Union-Berlin-Pressesprecher Christian Arbeit spricht über kommunikative Herausforderungen des Vereins./ Foto: (c) Quadriga/Jana Legler
Union-Berlin-Pressesprecher Christian Arbeit spricht über kommunikative Herausforderungen des Vereins./ Foto: (c) Quadriga/Jana Legler
Union Berlin

„Wir wollen keinem ausgedachten Image entsprechen“

Vor welchen Herausforderungen steht Union Berlin nach dem Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga? Pressesprecher Christian Arbeit gibt Antworten.
Heike Thienhaus

Erstmals ist Union Berlin im vergangenen Sommer in die erste Fußball-Bundesliga aufgestiegen. Vor welchen Herausforderungen stehen die Kommunikatoren des Vereins? Und ist es überhaupt möglich, das „Gut“-Image des familiären Vereins im kapitalistischen System der Bundesliga aufrechtzuerhalten? Ein Gespräch mit dem Union-Berlin-Pressesprecher Christian Arbeit.

 

Herr Arbeit, wie viele Presseanfragen bekommen Sie, seitdem Union Berlin in die Bundesliga aufgestiegen ist? 

Christian Arbeit: Sie haben sich mehr als verdoppelt. Wir schieben und bearbeiten konstant eine Bugwelle von Medienanfragen vor uns her. Pro Woche kommen 15 bis 20 neue dazu. Das ist eine immense Veränderung für uns.

Was genau hat sich verändert?

Unter anderem ist es das allgemeine Interesse, uns, den Bundesliga-Debütanten, einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das gilt vor allem für überregionale Medien wie FAZ, SZ und Die Zeit sowie für internationale Medien wie The Guardian, BBC oder Fox Sports. Regional berichten neben Boulevardzeitungen wie Berliner Kurier, BZ und Bild auch andere Medien täglich – dazu gehören Berliner Zeitung, Tagesspiegel und Berliner Morgenpost. Auch der rbb begleitet uns multimedial sehr intensiv.

Waren Sie auf den Ansturm vorbereitet?

Grundsätzlich ja, im Detail fordert es uns. Für das internationale Medieninteresse waren wir gewappnet, da wir im Team auf Englisch gut kommunizieren. Trotzdem müssen wir das Team aufstocken.

Wie groß ist Ihr Team derzeit?

Wenn wir von der direkten Betreuung der Profimannschaft sprechen, waren wir vor dem Aufstieg zu dritt. Jetzt sind wir zu viert. Für einen normalen Wochentag mit Training und anschließenden Interviews passt das ganz gut. An einem Spieltag, dem entscheidenden Tag also, sieht das anders aus – gerade wenn das Spiel vorbei ist. 

Gibt es wiederkehrende Routinen?

Zwei Tage vor dem Spiel und unmittelbar danach findet eine etwa halbstündige Pressekonferenz mit dem Cheftrainer statt, in der wir uns mit dem zurückliegenden sowie mit dem anstehenden Spiel beschäftigen: Was hat sich verändert? Was haben wir gemacht? Wie wollen wir das nächste Spiel angehen?

Wie offen kommunizieren Sie bei einer solchen Pressekonferenz, wenn beispielsweise ein Spieler angeschlagen ist?

Es kommt vor, dass ein Spieler am Anfang der Woche vor einem Spiel weniger gut in Form war, sich zum Wochenende hin aber wieder erholt. Oder umgekehrt, dass dieser heute – am Tag der Pressekonferenz – zwar mittrainiert hat, ich aber befürchte, dass er am Spieltag nicht fit sein wird. Da kommunizieren wir eher zurückhaltend und taktisch. Niemand möchte dem Gegner die Vorbereitung erleichtern.

Haben Sie es schon erlebt, dass Journalisten versuchen, an Infos auf anderem Wege heranzukommen? Beispielsweise über Ihre Spieler?

