Wer eine Rede hält, hat nichts zu verlieren? Von wegen! (c) Thinkstock/Michael Blann
Wer eine Rede hält, hat nichts zu verlieren? Von wegen! (c) Thinkstock/Michael Blann
Rezension von "Reden Schreiben Wirken"

Wie Sie eine Rede zum Funkeln bringen

Im Ratgeber "Reden Schreiben Wirken" erklärt Markus Franz, warum es "scheißschwer" ist, eine gute Rede zu schreiben, was man sich bei Angela Merkel abschauen kann und weshalb Gesangseinlagen von Bundestagsabgeordneten nicht per se eine schlechte Idee sind.
Anne Hünninghaus

"Dieses Buch ist nicht wie ein Zahnarztbesuch", erklärt der Journalist und Redenschreiber Markus Franz auf Seite 19 von "Reden Schreiben Wirken". Im ersten Moment mag dies beschwingen, doch Franz gibt zu bedenken: "Der Zahnarzt tut Ihnen vielleicht weh, aber idealerweise ist danach Ihr Zahn wieder funktionsfähig. Wenn Sie mit diesem Buch fertig sind, können Sie immer noch nicht gut schreiben und reden. Sie wissen nur, wie es geht."

Und dann heißt es: Üben, üben, üben. Ja, der ehemalige Redenschreiber von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Andrea Nahles macht es einem nicht ganz leicht. Keine Wohlfühlmantras, keine Kalendersprüche und nur ganz am Ende eine gnädige weil abhakfreundliche Checkliste für den Überblick. Was wir in seinem locker geschriebenen Ratgeber neben zahlreichen Tipps lernen, ist: Das Redenschreiben funktioniert eben nicht immer genau nach Muster X.

Eine subjektive Anleitung

Und so ist auch "Reden Schreiben Wirken" hochgradig subjektiv. Der Autor erklärt weniger, wie man eine gute Rede verfasst, sondern in erster Linie, wie er dies bewerkstelligt. So verweist er im Kapitel "Gliedern" ironisch auf andere Ratgeber, da er seine Reden maximal in die Abschnitte These vorstellen – begründen – Schluss einteile. Diese Herangehensweise muss nicht jedem liegen. Franz ist jedoch kein dogmatischer Erklärer und immer wieder darum bemüht, Gegenbeispiele anderer Schreiber zu erwähnen.

Im ersten Teil des 157 Seiten starken Buchs führt der Journalist in das Schreiben generell ein. Viele Tipps sind dabei, offen gekennzeichnet, von anderen Autoren entliehen. Wer beispielsweise mit den Schreibratgebern von Wolf Schneider vertraut ist, wird im Kapitel "Handwerk" wenig Neues erfahren: Bewertende Adjektive stören, Superlative sind Aufschneider, Aktiv ist besser als Passiv, Verben gehören nach vorn und bitte, bitte verzichten Sie auf allzu viele Wörter, die auf "ung" enden! Doch vor allem: Fassen Sie sich kurz.

"Sie können auch verlieren"

Nachdem er, unterfüttert mit vielen Beispielen, diese noch recht allgemeinen Schreibtipps gegeben hat, beleuchtet Franz die besondere Disziplin des Redenschreibens. Und macht gleich Schluss mit Illusionen à la "Es kann ja nichts passieren": "Bei Reden können Sie nicht nur gewinnen, Sie können auch verlieren. Je mehr Sie Ihre Zuhörer langweilen, desto mehr verlieren Sie das, worauf es Ihnen ankommt: Ansehen."

Oh je. Damit es dazu nicht kommt, seziert Franz zunächst die Erfordernisse der Recherche (zum Beispiel: Löchern Sie den Veranstalter, reden Sie mit der Familie, Freunden, sogar dem Busfahrer über Ihr Thema). Dann beschreibt er, wie es gelingt, in eine Rede ein- und auszusteigen, zu amüsieren und zu glänzen. Und ist sich auch als ehemaliger SPD-Redenschreiber nicht zu fein, von Angela Merkel höchstpersönlich zu lernen und sie für ihre Rhetorik zu bewundern: "Ihre Rede wimmelt geradezu vor Ichs, Wirs und Sies. Solche Reden schreibt der Kanzlerin niemand auf. So redet Frau Merkel von allein."

