Beim kommunikativen Umgang mit dem Tod ist Fingerspitzengefühl gefragt. (c) Thinkstock/adempercem
Beim kommunikativen Umgang mit dem Tod ist Fingerspitzengefühl gefragt. (c) Thinkstock/adempercem
Kommentar

Wie man den Tod (nicht) kommuniziert

Wer das Thema Sterben und Tod in den öffentlichen Fokus rückt, muss kommunikationsethische Regeln beachten, sagt Ethikexperte Günter Bentele. Beispiele für eine gelungene und weniger gelungene Kommunikation.
Günter Bentele

PR und Tod? PR und Sterben? Ein auf den ersten Blick ungewohntes Thema. Doch beim Nachdenken über diesen Zusammenhang fallen einem schnell typische Arbeitssituationen ein, die Spannbreite reicht von der Formulierung von Todesanzeigen für verstorbene Mitarbeiter bis hin zur Organisation komplexer Begräbnisereignisse von führenden Akteuren mitsamt begleitender Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (man denke nur an Helmut Kohl oder den Unternehmer Berthold Beitz).

Auch bestimmte Organisationen im Gesundheitsbereich wie Krankenhäuser oder Sterbehospize haben es systematisch, aufgrund ihrer Kernaktivität, immer wieder mit Sterben und Tod zu tun. Steigender Druck durch Wettbewerb mag dazu beitragen, dass Kommunikationsaktivitäten zu diesem Thema häufiger werden. Viele Sterbehospize beschäftigen mittlerweile Mitarbeiter, die sich um Pressearbeit und Kommunikation kümmern.

Das Thema Sterben und Tod ist aber auch auf Social-Media-Plattformen präsent und erfährt dort mitunter größere öffentliche Aufmerksamkeit. Das geht dann gut oder auch nicht, wie zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen.

Fall 1: Die gute Tat

Im November 2017 geht eine Meldung über die Ticker: „Sanitäter fahren Sterbende ans Meer“. Der Hintergrund ist ein Facebook-Post, den der australische Rettungsdienst Queensland Ambulance Service abgesetzt hatte.

Er erzählt diese Geschichte: Ein Rettungswagen im australischen Hervey Bay war auf dem Weg zur Palliativstation des örtlichen Krankenhauses mit einer Patientin, die offenbar nicht mehr lange zu leben hatte. Auf dem Weg dorthin äußerte die Frau ihren Wunsch, noch einmal an den Strand zu gehen und das Meer zu sehen. Das Sanitätsteam machte einen kleinen Umweg zum Meer und erfüllte der Frau den Wunsch.

„Tränen flossen und die Patientin war sehr glücklich“, schrieb der Rettungsdienst auf Facebook. Das beigefügte Foto zeigte einen Sanitäter, neben einer Krankentrage stehend, der Blick auf den blauen Ozean gerichtet. Die todkranke Patientin selbst ist auf dem Bild nicht zu sehen. Der Facebook-Eintrag schließt mit dem Satz: „Manchmal geht es nicht um Medikamente, Ausbildung oder fachliches Können, manchmal ist es einfach Mitgefühl, das den Unterschied macht.“ Der Post wurde innerhalb kurzer Zeit tausendfach gelikt und vielfach sehr positiv kommentiert. Bis heute erhielt er mehr als 74.000 Reaktionen. Auch in Deutschland fand diese Facebook-Geschichte bei vielen Medien Resonanz.

Fall 2: Die unüberlegte Tat

Der zweite Fall, der den Tod thematisch in den Fokus rückt, hatte eine noch viel größere Medienresonanz: Der 22-jährige US-Entertainer, Schauspieler und Influencer Logan Paul, dem auf Youtube mehr als 16 Millionen Abonnenten folgen, veröffentlichte zum Jahreswechsel einen folgenreichen Clip auf der Videoplattform.

In diesem Video besucht Paul gemeinsam mit anderen Youtubern den als „Selbstmord-Wald“ bekannten Aokigahara in Japan. Als sie tatsächlich eine Leiche entdecken, lassen sie die Kamera laufen und schrecken auch nicht davor zurück, den Toten zu zeigen.

Das Video erreichte auf Youtube über sechs Millionen Views. Obwohl das Gesicht des Toten im Video unkenntlich gemacht wurde, hagelte es heftige Kritik an dem Clip und an Logan Paul selbst. Paul löschte das Video, entschuldigte sich – sichtlich emotional – auf Twitter auch bei den Angehörigen des Toten und nahm sich eine Social-Media-Auszeit.

Was lernen wir daraus?

Die „gute Tat“ der Sanitäter – vorausgesetzt, diese Meldung ist nicht gefakt –, die zu einem letzten Glücksgefühl einer Sterbenden führt, lässt die Sanitäter in gutem Licht dastehen und ist für das Ansehen des Ambulanzdienstes in Queensland mit Sicherheit positiv. Denn der Umgang mit der Sterbenden ist würdevoll, die Öffentlichkeitsarbeit gefühlvoll, die Geschichte anrührend. Und so erfuhr der Queensland Ambulance Service eine positive Resonanz, die weit über die Landesgrenzen hinausreichte.