Natürlich. Es ist der Job eines Journalisten, etwas herauszubekommen. Sie wollen schließlich interessante Geschichten schreiben. Manchmal ist das wie ein kleiner Wettlauf, insbesondere wenn das Transferfenster offen ist – das heißt, wenn Spieler verpflichtet oder abgegeben werden. Vereine versuchen immer, einen Transfer als Erstes bekannt zu geben.

Umgekehrt versuchen es Medien vorher herauszufinden …

Das ist wie ein sportlicher Wettkampf. Die Journalisten freuen sich, wenn sie vorher Infos haben, und wir freuen uns, wenn wir eine Info zuerst herausgeben.

Wie schnell müssen Sie nach einem Spiel sein, um die Spieler noch vor der Medienwand abzugreifen? Welche Rolle spielt hier Tempo?

Es geht tatsächlich um Zeit. Das Interesse der Fernsehleute ist, in der zur Verfügung stehenden Sendezeit so schnell wie möglich Stimmen der Spieler zu bekommen. Auch die Kollegen aus dem Printbereich wünschen sich erste Statements, bevor es letztlich in die Pressekonferenz geht. 

Das klingt wie ein Wettlauf …

Eher ist es gut verabredet mit den Jungs. Zunächst besprechen wir mit den jeweiligen Spielern ohnehin noch Situationen aus dem Spiel, sodass sie für mögliche Fragen sensibilisiert sind.

Nicht jeden Tag ist ein Spiel. Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus? 

Wir starten morgens mit der Presseschau, in der wir besprechen, was aktuell über uns geschrieben wird und welche allgemeinen Themen im Fußball gerade diskutiert werden. In der Regel ist vormittags Training. Danach gibt es kleine Gesprächssituationen mit Spielern und auch größere, angefragte Interviews – für Print, TV oder Podcasts.

Wie bereiten Sie Ihre Spieler auf den Umgang mit Medien vor?

Wir wollen keine Spieler, die vor den Kameras auswendig gelernte Sätze aufsagen. Die Belastung für jeden Einzelnen sollte nicht zu hoch sein. Es gibt Spieler, die besonders im Fokus der Öffentlichkeit stehen, weil sie entweder besonders erfolgreich oder schon bekannt sind wie unsere Neuzugänge Neven Subotic, Christian Gentner oder Anthony Ujah. Das regulieren wir, weil auch unauffälligere Spieler ihren Teil zum Erfolg von Union beitragen und interessante Dinge erzählen. Wir sorgen dafür, dass alle beachtet werden. Wir tauschen uns regelmäßig mit den Spielern aus und bereiten sie auf aktuelle Themen inhaltlich vor.

Spielt für Ihre Arbeit mit zunehmendem Medieninteresse Professionalisierung eine Rolle?

Damit ich mich sicher fühle, brauche ich eine konkrete Botschaft und muss wissen, was die Haltung des Vereins ist: Wer sind wir? Wie sind wir? Was will ich sagen? Wir tauschen uns über alles aus, was hier passiert. Dazu gehören das Team, das die Mannschaft betreut, und die Vereinsführung.

Geben Sie an bestimmte Medien wie Bild oder Sky Exklusivmeldungen zu Transfers raus? 

Nein, das würde nicht funktionieren. Aber Medien wie dem Sender Sky, der die Übertragungsrechte für Bundesliga-Spiele hat, liefern wir Gesprächspartner und Geschichten für eine interessante Vor- und Nachberichterstattung. Es ist ein Geben und Nehmen. Letztlich eint das die deutschen Proficlubs, die von den daraus entstehenden Erlösen profitieren.

Union Berlin gilt als Verein mit einer familiären Fankultur. Seit Jahren gibt es einen enormen Mitgliederzuwachs. 2003 gab es etwa 3.000, heute zählt der Verein etwa 31.000 Mitglieder. Gibt es Wachstums­schmerzen?

Die gibt es wohl immer, denn Wachstum bringt auch Veränderung mit sich. Aber der Verein ist nicht ruckartig gewachsen. Union wuchs nicht innerhalb von zwei Jahren von 3.000 auf 31.000 Mitglieder, sondern über eine lange Zeit. Aktuell geht es allerdings deutlich schneller.

