(c) Thinkstock/Jacob Ammentorp Lund
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Willkommen im Club

Wann waren Sie zuletzt mit Kommunikationskollegen auf dem Golfplatz, beim Frühstück mit Mentoren oder im regen Austausch im Social Web oder auf Kongressen und Award-Shows? Über die Bedeutung des Networkings innerhalb der eigenen Community und warum man hin und wieder aus dem PR-Mikrokosmos ausbrechen sollte.
Anne Hünninghaus

Als „Klassentreffen der Branche“ bezeichnet das PR-Journal den jährlich stattfindenden Kommunikationskongress. Und wer Ende September wieder dabei war, wird dieses Bild vermutlich als zutreffend empfinden. Es wurde wieder wild diskutiert, der Werdegang manches alten Bekannten betrachtet, zusammen gegessen, gefeiert und getanzt, es gab Small Talk und sicher auch kleine Aufschneidereien. Und über all dem schwebt dieses wohlig-diffuse Gefühl der Gemeinschaft, des verbindenden Elements.

Dass über den Beruf ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht, ist natürlich nicht neu. Im achten Jahrhundert gab es die ersten Gilden. Kaufleute schlossen sich zusammen und leisteten den feierlichen Schwur, füreinander einzustehen und sich gegenseitig Schutz und Hilfe zu leisten. Und dann waren da noch die vielen Riten und Feiern, wörtlich übersetzt bedeutet das altnordische gildi nicht umsonst „Zusammenkunft“ und „Trinkgelage“.

Spricht man heute von Community oder Branche, kann damit einerseits der Berufszweig (wie Kommunikationsbranche) und andererseits der Wirtschaftszweig (wie Automobil­branche) gemeint sein. Sowohl für das Selbstmarketing als auch für die Erfüllung des eige­nen Jobs sollten natürlich beide jeweiligen Communitys gepflegt werden.

Networking mit Doppeleffekt

Man kennt sich, weiß, wer die großen Namen sind, wer kürzlich wohin gewechselt ist. Es wird gemunkelt, es wird gelästert, es gibt auch auf Branchen-Events in den Pausen die kleinen Schulhofmomente. Es macht Arbeit, immer auf dem Laufenden zu sein, und – seien wir ehrlich – in puncto Work-Life-­Balance schlagen Abend-Events, Kongresse und Lunch-Verabredungen ebenfalls zu Buche. Und dennoch: Es lohnt sich, sich in der Community einzubringen. Um Neues zu lernen, andere Perspektiven eröffnet zu bekommen, und natürlich zahlt sich ein gutes Netzwerk insbesondere in Krisenzeiten aus, wenn wir Unterstützung brauchen. Einen Ratschlag, eine Empfehlung, einen Kontakt. Für Kommunikatoren hat Networking sogar einen doppelten Effekt: Einerseits lässt sich darüber geschickt PR fürs Unternehmen machen und Inspiration für die nächste Kampagne sammeln, andererseits macht man sich durch das Selbst-Marketing in der Szene einen Namen.

Die Grundlage im Netz

Besonders der Austausch über Social Media hat in den vergangenen Jahren in der Community immens an Bedeutung gewonnen. Die Speakerin und Autorin Ute Blindert, die sich auf die Themen Karriere, Arbeitsmarkt und Digitaler Wandel spezialisiert hat, emp­fiehlt für die digitale Vernetzung, ganz klassisch, insbesondere Xing. Vor allem wer im deutschsprachigen Raum unterwegs ist, kann hier sein Netzwerk ausbauen. Mit internationaler Ausrichtung ist LinkedIn das Online-Berufsnetzwerk der Wahl. Wer seine Business-Netzwerke aktiv bespielt, dort seine Tweets einbindet und Texte online stellt, darf auf eine rasch wachsende Community hoffen. Twitter ist besonders geeignet, um News aufzuschnappen, Inhalte zu kuratieren und so das eigene Profil zu schärfen. Auch Facebook ist laut Blindert nach wie vor hochinteressant, insbesondere interne Gruppen zu Community-Themen und persönlichem Austausch. „Darüber werden sogar Jobs vergeben“, sagt Blindert.

Dass es nicht ganz ungewöhnlich ist, über ein gutes digitales Netzwerk eine neue Stelle zu ergattern, zeigt das Beispiel von Anna Neumann, das Ute Blindert in ihrem Buch „Per Netzwerk zum Job“ aufgreift. Neumann, heute Community Marketing Manager bei Pinterest, landete nach dem Studium in der Kommunikation des Do-it-yourself-Portals Dawanda. Sie bloggte nach der Unizeit über Mode und Einrichtung, bewarb sich mit dieser digitalen Referenz und einem großen Online-Netzwerk als Praktikantin – und bekam nach zwei Monaten eine feste Stelle als Junior Manager Communications.