Der Unterschied zum zweiten Fall ist gravierend. Der junge, unbedarfte Youtuber mag im Entertainment-Gewerbe viel Erfolg mit dem Erzeugen von Aufmerksamkeit, Bekanntheit und vermutlich auch unterhaltsamem Content haben. Doch ethische Grundregeln professioneller Kommunikation waren ihm offenbar nicht geläufig. Jedes professionelle Fernsehteam hätte diese Aufnahmen so nicht gesendet oder derart verfremdet und kommentiert, dass sich niemand daran gestoßen hätte. Paul musste folglich starke Kritik gar von seiner eigenen Peergroup einstecken.

Was lehrt uns dieser Fall? In dem Maß, in dem Youtuber, Influencer oder Vlogger ein wachsendes oder, wie im Fall Logan, ein Millionenpublikum als Followerschaft haben, tragen sie auch zunehmende Verantwortung für ihre Kommunikation und sollten sich an den Regeln professioneller Kommunikation orientieren. Logan hat inzwischen einen guten, nachdenklichen Beitrag zum Thema Suizid nachgelegt, seinen Fehler eingestanden, reflektiert und Geld an entsprechende Hilfsorganisationen gespendet.

Merke: Kommunikationsethische Regeln sind wirksam, auch wenn man sie (noch) nicht kennt, und gerade dann, wenn man sie verletzt.

 

Auch Bestatter müssen den Tod kommunizieren. Lesen Sie dazu unsere Interviewreihe mit PR-Profis aus Unternehmen, die mit dem Ende des Lebens ihr Geld verdienen.

 

 
 

ps/NEWS: Der Newsletter für PR-Profis

 

Ob wichtige Nachrichten, Hintergründe, Case Studies oder aktuelle Debatten: Mit den ps/NEWS erhalten Sie die wichtigsten Informationen der Kommunikationsbranche kostenlos in Ihre Mailbox.
 



randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Aktuell gibt es nur wenige CCOs in der Unternehmensführung. (c) Getty Images/Hakinmhanil des Fü
Bild: Getty Images/Hakinmhan
Lesezeit 4 Min.
Gastbeitrag

Kommunikatoren in den Vorstand!

Um als Kommunikator einen Sitz in der Chefetage eines Unternehmens zu ergattern, genügt PR-Expertise allein nicht. Stattdessen sind vor allem strategischer Weitblick, Geschäftssinn und Führungserfahrung gefragt. Ein Blick in die USA macht Mut. »weiterlesen
 
Martin Moschek ist seit 2017 Mitglied der DPOK-Jury und in diesem Jahr zum ersten Mal Juryvorsitzender (c) Alexander Heinrichs Photographie
Foto: Alexander Heinrichs Photographie
Lesezeit 3 Min.
Interview

"Verliert nicht den Spaß an der Sache!"

Am 24. Mai wird in Berlin wieder der Deutsche Preis für Onlinekommunikation vergeben. Mit dem Juryvorsitzenden Martin Moschek sprachen wir darüber, was in der Onlinekommunikation derzeit wichtig ist, warum er nichts von Trends hält und was den DPOK besonders macht. »weiterlesen
 
Seit einigen Jahren sinkt die Zahl der Zigarettenkonsumenten, auch weil immer mehr Raucher auf E-Produkte umsteigen. (c) Getty Images/Pam Walker
Foto: Getty Images/ Pam Walker
Lesezeit 6 Min.
Gastbeitrag

Die Zigarette ist tot – es lebe die (E-)Zigarette

Rauchen ist bekanntermaßen schädlich. Seit einigen Jahren sinkt die Zahl der Zigarettenkonsumenten auch deshalb, weil immer mehr Raucher auf E-Produkte umsteigen. Ausgeklügelte PR hat ihren Anteil daran. »weiterlesen
 
Coaching kann helfen, das eigene Potential zu heben. (c) Getty Images/thomas-bethge
Bild: Getty Images/thomas-bethge
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Mit Coaching die interne Kommunikation meistern

Coaching wird künftig zum Qualifizierungsprogramm für Führungskräfte gehören, denn neue Arbeitsformen verlangen nach einer neuen Führungskultur. Ohne den Blick von außen und den Blick nach innen geht das kaum. »weiterlesen
 
Überschätzen PR-Profis digitale Medien? Eher nicht. (c) Getty Images/phototechno
Foto: Getty Images/phototechno
Analyse

Überschätzen PR-Profis wirklich digitale Medien?

Faktenkontor zieht aus einer Studie den Schluss, Kommunikatoren würden digitale Medien überbewerten. Doch geben die Zahlen dieses Fazit tatsächlich her? »weiterlesen
 
Digitalisierung: Kein Grund für Kommunikatoren, nicht an ein Happy End zu glauben. (c) Getty Images/McXas
Bild: Getty Images/McXas
Lesezeit 2 Min.
Essay

Pressesprecher, habt keine Angst vorm Aussterben!

Die Digitalisierung bereitet dem Beruf des Kommunikators, wie wir ihn bislang kannten, ein Ende. Das führt naturgemäß zu Unsicherheit, sollte aber vor allem eines: Kräfte freisetzen. »weiterlesen