Mit dem Aufstieg in die Bundesliga schwelt neben der Euphorie auch die Angst der Fans davor mit, dass ihr familiäres Vereinsgefühl im Stadion verloren geht … 

Der gute alte Verein, der sich gegen die böse Bundesliga oder den Prenzlauer-Berg-Hipster behaupten muss? Es würden bestimmt gerne viele Menschen hierhin kommen, weil wir jetzt gegen Bayern München spielen. Befürchtungen, dass diese Besucher die Atmosphäre hier im Stadion verändern, sind insofern leicht auszuräumen, als sie gar keine Karten kriegen. Seit zwei Jahren bieten wir die Karten bei Heimspielen innerhalb einer Frist zunächst für Mitglieder an. Danach sind sie ausverkauft. 

Woher kommt diese Anziehungskraft von Union Berlin? Ist es der „gute Verein, der alles richtig macht“?

Ein Spiel hier im Stadion ist ein sehr intensives Erlebnis. Wegen der vielen Stehplätze bewegen sich die Zuschauer mehr als in anderen Stadien. Man hüpft öfter, singt lauter und schreit vielleicht schneller vor Freude. Oder umarmt Leute, die man gar nicht kennt. Es macht Spaß, das zu erleben. Ein Teil des Ganzen zu sein.

Wie verärgert waren die Fans, als Sie die luxemburgische Immobilienfirma Aroundtown als Sponsor gewannen? Und das in einer Stadt wie Berlin, die mit steigenden Mietpreisen und Verdrängung zu kämpfen hat?

Themen fühlen sich medial oft größer an, als sie wirklich sind.  So auch bei Union. Für viele Menschen hier war es gar nicht so ein Thema. In den Medien wirkt es etwas größer, da es auch ein wichtiges Berlin-Thema ist.

Die anfängliche Skepsis seitens der Fans ist also nur ein mediales Konstrukt?

Nicht nur, aber auch. Andrew Wallis, Geschäftsführer von Aroundtown hier in Berlin, sponserte uns schon vor zehn Jahren mit seiner damaligen Immobilienfirma Goal. Er unterstützt uns, ohne uns verändern zu wollen. Er akzeptiert, dass vor einem Spiel kein Zeppelin durchs Stadion fliegt und wir auch keine lustige Halbzeitshow veranstalten.

Gibt es seitens der DFL Anforderungen, nach denen Sie Ihre Arbeit ausrichten sollen?

Ja. Das sind aber eher organisatorische als inhaltliche Anforderungen. Zum Beispiel gibt es einen Liveverwerter und nachrangige Rechteinhaber. Am Spieltag ist also eine Reihenfolge einzuhalten, in der wir Interviewpartner zur Verfügung stellen. Vorgaben wie „Alles soll gleich aussehen oder gleich klingen“ gibt es nicht.

Herr Arbeit, was tun Sie, um das Image des „guten Vereins“ Union Berlin angesichts der stark kommerzialisierten und intransparenten Bundesliga zu erhalten?  

Wir werden so weiterarbeiten wie bisher. Das schließt Kommerz überhaupt nicht aus. Wir haben ja auch Sponsoren und wirtschaftliche Partner, LED-Banden und Business-Seats. Wir verkaufen Trikots und andere Fanartikel. Natürlich müssen wir wirtschaftlich erfolgreich sein, aber das geht auch mit familiärer Atmosphäre. 

Wie schaffen Sie das konkret? 

Das Zauberwort ist Authentizität. Wir wollen keinem ausgedachten Image entsprechen, sondern folgen einem inneren Kompass. Generell steht der Nutzen des Vereins immer an erster Stelle. Es gibt viele Dinge, die wir deshalb nicht tun. Wir verzichten dafür auch durchaus auf mögliche Einnahmen oder auf kommunikative Resonanz. 

 

 
 


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