(c) Thinkstock/BrianAJackson
(c) Thinkstock/BrianAJackson
Kolumne

Gründlichkeit vor Schnelligkeit

Claudius Kroker erklärt am Beispiel der Gerichtsberichterstattung, wie sich komplexe Sachverhalte und verständliche Nachrichten wieder vertragen könnten und was Pressesprecher dafür tun können.
Claudius Kroker

Als der Deutsche Journalistenverband in Nordrhein-Westfalen im November des vergangenen Jahres zum Journalistentag nach Duisburg einlud, stand mit Bundesrichter Thomas Fischer ein besonders prominenter Name auf der Referentenliste. 

Fischer hatte bereits mehrfach die Gerichtsberichterstattung in Deutschland gerügt und auch im November beklagt, dass Journalisten komplexe rechtliche oder verfahrenstechnische Sachverhalte und differenzierte Bewertungen in ihrer Berichterstattung oft vereinfachen und mitunter verfälschen. Wie um ihm Recht zu geben, haben die führenden deutschen „Qualitäts“-Medien im Februar dieses Jahres zum NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts gleich mal eine Falschmeldung verbreitet. Die NPD werde verboten – uups, das war wohl ein bisschen voreilig. 

Ich kann mich noch an Thomas Fischer erinnern, als er Vorsitzender Richter am Landgericht in Leipzig war, Mitte der 1990er Jahre. Ich habe damals als freier Mitarbeiter für die dpa aus dem Landgericht und aus dem Sächsischen Verfassungsgerichtshof berichtet, so manches Verfahren haben wir auf diese Weise gemeinsam bestritten.

Die Arbeitsgrundsätze der dpa

Dabei galten für die Arbeit bei der dpa immer zwei Grundsätze. Der eine lautete „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“ – auch wenn ich berichtenswerte Informationen über bevorstehende Verfahren erfahren hatte: An die Öffentlichkeit durften wir damit immer erst dann gehen, wenn eine Bestätigung oder Pressemitteilung des Gerichts vorlag. Alles wurde zunächst schriftlich abgesichert. Niemand hätte eine Falschmeldung über ein NPD-Urteil getwittert. Was natürlich auch daran lag, dass einem mangels mobiler Telekommunikationsformen ohnehin nichts anderes übrig blieb, als sich ein Urteil erst einmal aufmerksam und in Ruhe anzuhören, bevor man davon berichtet.

Der mobilste Weg war damals eine Art Telefonzellen-Handy, zu dem die Reporter im Einsatz immer auch den Akku-Koffer mitschleppen mussten. Der reguläre Weg war der zunächst wieder in die Redaktion zu gehen und mit der gebotenen Sorgfalt das Gehörte in einen Beitrag umzusetzen.

Der zweite Grundsatz lautete: So schreiben, dass es objektiv, sachlich und korrekt ist, aber eben auch für die Leserinnen und Leser verständlich. Nun mag die von Thomas Fischer geforderte optimale Verbindung von sachlich fundierter Rechtsprechung und öffentlichkeits-orientierter Berichterstattung auch in seiner Person selbst begründet liegen. Immerhin vermochte er, durch seinen vor Gericht erstrittenen Platz am Bundesgerichtshof und durch seine Forderung nach einer differenzierten Neu-Definition des Mord-Paragraphen, sich selbst in den Mittelpunkt öffentlicher Berichterstattung zu schieben. 

Pressesprecher müssen Sachverhalte verständlicher aufbereiten

Im Prinzip hat er natürlich Recht: Es werden oftmals viel zu schnell und voreilig, ohne differenzierte Betrachtung Berichte veröffentlicht, Berichtenswertes wird weggedrückt, weil es Arbeit bedeuten würde diese Inhalte aufzubereiten. Und genau hier liegt die Aufgabe der Pressesprecherinnen und Pressesprecher: Sachverhalte so aufzubereiten, dass sie bereits ein Stück weit verständlich sind. 

