Rezension zum neuen Schulz-von-Thun-Titel (c) Thinkstock
Rezension zum neuen Schulz-von-Thun-Titel (c) Thinkstock

Zu Tisch, bitte! Einblicke in Schulz von Thuns Kommunikationspsychologie

Eigentlich hat Friedemann Schulz von Thun in „Miteinander reden“ ­schon alles zu seiner Kommunikationspsychologie gesagt. Oder doch nicht? Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen wusste, ihn herauszufordern.

„Hä, wozu?“, dachte Friedemann Schulz von Thun womöglich als er vor drei Jahren Bernhard Pörksens Anfrage las. Der Medienwissenschaftler lud ihn zu einem Zwiegespräch ein – der Auftakt zu verschiedenen Interviews, die Pörksen als Dialog mit dem Meister der Kommunikation nun veröffentlichte. „Habe ich nicht alles superverständlich dargelegt?“, erinnert sich Schulz von Thun im Nachwort von „Kommunikation als Lebenskunst“. Er zögerte damals – doch dann wurde ihm klar, dass ein kritischer Gesprächspartner noch mehr aus seinen Modellen herausholen könnte, als die monologische Selbstbefragung der bisherigen Werke.

Die Psychologie aus der Hand geben

Dieses dialogische Prinzip erfüllt auch ein generelles Anliegen Schulz von Thuns: Erkenntnisse der Psychologie sollen raus aus dem Elfenbeinturm der Gelehrten, und rein in die Köpfe von Führungskräften, Mitarbeitern und allen Interessierten der filigranen Gesprächsführung.

Und da saßen sie in Hamburg immer wieder zusammen, die beiden Herren Professoren. Bernhard Pörksen stets mit Aufnahmegerät und einer großen Frage im Gepäck. Zum Warmwerden fragte er nach Schulz von Thuns berühmten Kommunikationsquadrat: Ein Satz, vier Möglichkeiten einer Botschaft. Beispielsweise kann ein „Es ist grün!“ unseres Beifahrers bedeuten, die Ampel ist auf grün gesprungen (Sachinhalt), es kann jedoch auch mitschwingen „Ich hab’s eilig“ (Selbstkundgabe), „Fahr’ schneller“ (Appell) oder „Du fährst mir zu trödelig“ (Beziehung). Je nachdem, auf welchem Ohr wir hinhören.
Doch weit gefehlt, wer denkt, dieses Modell sei eine Checkliste für vorbildliche, korrekte Kommunikation. Man brauche keineswegs alle Botschaften zu entschlüsseln, beruhigt Schulz von Thun seine Leser. Es gehe darum, sich selbst und anderen sensibel und achtsam zuzuhören, „musikalischer“ zu werden für die Nuancen eines Gesprächs.

Wie steht’s uns ums Herz?

Unsere Seele ist ein Ort der Ambivalenz. Wir schwanken zwischen Beständigkeit und Wandel, Ehrlichkeit und Takt, Authentizität und Diplomatie, Autonomie und Angewiesenheit, bringt es Schulz von Thun auf den Punkt. Damit Kommunikation stimmig ist, müssen wir diese inneren Widersprüche sensibel dirigieren und unsere Reaktionen der „Wahrheit der Situation“ anpassen. Wie macht man das bloß? Schulz von Thun weiß Rat mit seiner Theorie des inneren Teams. Analog zum realen Team mit unterschiedlichsten Bedürfnissen, beherbergen wir innere Teammitglieder; ­und jedes von ihnen möchte etwas von uns.Viele kennen das Gefühl des Grübelns und Haderns, des quälenden „Irgendetwas stimmt nicht“. Den meisten geht es so, weil sie nicht auf innere Wortmelder hören: „Herr Meier, das haben Sie gut gemacht!“, lobt der Chef. „Ja, das ist mir gelungen“, freut sich der Optimist, „Na, ob das ernst gemeint ist?“, wirft der Skeptiker ein, „Er hätte ruhig helfen können“, ärgert sich der Unverstandene, „Der lügt, im Grunde hast du versagt“, urteilt der Kritiker … so kann es lange weitergehen.
Das Team braucht eine „integrale Führung“, jemanden, der moderiert, alle anhört und am Ende – in Übereinstimmung mit seinen Mitgliedern – eine Haltung einnimmt. Eine Entscheidung, die auf dieser Selbstklärung beruht, ermöglicht Schulz von Thun zufolge eine klare, kraftvolle Kommunikation. Doch dazu gehören alle an einen Tisch! Jeder darf sagen, wie es ihm ums Herz steht.

Dafür hab ich keine Zeit!

Das lässt sich auch auf die äußere Realität übertragen. Schulz von Thuns ideale Führungskraft kann die widersprüchlichen Anforderungen (Nähe/Distanz und Dauer/Wechsel) der Mitarbeiter auffangen. Das Kapitel „Kommunikationspsychologie für Führungskräfte“ leuchtet unterhaltsam aus, wie der geforderte Vorgesetzte durch das Modell des Wertequadrats erfolgreich zwischen Menschlichkeit und Professionalität oszilliert.
Wann soll ich das denn alles durchdenken?, fragen sich einige sicherlich. „Natürlich muss das Prinzip der Verhältnismäßigkeit gewahrt werden“, weiß Schulz von Thun. Zwei Stunden Selbstklärungszeit darüber, wo man zu Mittag isst, sei quatsch. Selbstklärung, Teamentwicklung und eine bessere Aufstellung laufen nach einiger Übung außerdem oft automatisch ab.

„Mach kein Gulasch!“

Schulz von Thuns Theorien wollen zweierlei: Einerseits stellen sie Autonomie und Verwirklichung des Menschen in den Vordergrund. Andererseits regen sie an, Kontexte und Wechselwirkungen wahrzunehmen. Paul Watzlawick warnte ihn einst, „Mach kein Gulasch!“. Doch Schulz von Thun bekennt sich genüsslich zum Eklektizismus. Sein humanistisch-systemisches Menschenbild birgt ein Kaleidoskop an Möglichkeiten, Sprache zu deuten – ohne zu bewerten.

„Kommunikation als Lebenskunst“ ist das Gespräch zweier Gleichgesinnter. Klug und intensiv  geführt, bereichert dieser Dialog unser Denken und öffnet den Blick für inneres Erleben,  Kontextbewusstsein und das sublim geführte Gespräch. Wie Friedrich Nietzsche schon sagte: Die Wahrheit beginnt immer zu zweit.

Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun. Kommunikation als Lebenskunst. Carl-Auer, 24,95 Euro.

 
 

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