Meist beherrschen die schlechten Nachrichten die Schlagzeilen. (c) Getty Images/leremy
Meist beherrschen die schlechten Nachrichten die Schlagzeilen. (c) Getty Images/leremy
Kolumne

Bad news are good news – leider!

Niemand mag schlechte Nachrichten. Oder doch? Unser Kolumnist geht der Frage nach, warum in den Medien ausgerechnet die negativen Schlagzeilen vorwiegen.
Claudius Kroker

Auf meine Kolumne zum Thema Corporate Behaviour schrieb mir ein Kollege: „Stimmt leider alles, aber schade ist, dass immer nur über die negativen Beispiele berichtet wird, die vielen tollen Beispiele dagegen bleiben unberichtet ...“

Da hat er natürlich recht. Ich habe nur Negativ-Beispiele gebracht. Deutsche Bahn, Deutsche Bank, Deutsche Post – sie bieten nun einmal besonders hübsche Beispiele für misslungene Kommunikation, zweifelhafte Strategien und rügenswertes Verhalten: ausfallende Züge und komplizierte Ticket-Systeme, steigendes Porto bei weniger Brief-Zustellung, Millionen für die Vorstände, Peanuts für die Kunden.

Die Frage hat aber ihre Berechtigung: Warum berichten Medien fast immer über Negatives? Auch ich ärgere mich manchmal, wenn ich bei der Pressearbeit für Kunden feststelle, dass Bio-basierte und ressourcenschonende Errungenschaften berichtender Unternehmen, Forscher und Hochschulen von Redaktionen zur Seite gelegt werden, um Platz zu schaffen für einen prominenten Rosenkrieg, schlechte Geschäftszahlen oder die Budgetkürzungen beim Hasenzüchterverein.

Aber mal ehrlich: Würden Sie die Zeitung lesen wollen, wenn darin steht: „Alles gut“? Würde die Bild-Zeitung ihre Millionenauflage halten können, wenn die Titelseite nicht mit Sex, Skandalen oder Schandtaten aufmacht? Und bedenken Sie: In den sozialen Medien im Allgemeinen und auf Facebook im Besonderen kennen wir den „Shitstorm“. Aber keinen Lobes-Sturm.

Die Normabweichung als Wirkmechanismus

Zur Erklärung solcher Phänomene gibt es verschiedene Grundlagen. Die Kollegen Josef Ohler und Dietz Schwiesau nennen in ihrem Buch „Die Nachricht“ die sogenannte Normabweichung. Die Presse und ihre Leser interessiert erst einmal alles, was gestern noch nicht war und heute neu ist, eben alles, was vom Normalen abweicht. Eine Bundesregierung, die dem Wählerauftrag entsprechend ihre Arbeit macht – das wäre eher langweilig. Wie gut, dass es Seehofer, Söder und andere bajuwarische Stimmungskanonen gibt, die für ordentlich Zoff sorgen. Dann haben die Medien wieder etwas zu berichten (sonst lohnt sich der Zoff nicht, denn Seehofers Publikationskalkül funktioniert ja nur mithilfe der Medien), und die Leser können sich wunderbar aufregen. Und alles andere als normal ist das dann wohl auch.

Schon Erich Kästner – seines Zeichens nicht nur Buchautor, sondern viele Jahre Mitarbeiter mehrerer Zeitungen – wusste in seinem Buch „Emil und die Detektive“ zu berichten:

„Wenn ein Kalb vier Beine hat, so interessiert das natürlich niemanden. Wenn es aber fünf oder sechs hat, so wollen das die Erwachsenen zum Frühstück lesen. Wenn Herr Müller ein anständiger Kerl ist, so will das niemand wissen. Wenn Herr Müller aber Wasser in die Milch schüttet und das Gesöff als süße Sahne verkauft, dann kommt er in die Zeitung.

 

Eine Normabweichung, wie sie schon vor neunzig Jahren beschrieben war. An den Funktionalitäten und Wirkungsweisen hat sich auch nach zwei Weltkriegen, der Erfindung des Fernsehens und dem Einstieg in die sogenannte mediale Demokratie nichts geändert. Im Gegenteil.

Der Journalist Wolfgang Wiedlich schrieb vor wenigen Tagen in einem Beitrag über den am 2. Juni in der Erdatmosphäre verglühten Asteroid „2018 LA“: „Ein sichtbarer Feuerball, der es schwer hatte, in die Schlagzeilen zu kommen, schließlich hatte er keinen Schaden verursacht.“

Wenn schlechte Nachrichten konstruiert werden

Natürlich lassen sich „bad news“ nicht ungeschehen machen. Soweit sie da sind, muss auf sie hingewiesen und über sie informiert werden. Manchmal werden sie aber auch „herbeirecherchiert“.

Beim letzten Lokführer-Streik – glücklicherweise im Moment kein aktuelles Thema – hatte der WDR einige seiner Reporter an mehrere Bahnhöfe entsandt. Die Moderatorin im Studio ließ sich nun in einer Live-Schalte aus erster Hand informieren. „Herr X, wie ist die Situation in Dortmund, da ist doch bestimmt Chaos?“ Antwort des Reporters: „Nein, gar nicht. Die Reisenden sind offenbar gut vorbereitet, viele haben andere Verbindungen gewählt oder Fahrgemeinschaften gebildet.“ Die Moderatorin hakt nach: „Aber da ist doch bestimmt viel los bei Ihnen, weiß in dem Chaos überhaupt jemand Bescheid?“ Reporter: „Nein, hier ist es relativ ruhig. Wie gesagt: Offenbar sind viele Berufspendler morgens erst gar nicht zum Bahnhof gekommen.“ Abschluss der Moderatorin: „So weit Herr X vom Dortmunder Hauptbahnhof über das Chaos, das der Lokführer-Streik bei den Berufspendlern auslöst.“

Lieber WDR, bevor Ihr Euch aufregt: Nein, es ist nicht wörtlich zitiert. Aber so in etwa hat sich die Live-Schalte abgespielt. Auf den Wortlaut kommt es auch nicht an, mehr auf den Versuch, unbedingt etwas Negatives berichten zu wollen.

„Only bad news are good news“: ein Grund, warum ich keine Fernsehnachrichten mehr schaue. Nicht nur, weil sie negative Nachrichten in kompakter Form bringen. Sie liefern – wie alle Nachrichtenformate – immer nur einen Ausschnitt. Wie viele Flüchtlinge kommen über welche Grenzen nach Deutschland? Wie war das, liebe CSU, doch gleich mit der Pkw-Maut? Gleich welches Thema: Wir sehen immer nur ein Detail. Am liebsten ein negatives. Keiner von uns sieht alles umfassend.

Auf den Punkt gebracht haben es Kinder, die neulich in einer Kirche folgenden Gedanken zum Besten gaben: „Der Hahn verkündet den Moment, an dem das Licht über die Dunkelheit siegt. Auch wir sehen oft nur die dunklen Seiten der Menschen und die bösen Taten, darüber berichten alle Zeitungen und das Fernsehen. Haben wir verlernt, die Lichtseiten im Leben der Menschen zu sehen?“

Das sind Sätze, die einen Journalisten, der die Mechanismen von „bad news“ und „good news“ kennt, sehr nachdenklich machen.

 

 
 


randbemerkung

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