Unternehmen verteilen Pressemitteilungen häufig nach dem Gießkannenprinzip./ Stop: (c) Getty Images/VladimirFLoyd
Unternehmen verteilen Pressemitteilungen häufig nach dem Gießkannenprinzip./ Stop: (c) Getty Images/VladimirFLoyd
PM-Versand nach Gießkannenprinzip

Verschont mich mit euren Pressemitteilungen!

Agenturen und Institutionen verteilen Pressemitteilungen häufig mit der Gießkanne. Das bringt nichts, meint unser Gastautor Dominik Ruisinger.
Dominik Ruisinger

Es bringt nichts. Es bringt nichts. Es bringt nichts. Diesen Satz will man 1000fach Agenturen und Institutionen ins Gesicht schleudern, die freie und feste Journalisten, Blogger, Influencerinnen und sonstige arme und unschuldige Menschen mit ihren Pressemitteilungen zuschütten. Und zwar nach dem Gießkannenprinzip. Kaum ist ein neues Thema ausgeheckt und die Pressemitteilung geschrieben, schon wird sie sofort an den gesamten Verteiler versendet. Und zwar an alle. Wirklich alle! Ob es die Empfänger wollen oder nicht — egal — Hauptsache raus. Schließlich geht es ja um Reichweite! Ein kleiner Rant.

PM-Versand nach Gießkannenprinzip bringt nichts. Punkt.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass diese Unart — gerade auch in Zeiten des Social Webs, des Content Marketings und der stärkeren Dialogorientierung — dem Ende zugeht. Völliger Irrtum! Werfe ich einen Blick in meinen Post-Eingang, was sich dorthin in den letzten Wochen und Monate alles verirrt hat (solange ich es noch nicht gelöscht habe oder es sich selbstständig in den vollen Spam-Ordner verdrückt hat), dann finde ich da Themen von Absendern wieder, die mich an vielem zweifeln lassen.

Ein kleiner Überblick über die letzten Monate — mit übrigens meist grandios aussagekräftigen Betreffzeilen:

  • B‑Team-Tour 2019 – Start am 19. August– “Wählen gehen für ein weltoffenes Brandenburg”
    => Ja, wählen gehen ist wichtig. Sicher. Nur was habe ich mit einer B‑Team-Tour zu tun? Und schreibe ich über Politik?
  • 6. Alternativer Drogen- und Suchtbericht — Einladung zur Pressekonferenz am 05.07. in Berlin.
    => Sicherlich ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen. Nur was soll ich denn auf dieser Pressekonferenz anfangen?
  • New Releases — Juni 2019″.
    => Wow! Eine wirklich einmalige Hammer-Betreffzeile. Und weiter: “Dein monatlicher Input zu den neuen Releases von BMGPM.” Das könnte ja spannend sein. Aber warum denn für mich? Was wollt ihr denn von mir???
  • Pressemitteilung: Social Match gewinnt Stefan Mauerer, Susanne Marell und Niklas Heinen als Beiräte.
    => Uiii, da scheint mich noch jemand im Verteiler zu haben, aus einer Zeit, als ich vor rund sieben Jahren beim PR-Journal als Redakteur tätig war. Hat da etwa jemand seit 7 Jahren nicht seinen Presseverteiler aktualisiert?
  • Pressemitteilung mit der Bitte um Würdigung? (…) “aus gegebenen Anlass möchten wir Ihnen eine Pressemittelung übergeben. Dieser Vorgang ist einmalig in der Geschichte der BRD!!
    => Moment: Erstens heißt es immer noch “Pressemitteilung” – also Sorgfalt scheint hier nicht hoch im Kurs zu stehen; und zweitens: “Einmalig in der Geschichte der BRD” mit 2 Ausrufezeichen!! — Donnerwetter! Muss ich das wissen? Nein. Aber so ganz sicher war sich der Absender dann doch nicht. Oder was sollte das neckische Fragezeichen am Ende der Betreffzeile?

Wie gesagt: Es könnte durchaus sein, dass es sich um interessante, relevante Themen handelt. Aber einfach nicht für mich. Warum erhalte ich als unschuldiger Coach für digitale und strategische Kommunikation denn all diese Informationen? Und ich lasse die vielerlei Einladungen zu Produkt-Tests, Beauty-Produkten oder zu Musical-Premieren mal weg …

  • Aktualität: Weil die Unternehmen, Institutionen und Agenturen völlig veraltete, niemals wirklich aktualisierte Presseverteiler haben.
  • Aufwand: Weil sich keiner der Absender die Mühe gemacht hat, mal zu sehen, über was ich in meinem kleinen, persönlichen Blog ab und zu berichte.
  • Verständnis: Weil bei diesen anscheinend Masse (Zahl der Empfänger) statt Klasse (Qualität der Empfängerinnen) zählt.