Im dritten und letzten Teil des Ratgebers geht es ums Reden selbst. Um die Kleidung, den Auftritt und natürlich darum, wie dieser wirkt. Ganz am Schluss druckt Franz die komplette Rede des Schriftstellers Navid Kermani, der beim Festakt "65 Jahre Grundgesetz" unter anderem über Asylpolitik sprach. Franz versieht diese Rede mit Kommentaren und gibt zu, dass sie fantastisch sei, sich aber fieserweise nicht an seine Regeln halte. "Umso wichtiger, dass ich sie Ihnen präsentiere. Es geht eben auch anders."

Ein Buch wie eine Rede

Der ehemalige Pressesprecher des Deutschen Gewerkschaftsbunds denkt und schreibt unkonventionell. Er stellt hohe Erwartungen an eine Rede – und somit auch an den Leser seines Buchs. Franz ist ein Ratgeber im eigentlichen Sinne. Er antizipiert, was der Ratsuchende ihn fragen wollen könnte und erklärt wie in einem Gespräch („Ich schlage Ihnen folgendes Vorgehen vor: Ich nenne Ihnen ein schlechtes Beispiel, und Sie überlegen sich, welche Regel sich daraus ableiten lässt“). Wer "Reden Schreiben Wirken" also etwas mehr Zeit und Aktivität widmet, kann damit beinahe wie in einem Seminar voranschreiten.

Spaß an der Lektüre bereiten vor allem die vielen Beispiele gelungener und misslungener Reden , die Zitate über das Schreiben selbst (von Rosa Luxemburg bis Kurt Tucholsky) und Franz‘ wunderbare Sätze wie "Wahrhaftigkeit lockert Rede und Schreibe". Auch wenn viele seiner Aufforderungen, wie "Erleben Sie etwas" oder "Erzählen Sie wie am Lagerfeuer", eindeutig leichter gesagt als getan sind, vermittelt Franz ein Bild, auf das es sich hinzuentwickeln gilt. Und hin und wieder überrascht er auch: So gibt Franz an, er wünschte, Andrea Nahles‘ Pippi-Langstrumpf-Gesangseinlage im Bundestag wäre seine Idee gewesen. Warum? "Andrea Nahles ist keine begnadete Sängerin. Ich fand ihre Einlage trotzdem gut. Sie war originell, mutig und authentisch. Es war kein billiger Gag. Es passte zu ihrer inhaltlich begründeten Kritik an Frau Merkel, sich wie Pippi Langstrumpf die Welt so zu machen, wie sie ihr gefällt." Noch Fragen?

Fazit

Für jeden, der Reden für sich oder andere schreibt und bereit ist, viel Zeit und Mühe zu investieren, ist "Reden Schreiben Wirken" ein absolutes Lese-Muss. Auch wenn nicht alle Tipps eins zu eins umgesetzt werden können: Vor allem vermittelt Franz auf amüsante und lockere Art ein Gefühl dafür, worauf es beim (Reden-)Schreiben ankommt.

Markus Franz: Reden Schreiben Wirken: und ganz nebenbei ein besserer Mensch werden. Correctiv. Puls Verlag. 20 Euro.

 

 
Markus Franz (c) Privat
Markus Franz
Markus Franz war Leiter des Redenschreiberteams von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Der gelernte Jurist arbeitete bei "WAZ", der "Märkischen Oderzeitung", der "taz", und der "Süddeutschen Zeitung" als Jornalist, politischer Korrespondent und in leitender Funktion. Anschließend war er Pressesprecher des DGB und danach Sozialattaché der deutschen Botschaft in Washington. Seit 16 Jahren trainiert er Journalisten, Pressesprecher und Politiker im kreativen Schreiben.
 

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