Leidet die Qualität des Journalismus unter dem Zeitdruck? / Zeitdruck: (c) Getty Images/baloon111
Leidet die Qualität des Journalismus unter dem Zeitdruck? / Zeitdruck: (c) Getty Images/baloon111
Aktualität oder Qualität?

Wie Journalisten Zeitdruck begegnen

Wie der Journalismus trotz Zeitdrucks die Qualität der Beiträge hochhält, erklärt Dominic Hebestreit vom SWR.
Toni Spangenberg

Geht die Aktualität im heutigen Journalismus zu Lasten der Qualität? Fakt ist, der Journalismus steht unter (Zeit)Druck. Dominic Hebestreit vom SWR erläuterte auf dem Kommunikationskongress 2019 fünf Symptome, die diese These stützen. Er zeigte auf, wie die Branche damit umgehen sollte.

"Ein Symptom ist der Echtzeit-Journalismus. Hier kommt es extrem auf die Genauigkeit an. Doch der Druck mit seiner Push-Mitteilung als Erster auf dem Smartphone der Nutzer zu sein, ist groß", so Hebestreit. Denn Erster zu sein, biete eine extrem hohe Chance, sehr viel Traffic zu generieren. 

Durch die sich verändernde Mediennutzung allgemein steige der Druck in den Redaktionen. "Soziale Medien haben enorm an Bedeutung gewonnen. Laut einer Bitkom-Umfrage kann sich jeder Dritte Deutsche ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen." Dennoch sei es zu einem Problem für Journalisten geworden, mit ihrer Berichterstattung die gesamte Bevölkerung zu erreichen. Doch diesen Anspruch müsse Journalismus als vierte Staatsgewalt haben. "Die Gesellschaft segmentiert sich auch im Internet. Leute in einer geschlossenen Gruppe befeuern sich gegenseitig. Sie haben den Eindruck in der Überzahl zu sein, denn die große Mehrheit schweigt."

Auch sieht sich der Journalismus damit konfrontiert, dass Mediennutzer seit Langem selbst zu Publizisten werden. Hier gebe es eine Rollenverschiebung. Als Beispiel nennt Hebestreit das Video des Youtubers Rezo im Vorfeld der Europawahl. "Fünftens erhöhen Manipulation, Desinformation und Propaganda den Druck auf Journalisten. Nie war es einfacher, Unwahrheiten zu veröffentlichen."

Wie sollten Journalisten reagieren?

Um auf diese Faktoren zu reagieren, müsse der Journalismus zunächst dialogisch sein. "Wir müssen in den Dialog mit den Nutzern treten, unsere Arbeit transparent machen", sagt Hebestreit. Der Journalist sei heute nicht mehr nur Gatekeeper, sondern Gate-Reporter. Weiterhin müsse der Journalismus Menschen Orientierung geben. "Viele haben den Eindruck, dass unsere Welt immer komplizierter wird. Da muss guter Journalismus helfen. Wir haben positive Erfahrungen mit Erklärvideos und Analysen gemacht." Es gehe nicht nur um die kurze, schnelle Info. 

Um dem Zeitdruck besser begegnen zu können, sollten Journalisten technische und journalistische Kompetenzen miteinander vereinen. "Die Sorgfaltspflichten wie das Vier-Augen-Prinzip gelten weiter. Zusätzlich brauchen Journalisten ein Grundverständnis davon, wie Plattformen funktionieren." Ressourcen sollten gebündelt werden, um Informationen schnell verifizieren zu können. Hebestreit rät somit dazu, Tempo und Qualität zu vereinen. 

 

 
 


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