Unser Kolumnist beobachtet bei Journalisten eine immer häufiger auftretende Expertenhörigkeit. (c) Getty Images/Hanna Ferentc
Unser Kolumnist beobachtet bei Journalisten eine immer häufiger auftretende Expertenhörigkeit. (c) Getty Images/Hanna Ferentc
Media Relations

Über die Vielfalt und Einfalt von Experten

Für die Einordnung und Bewertung von Themen und Sachverhalten ziehen Redaktionen oft Fachleute hinzu. Zu oft, findet unser Kolumnist Claudius Kroker. Er meint, die Expertenverehrung habe geradezu inflationäre Züge angenommen.
Claudius Kroker

Journalisten sollen über Neuigkeiten berichten, Leser und Zuhörer informieren und ihnen helfen, Sachverhalte einzuordnen und zu bewerten. Sie wirken dadurch bei der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung mit.

Um Themen und Fakten einzuordnen und zu bewerten, haben Journalisten zwei Möglichkeiten. Die eine: Sie formulieren ihre eigene Sichtweise – wenn es seriös geschieht, ist das dann als Kommentar oder als eine Form von Kolumne (wie diese) gekennzeichnet. Leider verlernen immer mehr Redaktionen und Autoren bewusst oder unbewusst die Fähigkeit, zwischen objektivem Beitrag und subjektivem Kommentar zu unterscheiden.

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Auf der anderen Seite berufen sich Journalisten und Redakteure gerne auf sogenannte Experten, die sie zum Einordnen und Bewerten von Sachverhalten hinzuziehen. Das ist im Prinzip nicht verkehrt. Doch diese Expertenverehrung hat in den vergangenen Jahren geradezu inflationäre Züge entwickelt. Und zwar gleich in dreierlei Hinsicht.

Brauchen wir zu jedem Thema eine Expertenmeinung?

Zum einen meint man gerade bei Fernsehen und Radio, man brauche zu allem und jedem einen Experten. Der Sommer ist heiß und trocken – was meint der Experte dazu? Die Zinsen wollen oder sollen nicht steigen – was rät der Experte den Sparern? Sollen wir Vögel das ganze Jahr über füttern? Fragen wir die Experten. (Der eine sagt übrigens „ja“, der andere „nein“. Das hilft mir als tierliebem Hörer ungemein weiter. Aber gut, dass wir mal darüber gesprochen haben.)

Brauchen wir wirklich bei jedem Pups eine Expertenmeinung? Was der Experte sagt, ist ja nicht objektiv richtig, es ist nur eine Meinung. Das wird oft vergessen. Vielleicht wäre es besser, wieder mehr objektiv Belegbares und Wissenswertes in den Fokus zu stellen und weniger Kraft und Zeit auf subjektives Polarisieren zu verwenden. Das würde auch insgesamt den leidvollen Hang zu Schwarz-Weiß-Malerei und Fakten-Meinung-Verdrehung („Hat der im Radio gesagt, dann ist das so …“) dämpfen.

Das zweite Problem besteht darin, dass die Bezeichnung „Experte“ kein prüfungsrelevanter Ausbildungsabschluss ist. Jeder darf sich „Experte“ nennen und als solcher bezeichnet werden. Welche Kriterien die Medien dabei anlegen, wer in ihren Augen ein Interview-tauglicher Experte sein mag, ist offen. Meist ist es eine besondere Position in einer Partei oder einem Berufs- oder Fachverband. Gern gesehen sind natürlich Titel. Ein Professor ist da schon mal per se mehr Experte als ein Facharbeiter. Was aber nicht zwingend etwas über wahre Kompetenzen aussagt.

Im Rahmen der jeweils eigenen Pressearbeit (den Schuh muss ich mir als PR-Macher natürlich auch anziehen) bringen sich immer mehr Menschen in ihren Branchen als Experten in Stellung. Gerne auch in fachfremden Branchen. Hauptsache, man wird gehört. Wichtig wäre – wenn wir den Journalistenauftrag von oben berücksichtigen –, dass die tatsächliche Kompetenz der Befragten und der Nutzen für Leser, Zuhörer und Zuschauer wieder eine größere Rolle spielen.

Experten: Die Lieblinge der Redaktionen

Die Expertenhörigkeit führt leider noch zu einem dritten Problem. Gerne halten sich Redaktionen ihren persönlichen Experten warm, der dann zu allem und jedem Stellung beziehen darf. Ich erinnere mich an eine Ausgabe des „Heute-Journals“, in der in zwei unterschiedlichen Filmbeiträgen Professor Karl-Rudolf Korte (oder war’s Hans-Werner Sinn? – egal, ein ZDF-Liebling in jedem Fall) zu ganz unterschiedlichen Themen etwas gesagt hat. Auffällig war, dass beide Filmsequenzen eindeutig aus demselben Interview stammten – Raum, Kleidung, Beleuchtung: alles war identisch. Diese Form von Experteneffizienz („Wir drehen nur ein Interview, das können wir aber gleich für mehrere Themen nutzen") steht im Widerspruch zum Informationsauftrag der Medien und der verlangten Meinungsvielfalt.

Ein Extrembeispiel für „Egal, welches Thema, ich sage zu allem etwas“ scheint auch Ferdinand Dudenhöffer zu sein. Der Auto- und Verkehrsexperte von der Uni Duisburg-Essen. Ob nun Diesel-Skandal, ADAC, Abgas-Gipfel, Autosalon, Elektromobilität, Tempolimit, Opel-Verkauf oder Ferienstau: Der Experte steht parat. Selbst die Wochenzeitung Zeit widmete ihm ein eigenes Porträt, in dem es (möglicherweise sogar selbstkritisch) heißt: „Niemand sonst äußert sich öffentlich so oft und pointiert zu Themen mit vier Rädern, auch die Zeit zitiert ihn regelmäßig.“

Gibt es keine anderen Experten? Doch, bestimmt. Liebe Redaktionen, fragt die doch auch mal. Im Sinne der Meinungsvielfalt. Das ist auch gut für Auflage und Einschaltquoten.

 

 
 

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Kommentare

Schnell muss es gehen im hektischen Alltag unterbesetzter Redaktionen und kosten soll es auch nichts. Das kommt dann dabei raus. Ob das (z.B. in der Wirtschaft) Hans -Werner Sinn oder weniger Sinn hat, ist eine andere Frage ;-)


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