Die fortschreitende digitale Transformation fördert Teilhabe, aber auch Isolation, wie Publizist Georg Milde auf einer Reise um die Welt beobachtet hat. (c) Getty Images/NicoElNino
Die fortschreitende digitale Transformation fördert Teilhabe, aber auch Isolation, wie Publizist Georg Milde auf einer Reise um die Welt beobachtet hat. (c) Getty Images/NicoElNino
Digitale Kommunikation

Planet der Informationsblasen

Für sein neues Buch reiste Georg Milde binnen 13 Wochen in 13 Länder und an Orte des Umbruchs. Ihn leitete die Frage: Was treibt die rasante Transformation in einer Welt an, die sich immer mehr vernetzt? Hier schildert er seine Eindrücke.
Georg Milde

Betrachtet ein Astronaut von seinem Raumschiff aus die Erdkugel, so erblickt er als Zeichen des dortigen Lebens die erleuchteten Punkte der nächtlichen Städte. Mit viel Zoom erkennt er außerdem wichtige Verkehrsadern. Was jedoch selbst ein Astronaut nicht sehen kann, ist die alles umspannende Kommunikation der Erdenbürger untereinander.

Ich wollte mehr über das Kommunizieren herausfinden, und so reiste ich los, um in 13 Ländern der Welt diesen verbindenden Puls zu spüren, der die gegenwärtige Transformation vorantreibt. Es ist der Austausch der sich weltweit vernetzenden Menschheit in ihrem zunehmend digital geprägten Lebensalltag in Form von Informationen. Und es sind der stets neue Content und Daten als Futter für die immer mächtiger werdenden Algorithmen.

Auf meinem Weg um die Welt – drei Viertel meiner Stationen zählen zu den größten Metropolregionen – stieß ich häufig auf ein Phänomen, das diesen verbindenden Achsen widerspricht: Ich beobachtete den massiven Rückzug von Menschen in ihre eigene Informationsblase und die geringe Bereitschaft, sich mit Gegensätzlichem auseinanderzusetzen.

Überall auf der Welt leben Menschen in solchen Blasen, die weit über den auf Algorithmen fixierten Begriff der „Filter Bubble“ hinausgehen. In Brasilien etwa traf ich arme Favela-Bewohner. Deren Behausungen verfügen oftmals über keinen Wasseranschluss, stattdessen jedoch – illegal angezapften Stromleitungen sei Dank – über Flachbildfernseher, aus denen sie sich mit Telenovelas dauerberieseln lassen. Diese Sendungen scheinen jedoch eher als Narkotikum denn als Aufstiegsanreiz zu wirken, wie ich auch in Mexiko beobachtete. Am Ende handelt es sich hier doch bloß um eine gefühlte Teilhabe an der Welt der Reichen und Schönen.

Die reale Welt bleibt zunehmend außen vor

Dennoch ist die Aufstiegshoffnung von Menschen generell eine zentrale Triebfeder für ihre Bereitschaft zur Weiterentwicklung. Ihr Verhalten wird durch Kommunikation gezielt beeinflusst. In Indien beschrieb mir der CEO des Ablegers eines international tätigen Unternehmens: „Unsere Zielgruppe möchte Teil der großen weiten Welt sein. Deshalb kauft sie westliche Konsumprodukte.“

Statusorientierte Anschaffungen, auch wenn der Kunde diese eigentlich gar nicht benötigt – es geht ihm, frei nach dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu, um das Nachleben des Lebensstils höherer Schichten. Dieses „Show off“-Verhalten ist an vielen Orten der Welt zu beobachten. Am extremsten fiel es mir im Libanon auf.


Hinweise auf südkoreanischen Bürgersteigen holen den Smartphone-Nutzer zurück in die reale Welt. (c) Georg Milde

Hinweise auf südkoreanischen Bürgersteigen holen den Smartphone-Nutzer zurück in die reale Welt. (c) Georg Milde


In den Industrieländern von Großbritannien bis Japan erlebte ich immer wieder aufs Neue, wie sich die Menschen mit Streamingdiensten, Onlineshopping, Spielekonsolen und Social-Media-Identitäten in ihren jeweiligen Blasen bewegen. Ich bin heute mehr denn je überzeugt: Personifizierte Kaufempfehlungen und ähnliche Annehmlichkeiten werden in den kommenden Jahren ergänzt werden durch zusätzliche Virtual-Reality-Systeme, die den individuellen Vorlieben immer besser angepasst sind. Und außen vor bleibt die reale Welt …

