Wechselt sich im Corona-Podcast des NDR mit Christian Drosten ab: Prof. Sandra Ciesek. (c) Picture Alliance/dpa/Frank Rumpenhors
Wechselt sich im Corona-Podcast des NDR mit Christian Drosten ab: Prof. Sandra Ciesek. (c) Picture Alliance/dpa/Frank Rumpenhors
Sandra Ciesek versus „Spiegel“

Beleidigende Fragen und gönnerhaftes Lob

Zwei Redakteurinnen des Nachrichtenmagazins versuchten, die renommierte Virologin Sandra Ciesek in einem Interview als „Quotenfrau“ und „die Neue an Drostens Seite“ abzuqualifizieren. Auf Kritik reagierte die „Spiegel“-Redaktion unsouverän und anbiedernd.
Volker Thoms

Am Wochenende konnte man auf Twitter mal wieder verfolgen, wie wenig souverän und ungeschickt erfahrene Journalist:innen von Leitmedien agieren, wenn ihre Arbeit kritisiert wird.

Die beiden „Spiegel“-Redakteurinnen Rafaela von Bredow und Veronika Hackenbroch hatten die Virologin Sandra Ciesek interviewt. Die 42-Jährige ist Professorin und Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie in Frankfurt. Seit kurzem tritt sie im Wechsel mit Christian Drosten im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ auf. Die „Spiegel“-Redakteurinnen eröffneten das Interview mit drei aus ihrer Sicht provokanten Fragen. Die meisten Leserinnen und Leser empfanden den Intervieweinstieg als herabwürdigend.

Die erste Frage lautete, ob Ciesek denn klar sei, dass Sie „die Quotenfrau“ sei – in Anspielung darauf, dass der NDR für das Wechselspiel mit Drosten eine Frau präferiert haben soll. Die aus dem TV bekannten Virolog:innen sind ebenfalls überwiegend männlich. Die zweite Frage wertete Cieseks berufliche Expertise mit dem Hinweis ab, sie sei „die Neue an Drostens Seite“. In der nächsten Frage hieß es „Ihre ersten Podcast-Folgen klangen ein wenig nach Volkshochschule“. Es wirkt wie der Versuch der „Spiegel“-Redakteurinnen besonders kritisch rüberzukommen und Ciesek klar zu machen, dass sie sich bloß nicht einbilden solle, bereits das Standing von Christian Drosten erreicht zu haben, nur weil sie jetzt auch im NDR-Podcast auftritt. Der Rest des Interviews ist ein sachliches Gespräch.

Die drei Fragen standen in der Online-Version vor der Paywall. Die Twitter-Empörung ließ folglich nicht lange auf sich warten. Tendenziös, beleidigend, unterirdisch und frauenfeindlich hieß es in den Kommentaren. Ciesek selbst machte ihrem Unmut ebenfalls Luft: „Bin bisschen überwältigt, was das Interview für Wellen schlägt. Ich war auch irritiert von den provokanten Fragen und deren Sinn. Einschüchterung? Schlagzeilen? Führt jedenfalls dazu, dass Frau sich weiter aus solchen Dingen zurückzieht. War das die Mission?“, twitterte sie. Ciesek folgen auf Twitter mehr als 35.000 Personen. Sie erhielt viel Zuspruch. Drosten retweetete. 

Zu den Grundregeln der Krisenkommunikation gehört es, klare Verantwortlichkeiten zu benennen. Man soll mit einer Stimme sprechen, heißt es so schön. Angesichts der Vehemenz der Kritik und der Menge an negativen Kommentaren war Schweigen für den „Spiegel“ in diesem Fall jedenfalls keine Option. Es meldeten sich dann auch peu à peu Mitglieder der Redaktion zu Wort, die durch ungeschickte Kommentare stets neues Öl ins Feuer gossen.

„Traurig“

Los ging es mit Olaf Stampf, seit 2001 Leiter des Wissenschaftsressorts, der Ciesek fragte, was denn schlimm an provokanten Fragen sei, um im väterlichen Ton fortzufahren: „Zumal wenn man so souverän antwortet wie Sie. Auch sonst haben Sie mit meinen Kolleginnen @bredow und @VHackenbroch ein kluges, informatives Gespräch geführt.“ Ciesek machte diese relativierende Reaktion „traurig“.

Als nächstes meldete sich Mitautorin Rafaela von Bredow zu Wort, die auf Cieseks Hinweis, der Satz mit der Volkshochschule sei bewusst beleidigend und abwertend gewesen, antwortete: „Liebe Frau @CiesekSandra, nein, das war es nicht. Wenn Sie unsere kritische Frage so empfunden haben, ist das schade. Und bedauerlich, dass Sie das in unserem Gespräch nicht im Entferntesten haben anklingen lassen. Auch in Ihrer Autorisierung des Interviews: kein Wort dazu.“ Es ist der Versuch, Ciesek selbst den Schwarzen Peter zukommen zu lassen entsprechend der Devise „Mensch, warum haben Sie denn nichts gesagt?“. Jemandem das Recht auf seine Empfindungen und Gefühle abzusprechen, hilft in Diskussionen sowieso selten weiter.

