Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) beim Fotoshooting mit den Wikipedianern. (c) Martin Kraft | Lizenz: CC-BY-SA 3.0
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) beim Fotoshooting mit den Wikipedianern. (c) Martin Kraft | Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Wikipedia im Bundestag

40 Unterstützer der Online-Enzyklopädie Wikipedia waren eine Woche lang im Bundestag. p&k-Kollegin Viktoria Bittmann sprach mit dem Organisator des Projekts, Olaf Kosinsky, über den Besuch in Berlin und die Qualität von Wikipedia-Artikeln.
Viktoria Bittmann

Herr Kosinsky, fünf Tage lang waren Sie mit 40 Wikipedianern im Bundestag unterwegs. Was hat Ihr Team alles gemacht?

Olaf Kosinsky: Wir haben alle Abgeordneten des Bundestags eingeladen, sich professionell für Wikipedia fotografieren zu lassen und sich in einem kurzen Video-Statement vorzustellen. Außerdem hatten wir Autoren dabei, die in der Lage waren, sofort an Wikipedia-Artikeln zu arbeiten, Fehler zu beheben und zu erklären, wie Texte bearbeitet werden können. Und nicht zuletzt haben wir sehr viel über das Projekt Wikipedia informiert.

Sie haben alle 631 MdBs eingeladen – wie war der Rücklauf?

Nach anderthalb Tagen hatten wir knapp 25 Prozent der Abgeordneten getroffen. Anmeldungen waren nicht notwendig. Ohne die exakte Statistik schon zu kennen, gehe ich davon aus, dass wir insgesamt deutlich mehr als die Hälfte der Abgeordneten gesprochen haben.

Von wie vielen Abgeordneten gibt es bislang einen Wikipedia-Artikel?

Einen Artikel gibt es von allen Abgeordneten, aber in sehr unterschiedlichem Umfang. Es gibt Abgeordnete, über die es ganz hervorragende Artikel gibt. Manche Abgeordnete, die erst in der aktuellen Legislaturperiode in den Bundestag eingezogen sind, haben dagegen nur einen Dreizeiler. Es ging uns vor allem darum, solche Artikel auszubauen, denn wir möchten, dass unsere Leser möglichst viele Informationen finden. Da wir ein internationales Projekt sind, wollten wir auch dafür werben, dass Abgeordnete einen englischen, französischen, plattdeutschen, bayerischen oder alemannischen Artikel über sich anlegen.

Verfolgen Sie abgesehen von der Kontaktaufnahme und dem Ausbau der Inhalte längerfristige Ziele?

Uns ging es vor allem darum, dem ehrenamtlichen Projekt Wikipedia ein Gesicht zu geben. Das Bundestagsprojekt ist bereits das 19. Parlamentsprojekt der Wikipedia seit 2009. Wir waren in fast allen deutschen Landtagen, wir waren zwei Mal in Österreich, im Februar dieses Jahres im Europaparlament und jetzt erstmals im Deutschen Bundestag. Wir wollten unser Projekt bekannt machen und als Wikipedianer zusammenkommen, um uns auszutauschen.

Manche halten Wikipedia für ein qualitativ hochwertiges Lexikon, andere eher für eine nicht sonderlich seriöse Quelle. Wie haben die Bundestagsabgeordneten reagiert?

Es gab die gesamte Bandbreite: von ganz toll bis hin zu negativen Meinungen oder sogar negativen Erfahrungen. Am Dienstag habe ich in allen vier Fraktionen sehr gut besuchte Vorträge gehalten. Ich habe erklärt, wen man einschalten kann, sollte es einmal zu Persönlichkeitsverletzungen kommen. Das muss niemand hinnehmen. Ich habe auch deutlich gemacht, dass wir als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Auch wir wollen ja nicht, dass Menschen verunglimpft werden.

Wie lange wird es nun dauern, bis Artikel ergänzt oder korrigiert sind?

Etwa die Hälfte der Arbeit hat direkt stattgefunden. In einigen Fällen kann es Wochen dauern, bis bestimmte Formulierungen in der Community diskutiert wurden. Wikipedia-Artikel sind ja nie fertig. Es können immer wieder neue Dinge hinzukommen. Der Hauptteil der Änderungen wird aber bis Ende nächster Woche online sein.

Die Manipulation der Vornamen von Karl-Theodor zu Guttenberg gilt als klassisches Beispiel dafür, wie schnell Falschinformationen auf Wikipedia sich verselbstständigen können. Was sagen Sie: Ist auf Wikipedia-Informationen Verlass?

Sie können sich selbstverständlich nicht 100-prozentig auf die Informationen verlassen, aber ich kenne auch andere Publikationen, die mit Fehlern zu kämpfen haben. Bei der Wikipedia können sie sich aber darauf verlassen, dass Manipulationen vielleicht nicht nach ein oder zwei Tagen auffallen, aber dass sie auffallen. Ehrenamtlern fällt das auf. Wer meint, Wikipedia-Inhalte bewusst manipulieren zu können, kann davon ausgehen, dass das bemerkt wird. Uns fallen täglich oder stündlich kleinere Dinge auf, die wir korrigieren. Manche Fehler unterlaufen Autoren auch, weil sie Zeitungsartikel falsch verstehen oder interpretieren. Das kann alles passieren. An unserem Bundestagsprojekt sieht man auch, wozu Ehrenamtler in der Lage sind: Hier in Berlin haben wir von morgens um acht bis abends halb neun gearbeitet. Das zeigt, wie groß das Engagement der Wikipedianer ist.

Die Wikipedia ist ein internationales Projekt. Welche Rolle spielt das Bundestagsprojekt für Ihre internationale Community?

Wie wir hier im Bundestag aufgenommen werden, ist nicht selbstverständlich. In vielen Ländern sind die Parlamente für Wikipedianer nicht zugänglich. Dass sich die Türen zu Abgeordnetenbüros öffnen, dass wir die Parlamentarier fotografieren und mit deren Mitarbeitern sprechen dürfen – all das gibt es nicht überall auf der Welt. Uns geht es deshalb darum, unser Projekt in die Community zu tragen.

Seit Kurzem gibt es den Twitter-Account @bundesedit, der dokumentiert, wenn Wikipedia-Einträge von IP-Adressen aus verändert werden, die dem Bundestag zugeordnet werden können. Was halten Sie davon? Schafft das mehr Transparenz?

Es ist immer ganz nett, so etwas zu lesen. Allerdings werden ja auch objektive Informationen geändert, wenn beispielsweise ein Geburtsdatum falsch ist oder sich die Zugehörigkeit zu einem Ausschuss geändert hat. Ob der Account insgesamt die Transparenz fördert, wage ich allerdings zu bezweifeln. Wenn man Artikel bearbeiten möchte, kann man das auch einfach über eine andere IP-Adresse, beispielsweise über einen UMTS-Stick oder von zuhause aus, tun. Unterm Strich ist der Twitter-Account deshalb nicht mehr als ein nettes Gimmick.

Wie lautet nach fünf Tagen Bundestag Ihr Fazit: Lohnt es sich, wiederzukommen?

Wir kommen sehr gern wieder. Wir haben auch schon Anfragen aus Bundesländern, in denen in letzter Zeit Landtagswahlen stattgefunden haben. Im nächsten Jahr wollen wir auch das Europaparlament erneut besuchen, weil sich dort durch die Wahlen im Mai sehr viel verändert hat. Und auch dem Bundestag wollen wir einen zweiten Besuch abstatten. Berlin ist immer eine Reise wert!

 
 

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