Zweigleisig Netzwerken

Gerade zu Beginn der Karriere ist es auch hilfreich, auf Mentoren bauen zu können. Das Kontakteknüpfen sollte also bestenfalls schon mit Beginn des Studiums starten. Dies geschieht bei den meisten ohnehin durch Praktika und kann durch die Mitgliedschaft in Studierendenvereinen mit Fachfokus wie dem PRSH in Hannover aber noch verstärkt werden. Wer diese Kontakte pflegt, beispielsweise über Xing oder den Besuch von Veranstaltungen, baut sich schon zu Unizeiten ein Profil auf und wird in der Branche wahrgenommen.

Golfen, Frühstücken, Vereine, Veranstaltungen – wie finde ich heraus, was etwas für mich sein könnte? Die Komfortzone sollte man verlassen, den eigenen Terminkalender aber dennoch nicht überfrachten, rät Blindert. Sobald man einen Schwerpunkt für sich gefunden hat, egal ob Technikkommunikation, Mode oder Automobil, sind große Messen und Veranstaltungen, über die man in der Branche spricht, leicht identifiziert. „Der Besuch großer Events wie zum Beispiel der Cebit bietet immer Gesprächsstoff. Andererseits gelingt bei kleineren Netzwerk-Events der direkte Austausch meist besser“, sagt Blindert. Ein guter Netzwerk-Plan enthält also die volle Bandbreite: sowohl große Veranstaltungen zum Fühlerausstrecken als auch kleine und lokale Networkingevents; PR-Branchentreffen einerseits und Fachveranstaltungen zum Themenschwerpunkt andererseits. „Aus dem Netzwerken sollte ich mir eine konkrete Aufgabe machen: Von meinen 40 Wochenstunden knapse ich mir drei ganz bewusst für diese Zwecke ab. Netzwerken ist Beruf und kein Kaffeeklatsch. Es gehört zwingend dazu.“

Unter dem Motto „#neverlunchalone – Mittagessen mit Mehrwert“ wirbt Blindert für den zwanglosen Austausch am Mittagstisch. Solche Treffen haben den Vorteil, dass sie zeitlich begrenzt sind. Man hat rund eine Stunde um Berührungspunkte abzustecken, und kann sich danach verabschieden, ohne unhöflich zu sein. Auch für die unternehmensinterne Vernetzung ist das vorteilhaft. Tools wie Mystery Lunch oder Lunchroulette, bei denen jeder eine Mittagsverabredung mit einem Kollegen aus dem eigenen Haus zugelost bekommt, begrüßt Ute Blindert. Ohnehin sollte man nicht ausschließlich auf die eigene Berufsgruppe setzen: „In einem Austausch mit Ingenieuren konnte ich feststellen, dass diese durch völlig andere Bilder und Formulierungen angesprochen werden als meine direkten Kollegen. Gerade in der Kommunikation ist es interessant zu erfahren, wie man Menschen erreicht, die eben nicht vom Fach sind.“

Nicht privat – aber ­persönlich

Gerade beim Thema Networking und Small Talk ist es ratsam, sich den Unterschied zwischen persönlichen Informationen einerseits und privaten andererseits vor Augen zu führen. Natürlich sollten Gespräche mit Kollegen nicht unpersönlich sein in dem Sinne, dass die eigene Haltung zu Themen und berufliche Herangehensweisen verschwiegen werden. Das Private, beispielsweise nähere Informationen über die eigene Familie, sollte hingegen geschützt werden. „Ich spreche mit beruflichen Kontakten zwar darüber, dass ich Mutter bin, aber auf einer sehr allgemeinen Ebene“, sagt Blindert. „So ein Gespräch ist immer eine Mischung aus persönlichem und beruflichem Austausch.“

Wo will ich hin, was ist mein Ziel? Nicht jeder geht in Bezug auf das Netzwerken rein strategisch vor. Das müsse auch nicht sein, findet Blindert. Trotzdem könne es sich lohnen abzuwägen, welche Mischung für die Erweiterung des eigenen Horizonts interessant sein könnte. „Ich treffe mich regelmäßig mit jemandem aus dem technischen Bereich, mit jemandem, der 20 Jahre älter ist als ich, und mit einem Insider meines Unternehmens.“