Das gilt für die Pressesprecher bei Gericht – die oftmals Juristen, aber keine Journalisten sind – das gilt ebenso für die Pressestellen und Agenturen, die Pressemitteilungen von High-Tech-Unternehmen, Kommunalbehörden oder Forschungsfirmen über wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimaschutz, mikrobiologische Zusammenhänge oder Wirtschaft und Finanzen in Umlauf geben, die niemand versteht.

Je mehr Ich-Botschaften sie durch Leser-Verständnis ersetzen, je weiter sie komplexe Sachverhalte herunterbrechen auf News, die für Journalisten auf den ersten Blick erkennbar werden, umso mehr haben sie zum Miteinander von Pressestelle als Informant und Redaktion als Mittler geleistet.

Jetzt müssen nur noch Redaktionen und Journalisten den Mut haben, im hektischen Wettbewerb um Schlagzeilen einen Vorsprung von zehn Sekunden zugunsten der Sorgfaltspflicht aufzugeben. Dann wird noch immer nicht alles so sein, wie sich Thomas Fischer das wünscht. Aber ein guter Weg dahin wäre das allemal.

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Teil des Jobprofils: Analyse und Interpretation der Erwartungen von Stakeholdern. (c) Getty Images/scyther5
Foto: Getty Images/scyther5
Lesezeit 3 Min.
Gastbeitrag

Neue Zeiten erfordern ein neues Jobprofil

Das Konzept der Communications Business Partner sieht Kommunikationsverantwortliche in der Rolle des Coaches und Advisors. Das kann zu mehr Einfluss der Kommunikation auf geschäftliche Entscheidungen führen. »weiterlesen
 
Auf den Spuren eines Regenwaldes in der Antarktis: das Forschungsschiff "Polarstern". (c) J.P. Klages, Alfred-Wegener-Institut
Foto: J.P. Klages, Alfred-Wegener-Institut
Lesezeit 2 Min.
Meldung

Wissenschafts-Pressemitteilungen ausgezeichnet

Sensationelle Forschungsergebnisse treffen auf professionelles PR-Handwerk: Das sind die besten Pressemitteilungen aus Wissenschaft und Forschung 2020. »weiterlesen
 
Die Einschätzung von Expert*innen der Uniklinik Essen zur Corona-Lage ist sehr gefragt.(c) Universitätsklinikum Essen
Foto: Universitätsklinikum Essen
Lesezeit 5 Min.
Analyse

Überregional sichtbar in der Krise

Das Universitätsklinikum Essen hat bisher rund 2.200 mit dem Coronavirus infizierte Menschen behandelt. Wie geht die Kommunikationsabteilung mit dieser Ausnahmesituation um? »weiterlesen
 
Bettina Fetzer und Jörg Howe (c) Daimler
Foto: Daimler
Lesezeit 3 Min.
Meldung

Mercedes-Benz legt PR und Marketing zusammen

Bettina Fetzer leitet die neue Abteilung. Jörg Howe wechselt zu Daimler Trucks. »weiterlesen
 
Avenarius wurde 2007 vom BdP für sein Lebenswerk ausgezeichnet. (c) Quadriga Media
Foto: Quadriga Media
Meldung

Horst Avenarius ist gestorben

Avenarius hatte 16 Jahre die Unternehmenskommunikation von BMW geleitet.  »weiterlesen
 
Einfach mal stummschalten: Das Dauerrauschen in den Medien wird zur Belastung. (c) Getty Images/Tick-Tock
Foto: Getty Images/Tick-Tock
Lesezeit 4 Min.
Kolumne

Sehnsucht nach Stille

Dauerrauschen und Dauerbeschallung führen dazu, dass unsere Speicher voll sind. Für neue, wichtigere Informationen gibt es keinen Platz mehr. Unser Kolumnist wünscht sich mehr Stille. »weiterlesen