Von Bredow postete zusätzlich den Screenshot eines „Bild“-Artikels mit der Überschrift „Wer ist die Neue an Drostens Seite?“. Man hätte sich in der Frage auf „Bild“ bezogen. Weder in der Print- noch Online-Version des Artikels war der Hinweis auf den Ursprung des Zitats enthalten – ein journalistischer Fehler. Auch die zweite Autorin, Veronika Hackenbroch, musste sich natürlich noch zu Wort melden. Sie bezog sich ebenfalls auf den fehlenden „Bild“-Hinweis und versuchte ihrerseits die Schwarze-Peter-Nummer. „@CiesekSandra hatte in unserem Interview Gelegenheit, darauf zu reagieren“, um dann wie Ressortleiter Stampf ein gönnerhaftes „Sehr souverän und sympathisch, toll!“ folgen zu lassen. Eine Virologin, die fachlich kompetent ist und selbst auf saublöde Fragen professionelle Antworten gibt, lag für die „Spiegel“-Leute offenbar bisher außerhalb des Vorstellbaren.

Abwerten ist das neue „kritisch“

„Spiegel“-Medienredakteur Alexander Kühn verspürte den Drang, seinen beiden Kolleginnen beizuspringen. „Die Kolleginnen @bredow und @VHackenbroch haben großen Anteil an der besonnenen Corona-Berichterstattung des @Spiegel. Dass sie eine anerkannte Virologin kritisch befragen und nicht wie Aktivistinnen, macht sie für mich journalistisch noch glaubwürdiger.“ Ein solches Lob von einem Kollegen ist nett gemeint. Für Außenstehende wirkt es leider eben nicht glaubwürdig. Man sitzt ja im selben Boot.

Die Meinung, die ersten drei Fragen des Interviews seien kritisch und nicht beleidigend gewesen, hatte Kühn zudem exklusiv. Den Vorwurf, dass von Bredow und Hackenbroch „Aktivistinnen“ seien, hatte übrigens niemand gemacht, lässt aber erahnen, dass beim „Spiegel“ in anderen Zusammenhängen wohl durchaus Interviews aus Aktivisten-Perspektive geführt werden. Kühn hielt es dann noch für eine gute Idee, den Auszug eines von ihm geführten etwa fünf Jahre alten Interviews mit Jan Böhmermann zu posten, das der Redakteur mit der Frage „Herr Böhmermann, sind Sie wirklich so ein Arschloch?“ einläutete. Kritisch.

Sandra Ciesek machte den Vorschlag, doch das gesamte Interview und nicht nur die ersten drei Fragen freizuschalten. Den Wunsch wollte man ihr vonseiten des „Spiegel“ nach dem ganzen Ärger wohl dann doch nicht abschlagen. Jonas Leppin, Chef vom Dienst am Newsdesk des Nachrichtenmagazins, schickte noch einige warme Worte hinterher: „Im NDR-Podcast erklärt @CiesekSandra die #Corona-Pandemie. Weil sie das auch im @derspiegel-Interview vorzüglich macht – und es Verschwendung wäre, dieses Gespräch auf die ersten drei Fragen zu reduzieren – kann man den Text jetzt frei lesen. Do it.“ Sehr freundlich.

Auch andere leisteten moralische Hilfestellung. Miriam Hollstein, ab November Chefreporterin in der Funke Zentralredaktion und vorher bei „Bild am Sonntag“, meinte es besonders gut: „Je öfter Sie so etwas machen, umso erfahrener werden Sie im Umgang.“ Ciesek hat Nachhilfe in Medienkunde gar nicht nötig. Sie hat bereits vorher Interviews gegeben: der „Zeit“, dpa und auch bereits im August einmal dem „Spiegel“. Sie stand in Pressekonferenzen Rede und Antwort. Außerdem kann sie auf die Unterstützung der Pressestelle der Uniklinik Frankfurt zurückgreifen.

Auch der „Spiegel“ verfügt über eine Presseabteilung. Es hätte den Redakteur:innen vielleicht geholfen, dort mal nachzufragen, wie man auf einen solchen Shitstorm reagieren soll. Als erstes hätte das Eingeständnis stehen sollen, dass die Fragen an eine der führenden Virologinnen des Landes geschmacklos waren. Stattdessen hatte man lediglich platte Rechtfertigungen parat. Die Sache wäre dann vermutlich schnell erledigt gewesen und hätte nicht noch einige für den "Spiegel" negative Medienberichte im Nachklang zur Folge gehabt.

 

 
 

Kommentare

Wäre schön gewesen, wenn man sich mal auf den Inhalt des Interviews konzentriert hätte. Hat sie denn etwas Interessantes aus wissenschaftlicher Sicht zu sagen? Stattdessen kreischt alles wieder nur: Wer hat die Kokosnuss geklaut...

Schade das eine so kritische und renommierte Zeitung auf Bild Zeitung Niveau sinkt. Für mich hat so ein Journalismus nichts mehr mit kritischen Auseinandersetzten von Themen zu tun. Seit wann haben beleidigende und herabsetzende Fragen was mit Kritik zu tun mit Im allgemeinen stelle ich eine Verrohung der Medien fest. Schade. Langsam wird es eng, wenn sich unabhängig informieren will. Kritische Auseinandersetzungen kann man meiner Meinung nach nur mit reiner Sachlichkeit begleiten. Polemik hat hier nichts zu suchen. Wenn ich Meinungen lesen möchte, da schaue ich mir Kommentare an. Für mich ist diese Zeitung erst einmal unten durch.


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