Die Komfortzone verlassen

Wer wenig extrovertiert ist, kann sich auf Veranstaltungen fokussieren, auf denen er Bekannte trifft, oder gleich in Gesellschaft dort erscheinen. „Dann sollten Sie aber unbedingt dafür sorgen, nicht nur mit denen zu sprechen, die Sie schon kennen, und sich beispielsweise vornehmen, fünf fremde Personen anzusprechen“, empfiehlt Blindert. Vielen Introvertierten fällt es leichter, sich zunächst online mit Menschen zu vernetzen, beispielsweise indem sie Texte anderer lesen und kommentieren und ihnen anschließend persönlich schreiben. „Menschen, die Substanz haben, finden immer ihr Publikum, auch wenn es ein bisschen länger dauert“, sagt Blindert. Auch ließe die Sichtbarkeit einer Person in der Öffentlichkeit nicht immer auf ihre Eingebundenheit in der Community schließen. So pflegen manche ihr Netzwerk eher im Verborgenen.

Sich mit mehreren hundert Berufsgenossen bei Xing zu vernetzen, bedeutet nicht, dass man im Zweifelsfall tatsächlich auf sie bauen könnte. Blindert rät dazu, die Kontakte nicht als großes Ganzes zu betrachten, sondern bei jedem von ihnen eine gedankliche Notiz hinzuzufügen: Wer würde mir Fragen beantworten oder Ratschläge geben? Wer könnte mir im Austausch eine andere Perspektive aufzeigen? Bei wem kann ich mich für eine Verabredung zum Kaffee melden, wenn ich nächste Woche in München bin?

Wie vertraulich darf's denn sein?

Wer einen Ratschlag für die eigene Arbeit braucht, sollte sich gut überlegen, was er über die eigene Person und das Unternehmen preisgibt. Steckt das Unternehmen in einer ähnlichen Krise wie ein anderes zuvor, können einige Tipps für die Krisenkommunikation sehr wertvoll sein. Vertraulichkeiten über die Situation dürfen natürlich dennoch nicht ausgeplaudert werden. Ute Blindert emp­fiehlt, stets ein gesundes Misstrauen zu wahren. „Wenn Sie wissen, da kennt sich ein Kollege gut aus, mit diesem aber nicht persönlich bekannt sind, dann würde ich nach Schnittstellen suchen, beispielsweise jemand aus meinem eigenen Netzwerk, der einschätzen kann, ob die Person verlässlich ist.“ Der Bekannte könne dann den Kontakt herstellen. Vertrauliche Tipps sollte man zudem lieber im persönlichen Telefonat oder Treffen annehmen, sich niemals schriftlich über die Lage austauschen.

Ute Blindert moderiert regelmäßig ein Barcamp mit Fachpublikum. „Da werden manchmal auch Themen auf den Tisch gepackt, die man Branchenfremden niemals präsentieren würde.“ Nach draußen dringe aber nichts. „Eine gewisse Vertraulichkeit gehört zu einer Community immer auch dazu.“ Schließlich sollte allen bewusst sein, dass es sich um ein Geben und Nehmen handelt und dass jeder einmal in die Situation kommen könnte, etwas von sich selbst mitzuteilen.

„Von meiner beruflichen ­Community kann ich Empfehlungen und Tipps erwarten“, sagt Blindert. „Ich kann Unterstützung anfragen, wenn mal etwas nicht so gut läuft.“ So könne man es durchaus in einer kleineren Community bekanntgeben, wenn man auf der Suche nach einer neuen Stelle ist. Wichtig sei jedoch: „Man darf Fachkollegen alles fragen – aber ein Nein oder eine ausbleibende Antwort muss auch in Ordnung sein, ohne dass man beleidigt ist.“ Genau wie beim Versand einer Pressemitteilung müsse man auch im Netzwerk auf Ablehnung eingestellt sein, darauf, dass jemand sagt: „Nach fünf Jahren Funkstille kommst du plötzlich an und willst einen Gefallen von mir.“ Dann heißt es dranbleiben: „Ich muss vielleicht mit 20 Menschen sprechen, bevor ich bei einem oder zwei den Fuß in die Tür bekomme.“

Gelassenheit ist im Networking wichtig, dazu Freude und Strategie. Denn eine Berufs-Community ist kein Freundeskreis. Auch wenn das eine oder andere gemeinsame Trinkgelage das manchmal vergessen lässt.

 

 
 

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