplexen aufs Praktisch-Vereinfachte pauschalieren, wo differenziert werden müsste. Das heißt: Die Botschaft ist zwar schön einfach, die Wahrheit ist es aber leider nicht. Wo das passiert, ist Wissenschaftskommunikation im schlimmsten Fall nicht mehr weit weg von den Pauschalierungen und Vereinfachungen, wie wir sie in den sozialen Medien beklagen.

Folge 3: Redaktionen scheuen gelegentlich den Aufwand bei der Suche nach sogenannten Experten, die ihnen komplexe Zusammenhänge vereinfacht erklären, technische Errungenschaften bewerten, politische Geschehnisse kommentieren oder wirtschaftliche Entwicklungen prognostizieren sollen. Sprich: Sie fragen immer dieselben. Gründe dafür gibt es viele: Personelle Ausstattung der Redaktionen, geringe Budgets, Zeitmangel, und und und… Das habe ich an dieser Stelle vor einigen Jahren schon mal kritisch angemerkt.

Isabel Schnabel hat es später so formuliert: „Journalisten fragen immer dieselben Leute, mit denen sie in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht haben. Sie kommen gar nicht auf die Idee, mal jemand anderen zu fragen, weil das zu aufwändig wäre.“ Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation haben es in der Hand, das zu ändern.

 

 

 
 

Kommentare

Die Begründungen für den Ist -Zustand und das Verhältnis zwischen Wissenschaft - Forschung - angewandter Forschung und den Medien überzeugen. Doch wieso sollen dann die Akteure es in der Hand haben, diese Beziehung, die Kommunikation miteinander zu verbessern? Hinzu kommt, dass der Autor unterlässt zu definieren, welche Medien und welche Wissenschaftskommunikatoren hier am Werk sind. Klar, es ist für uns Leser des Pressesprecher vielleicht unnötig, da wir inzwischen mit allen vertraut zu sein scheinen, in denen Wissenschaft kommuniziert wird. In Wort und Bild, den alten Printmedien und denen wir zu hören, inzwischen unabhängig vom Programm, Zeit oder Geräten, dem Ort. Rundfunk, Kino, und den neuen Echtzeitmassenmedien, dem Fernsehen. Durch die Tech- Plattformen wie Youtube, Facebook, Instagramm, Pinterest sind weitere Kanäle und Formate dazu gekommen auf denen sich Wissenschaftler im Hörsaal und im Gespräch mit anderen Experten direkt an das Publikum vor Monitoren wenden können. Was mit diesen Beiträgen dann danach passiert, wo es noch geteilt, zu Memen verändert, gekürzt, neu zusammen geschnitten wird, kann noch keiner kontrollieren. Wissenschaftliche Beiträge wurden wieder auffindbar gemacht, in Bibliotheken und Zeitungsarchiven, verwaltet und konserviert um sie bei Bedarf als Konserve oder für weitere Bearbeitungen parat zu haben. Das ist heute noch möglich, wird aber ausser bei den öffentlich-rechtlichen und Fach und Nationalbibliotheken sicher nicht fort geführt werden. Ein neuer Anbieter und Nachfrager sind Unternehmen selbst, die sich zur wissenschaftlichen Qualitätssicherung selbst befragen. Dieser Content imitiert Fernseh - und Rundfunkformate und um die Unübersichtlichkeit abzurunden, nutzen Wissenschaftler die Plattformen zum Selbstmarketing und zum Austausch mit der Fan Community. Sicher freut sich ein Wissenschaftler, wenn der Wissen Redakteur der FAZ, des Spiegel oder einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift ihm in sein Spezialgebiet z.B Nanotechnologie folgen kann. Doch solche Beziehungen zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sind aus bereits von Herrn Kroker geschilderten Gründen rückläufig. Ueberall wird gespart- und meist zuerst bei der Kommunikation. Wissenschaftlich beratenes Infotainment ist aber ein Quotenrenner für Funk und Fernsehen und ein Garant für Likes, und Hohe Clickraten im Netz. Das Paradox dieser Entwicklung - sehr viel mehr Wissenschaft als Inhalt aber dennoch versinkt der Inhalt im World Weit Netz. Damit sind alle überfordert, und wie im richtigen Leben entstehen Gegenbewegungen auf beiden Seiten. Das " System " Wissenschaft und das " System " Wissenschaftskommunikation differenzieren sich weiter aus, und aus der Sicht der Öffentlichkeit wird es immer schwerer diese Unterschiede, die ein wissenschaftlicher Text, der für die Wissenschaft von einem Wissenschaftler geschrieben wird und einem Wissenschaftler, der auch als Kommunikator schreibt, zu erkennen. Man hat den Eindruck, dass diese Verwirrung über ihre Hauptrolle in diesem Lehrstück auch alle Akteure in allen Lagern ergriffen hat. Wann spricht ein Professor als Astrophysiker und wann als Mediator für Umweltschutz. Denn viele Spezialgebiete werden durch die Digitalisierung, die Rolle, die Big Data, das Simulieren von Prognosen und globaler Zusammenhänge gezwungen mit anderen Spezialisten zusammen zu arbeiten. Die nächste Differenzierung. Rechenmaschinen verarbeiteten durch Forschung gewonnene Daten die nun von Algorhitmen und nach Rezepten nun Maschinen trainieren. Eine weitere Differenzierung von Wissenschaft, die aus wissenschaftlichen Daten und Theorien Maschinen lernen lässt. Wie soll die Kommunikation von Wissenschaft aber etwas kommunizieren, wenn weder Forscher noch die Beobachter dieser Forschung eine Ahnung davon haben, was mit den Daten in den Maschinen passiert? Es passiert darin etwas, was wir nicht mehr oder besser nie verstehen werden- das müssen wir glauben. Mit der Überwindung von Glauben - damit beginnt ja erst die Wissenschaft und damit auch die Kommunikation ihrer Leistungen und Ergebnisse. Sind wir nun wieder am Anfang oder verliert Forschung und Data Science damit den Bezug zu dem, was wir unter Wissen verstehen? Das ist eine Herausforderung und ich sehe nicht, dass Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation das zu einer gelingenden Kommunikation verhilft, verhelfen kann.


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