Joe Kaeser äußerst sich in einem Tweet bewusst politisch und wird dafür kritisiert./ Joe Kaeser: (c) Siemens-AG
Joe Kaeser äußerst sich in einem Tweet bewusst politisch und wird dafür kritisiert./ Joe Kaeser: (c) Siemens-AG
CEO äußert sich politisch

Darf Joe Kaeser das? Selbstverständlich!

Joe Kaeser äußert sich politisch und steckt dafür Kritik ein. Ein CEO dürfe nichts zu gesellschaftlichen Fragen sagen. Stimmt das?
Toni Spangenberg

Siemens-Chef Joe Kaeser äußert sich auf Twitter politisch. Dafür schlägt ihm heftige Kritik entgegen. „Ein massiver Loyalitätsbruch“ gegenüber Aktionären sei das, verurteilt unter anderem Philosoph Reinhard Sprenger den CEO im Interview mit der Wirtschaftswoche. Kaeser sei „übergriffig“. Er kritisiert eine „Moralisierung“, die sich „wie ein Spaltpilz ausbreitet.“ Kurzum, Kaeser soll den Mund halten. Politisch äußern dürfe er sich nicht. Hat er Recht? Nein. Ein Wirtschaftsboss darf sich nicht nur politisch äußern. Er soll es sogar. Denn Unternehmen sind eben nicht, wie Sprenger sagt, der „Neutralität“ und nur den Aktionären gegenüber verpflichtet, sondern gestalten Gesellschaft als Teil dieser aktiv mit. Im konkreten Fall äußerte sich Kaeser zu Carola Rackete, der Kapitänin der Sea-Watch-3. Sie hatte 40 Migranten gerettet und mit ihrem Schiff nach Lampedusa gebracht. Damit verstieß sie gegen italienisches Recht und steht daher seitdem unter Hausarrest. Selbstverständlich darf Kaeser das kritisieren.

Der Tod der Moral

Laut Sprenger zähle in der Wirtschaft allerdings keine Moral, sondern nur der Kunde, der für „Produkte und Dienstleistungen zahlt“. Alles andere „muss man den Kirchen überlassen.“ Sprenger fordert also, dass sich Wirtschaftsbosse aus gesellschaftlichen Debatten raushalten. Was heißt das, denkt man diesen Gedanken zu Ende? Politisch motivierte Morde, wie den an Kassels Regierungspräsidenten Walter Lübcke, müssten CEOs wie Kaeser unbeachtet und unkommentiert links liegen lassen. In Teilen Afrikas und Asiens müssen Kinder unter miserablen Bedingungen arbeiten, statt die Schule zu besuchen. Kein Kommentar aus der Wirtschaft. Warum den Mund aufmachen, solange die Unternehmsbilanz stimmt? In Nordkorea hungert ein ganzes Volk während die herrschende Elite im Luxus schwelgt. Was die Firmen dazu sagen? Wieder kein Kommentar. Stellung beziehen? „Dafür sind in einer Demokratie gewählte Politiker da, und keine Wirtschaftsleute“, findet Sprenger. Diese Position kommt einem Abschied des Gewissens gleich und beerdigt jegliche Moral. Claudia Sommer kann Sprengers Haltung nicht nachvollziehen: „Nach seiner Logik ist es auch okay und Pflicht mit Verbrechern Geschäften zu machen. Es wäre zB total okay gewesen mit den Nazis Geschäfte zu machen“, twittert sie.

Um Unternehmen nicht von jedweder Moral zu entfremden, müssen sie Stellung beziehen, wenn es angebracht ist. Insofern ist Joe Kaeser auch nicht zu kritisieren, sondern dafür zu loben, Haltung zu zeigen. „Wenn es um Grund- und Menschenrechte geht, muss sich aus meiner Sicht jeder einmischen. Dazu bedarf es keiner politischen Legitimation oder eines Amtes“, twittert Florian Hohenauer, Managing Director der Kommunikationsberatung Hotwire. Er hat völlig Recht.

 

 

 
 

Kommentare

Viele CEOs halten es mit Karl Valentin: "Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!" Das hat Herr Sprenger wohl noch übersteigert, indem er den CEOs die Meinungsäusserung gleich ganz verbieten will.


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