Ein Text muss immer durch mehrere Korrekturschleifen. / CTRL+Z: (c) Getty Images/José Antonio Luque Olmedo
Ein Text muss immer durch mehrere Korrekturschleifen. / CTRL+Z: (c) Getty Images/José Antonio Luque Olmedo
Von der Idee zum Text in 4 Schritten

Apfel-Z – Ändern ausdrücklich erlaubt

Seine eigenen Texte immer wieder zu verbessern und neue Ideen in einen Entwurf einfließen zu lassen, ist kein Zeichen mangelnder Qualität, meint Claudius Kroker. Er weiß, worauf es beim Texten ankommt.
Claudius Kroker

In der Wochenzeitung Die Zeit schrieb Francesco Giammarco vor kurzem über Apfel-Z, also die Tastenkombination, die wir vom Apple-Rechner kennen (geht auch bei Windows, da lautet sie Strg-Z), um den letzten Arbeitsschritt rückgängig zu machen.

Ich liebe diese Funktion. Ich käme wohl auch ohne sie aus, aber sie hat ein paar Vorzüge, die wir Kommunikationsleute guten Gewissens nutzen dürfen. So wie wir grundsätzlich Geschriebenes ändern, überarbeiten, ergänzen und verbessern dürfen. Dafür allein braucht es die Funktion nicht. Es braucht vor allem das Eingeständnis, dass der erste Entwurf selten das letzte Wort ist, geschweige denn der Weisheit letzter Schluss. Ernest Hemingway – immerhin Träger des renommierten Pulitzerpreises und des Literaturnobelpreises – soll es sogar so formuliert haben: „Der erste Entwurf ist immer Scheiße.“

(Fast) alle Texte entstehen in mehreren Arbeitsschritten

In meinen Schreib-Seminaren – egal ob es um Newsletter-Texte und Pressemitteilungen geht, um Kundenmagazine oder ums Redenschreiben – weise ich immer wieder darauf hin, dass jeder Text in mehreren Arbeitsschritten entsteht.

Die ersten drei sind in der Regel einfach nachzuvollziehen, stammen in dieser Reihenfolge von etablierten professionellen Redenschreibern und gelten auch für alle Formen journalistischen Arbeitens:

  1. Recherchieren
  2. Strukturieren
  3. Formulieren

Zwei Dinge sind dabei wichtig: Zum einen kann ich bei der Kalkulation des Zeitaufwands für die Punkte 2 und 3 in vielen Fällen umso weniger Zeit einplanen, je mehr Zeit ich mir für Nummer 1 nehme, für die Recherche. Denn was ich nicht oder nicht vollständig recherchiert habe, muss ich nacharbeiten. Und das braucht beim Formulieren mehr Zeit und birgt die Gefahr von Schachtelsätzen, Bandwurmsätzen, Schreibfehlern oder Bezugsfehlern.

Zum anderen ist ein Text nach Abschluss der oben genannten drei Punkte in den meisten Fällen nicht fertig.

Und hier kommt dann Apfel-Z wieder ins Spiel. Den Absatz umschreiben – schön geworden, passt aber jetzt leider nicht mehr zum Folge-Absatz. Also Apfel-Z. Die Headline überarbeiten, jetzt wird sie zu lang oder – wie Francesco Giammarco seinen Beitrag betitelt hat „Irgendwie war die Überschrift vorher besser“ – also wieder Apfel-Z. Zurück auf Anfang.

Keine Scheu vor dem Redigieren

Dabei empfehlt es sich natürlich nicht immer alles rückgängig zu machen oder gar auf Nimmerwiedersehen den Weiten des endgültig Gelöschten anheim zu geben. Manchmal ist es ganz gut, eine andere Tastenkombination zu benutzen, nämlich „Speichern unter“. Bei Apple durch Apfel (heute: cmd), Shift und S. Auf Windows-Rechnern geht das einfach mit F12. Mit dieser Funktion halten wir bestimmte Fortschritte bei der Texterstellung fest. Also: die Version von heute, die von vor zwei Tagen oder noch früher. Das ist gerade bei längeren Texten, Aufsätzen oder einem Buch-Skript empfehlenswert.

Denn wer weiß, welch kluge Gedanken ich schon im Kopf, in den Fingern oder auf dem Papier hatte, sie aber verworfen habe. Kann gut sein, dass einem die guten Gedanken von einst bei der Überarbeitung des formulierten Textes noch einmal große Hilfe leisten. Denn wie oben schon geschrieben: Nach Abschluss der ersten drei Arbeitsschritte (also nach „Formulieren“) ist ein Text selten wirklich fertig. Es folgt

  1. Redigieren

Und das bringt mich zu einer weiteren wichtigen Botschaft: Es ist völlig normal, dass Text-Entwürfe überarbeitet werden – ergänzt oder gekürzt, redigiert, hier und da vielleicht auch korrigiert. Das ist kein Zeichen mangelnder Qualität, sondern Symptom eines völlig normalen kreativen Arbeitsprozesses. Einige meiner Seminarteilnehmer klagen an dieser Stelle oft über ihre Chefs und Chefinnen, die in der Abstimmungs-Schleife bereits einen druckfertigen Beitrag erwarten oder per se – um zu zeigen, dass sie den Hut aufhaben – um des Korrigierens Willen korrigieren. Beides ist nicht gut und erzeugt lähmenden Frust, wo sprühende Kreativität nötig wäre.

Gutes Briefing verhindert aufwändiges Redigieren

Ein in solchen Fällen von manchen Vorgesetzten wohl gesehener umfangreicher Aufwand beim Redigieren ist wohl auch nicht selten die Folge eines mangelhaften Briefings. Die Daten, Infos, Botschaften und Zitate, die mir beim ersten Entwurf noch nicht vorliegen, kann ich als Autor natürlich auch noch nicht in den Text eingearbeitet haben. Das folgt dann im zweiten Durchgang.

Mitunter gibt es auch noch einen dritten oder vielleicht auch einen vierten Durchgang. Auch das ist je nach internen Abläufen, Institution oder Einhalten diverser kreativer Hierarchie-Ebenen keine Seltenheit. Da wird dann doch noch etwas ergänzt, das von Anfang an gefehlt hat. Oder es werden in Durchgang 4 Phrasen wieder gelöscht, die in Durchgang 2 mit großem Hallo eingefügt wurden. In jedem Falle ist es gut, wenn man dann die Vorversionen abgespeichert hat. Oder wenn man ganz einfach wieder zurückkommt auf „Los“. Mit Apfel-Z.

 

 
 

Kommentare

Stimme voll und ganz zu. Noch eine kleine Ergänzung möchte ich beitragen. Wenn ich mich zu stark an einer Formulierung verbeiße, hilft es mir abzusetzen und an einer anderen Stelle weiterzumachen oder eine Nacht darüber zu schlafen. Sonst drehe ich mich im Kreis und sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.


randbemerkung

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