Warnhinweise auf den Gehwegen

Ich denke an meine Ankunft in New York. Kurz nach der Landung kam ich ins Gespräch mit einer Amerikanerin. Die Managerin beklagte, dass die Debatten in den sozialen Netzwerken viel rauer geworden seien. „Da posten nur noch extrem Linke gegen extrem Rechte“, meinte sie und sieht als eine der Ursachen die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten ihres Heimatlands: „Die unterschiedlichen Kreise bleiben zunehmend unter sich.“ 

Sogar unter Nachbarn würden sich jene mit gegenläufiger Meinung eher meiden. Sie selbst tausche sich daher lieber nur noch mit engeren Kontakten aus. Doch wer nur mit ähnlich denkenden Mitmenschen kommuniziert, fühlt sich von diesen in seiner Meinung bestätigt, bis er diese Meinung gar für die Mehrheitsmeinung innerhalb der Gesellschaft hält.

In Tokio erlebte ich, wie sich solche geschlossenen Räume sichtbar manifestieren: In der sogenannten Electric City begeben sich die vielen Manga-Fans auch äußerlich in die Traumwelten der Rollenspiele. Hunderttausende sogenannte Hikikomori ziehen sich über Jahre hinweg in ihre Wohnung zurück, um dem immensen Erwartungsdruck der japanischen Gesellschaft und deren hierarchischen Traditionen zu entfliehen. 

Als eindrückliches Symbol der Schnittstelle zwischen individueller Blase und äußerer Welt blieben mir die Warnhinweise auf den Bürgersteigen in Südkorea in Erinnerung. Kurz vor Kreuzungen bedeuten sie allen auf ihr Smartphone starrenden Fußgängern, dass sie nun wieder die möglichen Gefahren des Straßenverkehrs beachten sollen.

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Bild: Das sind die Top 3 der Wissenschafts-Blogs 2018 (c) Screenshots
Bild: Screenshots
Lesezeit 1 Min.
Meldung

„Theorieblog“ ist Wissenschafts-Blog des Jahres

Ein Blog über politische Theorie setzte sich in einer Leser-Wahl gegen 28 Konkurrenten durch. »weiterlesen
 
Eine kluge Strategie beinhaltet fünf Schritte. (c) Getty Images/avdyachenko
Foto: Getty Images/avdyachenko
Lesezeit 4 Min.
Ratgeber

So wird der Podcast ein Erfolg

Unternehmen sollten Audioformate als attraktiven Bestandteil ihres Kommunikationsmixes begreifen. Wie Sie in fünf Schritten strategisch klug vorgehen. »weiterlesen
 
30 Clowns sind für den Verein Rote Nasen Deutschland in Kliniken und Heimen unterwegs. Ihre Medizin: Humor. (c) Gregor Zielke
Foto: Gregor Zielke
Lesezeit 5 Min.
Gastbeitrag

Lachen als Medizin

Mit Humor helfen Clowns in Kliniken und Pflegeheimen, Spannungen und Angst abzubauen. Das Geheimnis ihrer Kommunikation ist universell – und kann auch im beruflichen Alltag wertvoll sein. »weiterlesen
 
Manchmal müssen wir Konventionen brechen, um unsere eigenen Ansprüche erfüllen zu können. (c) Getty Images/RuthBlack
Foto: Getty Images/RuthBlack
Lesezeit 3 Min.
Essay

Verstehen Sie Spaß?

Spaß ist ein wesentlicher Treiber unseres Tuns, und er scheint als solcher wichtiger zu werden. Das belegen Umfragen und Studien. »weiterlesen
 
Wie ein Leckerli: Die perfekte Überschrift ködert den Leser. (c) Getty Images/Vergani_Fotografia
Foto: Getty Images/Vergani_Fotografia
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Leckerli für den Leser

Kurz und reizvoll soll sie sein, ohne den Textinhalt zu verfälschen: die Überschrift. Rechtsstreitigkeiten belegen, wie heikel das Formulieren mitunter ist. Wann ist eine Überschrift gelungen, wann kritisch? Unser Kolumnist klärt auf. »weiterlesen
 
Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmtheit im Job steigern die Zufriedenheit. (c) Getty Images/Choreograph
Foto: Getty Images/Choreograph
Lesezeit 4 Min.
Studie

So zufrieden sind PR-Profis

Welche Faktoren beeinflussen die Zufriedenheit im Beruf? Und sind PRler heute zufriedener als früher? Antworten liefert Teil 3 unserer Serie zur Studie „Kommunikationsmanagement 2018“. »weiterlesen