An der Wand als Negativ-Beispiel

Wie schade doch. Heißt es nicht in allen Ratgebern, wie natürlich auch in unserem eigenen Fachbuch “Public Relations. Leitfaden für ein modernes Kommunikationsmanagement”, das ich bald mit meinem lieben Kollegen Oliver Jorzik aktualisieren darf: Sorgfalt, Recherche sowie Aufbau und Pflege persönlicher Beziehungen sind die Grundlagen für jede Medienarbeit sowie für erfolgreiche Blogger und Influencer Relations. Eigentlich. Warum hält sich denn dann bitte nicht jeder dran? Hilfe!

Mit solch einer Vorgehensweise tun sich die Absender einen Bärendienst: Stellen wir uns einfach mal vor, was passiert, wenn eine Agentur ausnahmsweise ein relevantes Thema für den Journalisten oder die Bloggerin hätte. Werden diese dies mitbekommen? Nein. Denn alle Mails des Absenders landen bereits automatisch im Spam-Filter, im Ordner “Unwichtig” oder werden übersehen.

Und noch eine letzte Frage: Ist es eigentlich erlaubt, so etwas zu verschicken? Ich bin kein Anwalt. Aber aus meinen Trainings weiß ich, dass eine geschäftliche Beziehung und ein vom Versender nachweisbares Einverständnis vorliegen muss, damit solche Informationen per E‑Mail verschickt werden dürfen. Ansonsten spricht man von Spam. Und liegt diese Einwilligung in meinem Fall vor? Natürlich nicht! Warum spamt ihr mich dann bitte voll?!

Darum — bitte bitte bitte: Einfach lassen!
Das bringt nix. Punkt. Bei mir landen solche Pressemitteilungen nur in Workshops zu moderner Medienarbeit an den Wänden — als Beispiel, wie man es definitiv nicht macht. Endlich verstanden?!


Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Dominik Ruisinger.

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Sieht sich in Unternehmen gut aufgehoben, die mit kontroversen Themen zu tun haben: Claudia Oeking. (c)  Philip Morris Deutschland
Foto: Philip Morris Deutschland
Lesezeit 7 Min.
Interview

„Es gilt, Vorurteile abzubauen“

Claudia Oeking von Philip Morris über ihre Karriere, Chancengleichheit und die Notwendigkeit, dass Unternehmen bei Diversität endlich Fortschritte erzielen. »weiterlesen
 
Rund um die Rolle von Kindern in der Pandemie ist eine hoch emotionalisierte und krisenanfällige Debatte entbrannt. (c) Getty Images/zsv3207
Foto: Getty Images/zsv3207
Lesezeit 6 Min.
Gastbeitrag

Komplexität im Krisenmodus

Kinderbetreuung in Corona-Zeiten – bei diesem sensiblen Thema wird aus Wissenschaftskommunikation schnell Krisenkommunikation. Was das für die kürzlich vorgestellte „Corona-Kita-Studie“ der Bundesregierung bedeutet, berichtet Katrin Münch-Nebel von der Agentur Ressourcenmangel. »weiterlesen
 
Lutz Meyer will die Kommunikation beim VDA neu gestalten. (c) VDA
Foto: VDA
Lesezeit 1 Min.
Meldung

Lutz Meyer übernimmt Kommunikation des VDA

Der PR-Profi will die Kommunikation beim Verband der Automobilindustrie (VDA) neu gestalten. »weiterlesen
 
Höttges bei der Bilanzpressekonferenz im Februar 2020. Links: Pressesprecher Philipp Schindera. (c) Picture Alliance/Sven Simon
Foto: picture alliance/Sven Simon | Malte Ossowski/SvenSimon
Lesezeit 4 Min.
Meldung

Timotheus Höttges verständlichster Redner

Die Universität Hohenheim analysierte die Reden der CEOs der DAX-30-Unternehmen. Sie enthalten weniger Bandwurmsätze und unverständliche Fachbegriffe. »weiterlesen
 
Agilität kann helfen, schneller auf Herausforderungen zu reagieren. (c) Getty Images/Dmytro Varavin
Foto: Getty Images/Dmytro Varavin
Lesezeit 4 Min.
Studie

In fünf Schritten zur agilen Kommunikationsabteilung

Trotz beziehungsweise gerade in Corona-Zeiten kann Agilität helfen, schneller auf Herausforderungen zu reagieren. Ein Forschungsprojekt der Universitäten Leipzig, Wien und Münster zeigt, auf welche Aspekte es bei der agilen Transformation ankommt. »weiterlesen
 
Antje Karbe von der Pressestelle der Universität Tübingen nahm als Erstplatzierte den IDW-Preis für Wissenschaftskommunikation entgegen. (c) Uni Tübingen / ZFM
Foto: Uni Tübingen / ZFM
Lesezeit 2 Min.
Meldung

Wissenschaftskommunikation zweifach ausgezeichnet

Gleich zwei Preise würdigten die Wissenschaftskommunikation: Drei Kommunikatorinnen sind Forschungssprecherinnen des Jahres. Und die Universität Tübingen überzeugte mit einer Pressemitteilung. »weiterlesen