Der Rundfunkbeitrag steigt ab 2021. Warum? (c) Josh Appel / Unsplash
Der Rundfunkbeitrag steigt ab 2021. Warum? (c) Josh Appel / Unsplash
Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk

Der Rundfunkbeitrag steigt – warum eigentlich?

Der Rundfunkbeitrag soll steigen. Das wirft Fragen auf.
Claudius Kroker

In den aufkommenden Wirren der Corona-Pandemie ist Mitte März eine Meldung in den Medien fast in den Hintergrund gerückt: Die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder haben sich darauf verständigt, den Rundfunkbeitrag anzuheben, und zwar zum 1. Januar 2021 auf dann 18,36 Euro im Monat. Ich frage mich: Warum?

Offiziell heißt es: „Die Rundfunkanstalten haben den gesetzlichen Auftrag, mit ihren Programmen täglich möglichst viele Menschen mit Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu versorgen. Um dies unabhängig erfüllen zu können, sichert der Rundfunkbeitrag die Finanzierung von ARD, ZDF und Deutschlandradio.“

Nun argumentieren einige Befürworter der Erhöhung damit, dass von den Beiträgen nicht nur das tägliche Programm mitfinanziert wird, sondern auch Forschungs- und Bildungsprojekte, der Unterhalt von Sende- und Musikarchiven sowie Rücklagen für die Pensionen der öffentlich-rechtlichen Mitarbeiter. Und dieser Aufwand steige. Das mag richtig sein. Aber in erster Linie soll der Rundfunkbeitrag – wie es offiziell heißt –„Vielfalt und Qualität“ durch die „frei zu empfangenden Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Hörfunk, Fernsehen und Internet“ sichern. Eine Grundversorgung mit qualitativ hochwertigem, inhaltlich korrektem und handwerklich gut gemachtem Journalismus.

Zu viel Meinung, zu wenig Grundlagen

Und schon bei der Grundversorgung sei die Frage erlaubt, was da alles dazu gehört. Brauchen wir wirklich jeden Tag mehrere (!) Talkshows im Fernsehen? Anne Will, Sandra Maischberger, Markus Lanz, Maybrit Illner, Frank Plasberg usw. etc. pp. Mit austauschbaren Botschaften und den immer gleichen Köpfen? Die Programmstruktur und das Angebot der Sender lassen sich kaum noch voneinander unterscheiden.

Was mich besonders am Sinn des Talkshow-Wahn zweifeln lässt: Es geht in den sich gleichenden Programmen um eine meist begrenzte Anzahl willkürlicher, mehr oder weniger aktueller und nicht selten abgedroschener Themen, und von Hunderten Talkshow-Auftritten entfallen nur wenige Dutzend auf Fachleute, die von diesen Themen auch mal Ahnung hätten. Meist sind es die immer selben Politikerinnen und Politiker, die in den Sendungen ihre Botschaften herunterspulen, sich darstellen und drehbuchmäßig echauffieren und damit für eine leider oft platte und gelegentlich vereinfachend-polarisierende Debatte sorgen. Loriot hat das als Monster-Darsteller Vic Dorn herrlich formuliert.

Mängel bei Allgemeinwissen und Sorgfalt

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich sehe durchaus, dass die öffentlich-rechtlichen Sender (ARD mit den Landesprogrammen, ZDF, Arte, 3Sat, Phoenix etc.) ein in weiten Teilen großartiges Programm machen, das unbedingt gesichert werden muss. Viel findet aber in deren Nischenprogrammen statt. Die große Bühne gehört oft dem Talk. Ob Polit-WG im WDR, Maischberger im Ersten oder Illner im Zweiten: Es geht um Debatte und Meinung. Die Vermittlung von Basics, von Basiswissen, kommt dabei aber oft zu kurz.

Der Mangel an Basiswissen ist ein weiteres Problem (nicht nur) in den Rundfunk-Medien: Es passieren immer wieder Fehler in der Berichterstattung. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts erzählte im Radio die Moderatorin, die Europäische Zentralbank habe Anleihen für zwei Millionen Euro aufgekauft – leider falsch. Es musste „Billionen“ heißen. Nach der Landtagswahl in Thüringen im vergangenen Herbst hieß es in einer Kika-Nachrichtensendung, die Menschen in Thüringen hätten „eine neue Regierung gewählt“. Das ist natürlich Unfug. Sie haben die neue Zusammensetzung des Landtags gewählt (deshalb heißt das Ding ja auch „Landtagswahl“). Und vor zwei Wochen sprach eine WDR-Moderatorin immer wieder von der bevorstehenden „Öffnung der Büchereien“ – gemeint waren aber Buchhandlungen. Derlei Beispiele gibt es fast täglich auf nahezu allen Kanälen.

Das ZDF hat für seine Nachrichten-Sendung „heute“ sogar eine eigene Website, auf der die bekannt gewordenen Fehler benannt und korrigiert werden. Das ist im Sinne der Transparenz löblich. Dass es aber auch nötig ist, ist erschreckend, zeigt es doch, dass Medien fast täglich Fehler in Umlauf geben – sicherlich nicht bewusst und nur selten schwerwiegend. Das macht die Sache aber nicht weniger brisant. Das Allgemeinwissen vieler Moderatoren und Redakteure ist einfach schlecht.

Ich habe hier schon manches Mal Fehler in der Berichterstattung von Zeitungen und Rundfunk, schlecht recherchierte Beiträge oder überhastete und ungeprüfte Meldungen kritisiert. Regelmäßig halten mir dann Kollegen entgegen, die ausgedünnte Personaldecke in vielen Verlagen, Sendeanstalten und Redaktionen sei daran schuld. Zum Recherchieren bleibe da nicht immer genügend Zeit.

Eine gute Recherche ist wichtig

Das mag ich nicht uneingeschränkt gelten lassen. Denn eine saubere Recherche gehört zum Grundverständnis von Journalismus. Außerdem liegt vielen Fehlern – zumindest den oben erwähnten – nicht einmal mangelnde Recherche oder mangelnde Zeitbudgets zugrunde, sondern mangelndes Wissen. Es sind die Basics, die fehlen. Wer tagesaktuell berichtet, muss die Grundzüge unseres politischen Systems kennen sowie die Zusammenhänge und Wirkmechanismen in Wirtschaft und Gesellschaft, die Bedeutung von Amtsbezeichnungen, Hierarchien, Feiertagen oder Jubiläen. Und wer sie nicht kennt, muss sie kennenlernen.

Insofern halte ich die beschlossene Erhöhung des Rundfunkbeitrags nur dann für angezeigt, wenn zumindest ein Teil davon in eine hochwertige Aus- und Weiterbildung von Journalisten gesteckt wird – und in faire Honorare, die an informierende und sorgfältig arbeitende Journalisten gezahlt werden. Freie ebenso wie festangestellte. Talkshow-Flut, Wissenslücken, Enten und überteuerte Produktionen gehören nicht dazu.

Wie oben gesagt: es gibt in den Öffentlich-Rechtlichen viele gut gemachte, informative oder unterhaltsame Sendungen, Features und Filme. Und es geht mir nicht (nur) um den Ruf nach Einsparungen – vor allem dann nicht, wenn dadurch weitere Stellen in Redaktionen abgebaut und Aufträge an Journalisten reduziert werden. Es geht mir um Investitionen mit Augenmaß: Weniger Talkshow-Wahn, weniger 08/15-Unterhaltung und schlechte Moderatoren, die sich selbst vielleicht am tollsten finden. Dafür aber weniger Fehler und mehr Sorgfalt in der Berichterstattung.

 

 
 


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