Biontech könnte als eines der ersten Unternehmen eine Zulassung für seinen Impfstoff gegen Covid-19 erhalten. (c) Picture Alliance/Laci Perenyi
Biontech könnte als eines der ersten Unternehmen eine Zulassung für seinen Impfstoff gegen Covid-19 erhalten. (c) Picture Alliance/Laci Perenyi
Hering Schuppener berät Biontech

Wettlauf um den besten Impfstoff

Das Mainzer Unternehmen und Pfizer stehen vor der Zulassung ihres Covid-19-Impfstoffs. Die Kommunikation dürfte mit darüber entscheiden, welche der verschiedenen Impfstoffkandidaten als die besten angesehen werden. Biontech bietet jedenfalls eine gute Story.
Volker Thoms

Wenige Tage, nachdem sich abzeichnete, dass das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl positiv für Joe Biden ausfallen dürfte, atmete die Welt ein zweites Mal auf. Das Mainzer Biotech-Unternehmen Biontech und der amerikanische Pharmakonzern Pfizer gaben bekannt, dass ihr Impfstoffkandidat BNT162b2 gegen Covid-19 eine Wirksamkeit von etwa 95 Prozent in allen Altersgruppen aufweise. Rund 50 Millionen Impfstoffdosen wollen die beiden Unternehmen noch in diesem Jahr produzieren. 1,3 Milliarden sollen es 2021 sein. Biontech und Pfizer haben für ihren Impfstoff die Zulassung im wichtigen US-Markt beantragt. In Europa durchlaufen Biontech und Pfizer das so genannte Rolling-Review-Verfahren, das den Zulassungsprozess beschleunigen soll.

Seit Bekanntgabe des Erfolgs in der Impfstoffherstellung explodiert die Zahl der Presseanfragen bei Biontech. Bis zu 100 sollen es der „FAZ“ zufolge sein – pro Stunde wohlgemerkt. Kein Unternehmen kann diese Menge dauerhaft allein bewältigen. Bei seiner Öffentlichkeitsarbeit lässt sich Biontech deshalb von der Kommunikationsberatung Hering Schuppener unterstützen. Das bestätigte Hering Schuppener auf Anfrage, teilte aber gleichzeitig mit, dass man sich wie Biontech nicht näher zu dem Mandat äußern werde. Es soll sich um einen weltweiten Auftrag für die auf Finanzberatung, M&As und Public Affairs spezialisierte Agentur handeln. Die Aufgaben bei diesem Projekt liegen in den Bereichen Public Relations und Public Affairs. Bei Biontech selbst leitet Jasmina Alatovic die Unternehmenskommunikation. Ihr Titel: Director Global External Communications. Vor ihrem Wechsel zu dem Mainzer Unternehmen 2019 war sie knapp sieben Jahre lang bei Hering Schuppener tätig.

Hering Schuppener hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker international ausgerichtet. Die Kommunikationsberatung kooperiert seit 2016 mit Finsbury und seit 2017 mit The Glover Park Group (GPG). Geplant ist, ab Anfang 2021 unter dem Namen Finsbury Glover Hering am Markt präsent zu sein. Neben dem Verwaltungssitz in New York soll das neue Unternehmen unter anderem über Büros in Abu Dhabi, Berlin, Brüssel, Hongkong, London, Los Angeles, Moskau, Peking, Tokio und Washington verfügen. Insbesondere für Public Affairs dürfte diese internationale Struktur hilfreich sein. Für den Impfstoff von Biontech stehen weltweit Zulassungsverfahren an. Dazu Vertragsverhandlungen mit politischen Institutionen wie der Europäischen Kommission. Das alles bedarf der kommunikativen Begleitung in einer Vielzahl von Ländern. Auch die Verteilung des Impfstoffs in den einzelnen Ländern dürfte eine komplexe politische Frage werden. Die EU hatte sich bei Biontech und Pfizer kürzlich 200 Millionen plus 100 Millionen Impfdosen als Option gesichert.

Weltweites Medieninteresse

Unter PR-Aspekten bietet Biontech enormes Potenzial. Wenig überraschend sind die Medien, in denen Interviews mit CEO Ugur Sahin und Porträts über das Unternehmen erschienen, peu à peu hochkarätiger geworden. „BBC“, „New York Times“, „CNBC“ und „Financial Times“ statt „Allgemeine Zeitung“ und „n-tv“ . Bei der Herstellung des Covid-19-Impfstoffs setzt das Mainzer Unternehmen wie die Wettbewerber Moderna und die Tübinger Firma Curevac auf die innovative mRNA-Technologie – einem Verfahren, das es ermöglichen könnte, auch bei anderen Krankheiten wie Tollwut wirksame Impfstoffe herzustellen. Biontech forscht vor allem im Bereich der Krebsmedizin und seltene Krankheiten und hat nach eigenen Angaben rund 20 Produktkandidaten in der Pipeline. Das Unternehmen könnte eine Erfolgsgeschichte „Made in Germany“ werden, die die deutsche Pharmabranche aufwerten würde.

Die Berichterstattung der vergangenen Wochen zeigt, dass der persönliche Hintergrund von Unternehmensgründer und CEO Ugur Sahin großes mediales Interesse weckt. Sahin ist Professor für experimentelle Onkologie. Er kam aus der Türkei nach Deutschland, als er vier Jahre alt war. Sein Vater arbeitete als Gastarbeiter bei Ford. Verheiratet ist er mit Özlem Türeci, die ebenfalls türkische Wurzeln hat. Sie ist als Chief Medical Officer bei Biontech tätig und gilt als eine der führenden Expertinnen in der Krebsimmuntherapie. Das Magazin „Forbes“ führt das Ehepaar als Milliardäre. Biontech ist an der Nasdaq notiert.

Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind rund 200 Covid-19-Impfstoff-Projekte gelistet. Am Ende wird es für die erfolgreichen Unternehmen auch darum gehen, die gesundheitspolitisch relevanten Institutionen, Ärztinnen und Ärzte, Medien und Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der eigene Impfstoff der beste ist. Die PR-Schlacht hat bereits begonnen. Der Impfstoffkandidat von Biontech und Pfizer soll eine Wirksamkeit von bis zu 95 Prozent haben, muss dafür aber er wohl über längere Zeit bei minus 70 Grad gelagert werden. Das Vakzin von Moderna soll 30 Tage bei Kühlschranktemperatur lagerfähig sein und bis zu sechs Monate lang bei minus 20 Grad. Der Kandidat von Astra-Zeneca und der Oxford University bei Kühlschranktemperatur sogar bis zu sechs Monate. Bei der Wirksamkeit gibt es ebenfalls Unterschiede; genauso bei der Zahl der Studienteilnehmer. Bei mehr Kandidaten könnten sich bezüglich Verträglichkeit, Anzahl der benötigten Impfdosen und Kosten noch weitere objektive Unterschiede ergeben. Diese Informationen dürften deshalb ins Zentrum der Kommunikationsaktivitäten der Unternehmen rücken, will man die eigenen Vorteile ins Schaufenster stellen.

Das alles ist erst der Anfang. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Impfungen gegen Covid-19 regelmäßig aufgefrischt werden müssen. Da das Coronavirus nicht so einfach wieder verschwinden wird, lockt hier für viele Jahre ein wirtschaftlich lukrativer Markt. Es geht auch ums Image: Am Ende als eine der Firmen dazustehen, die die Welt gerettet haben, ist nicht die schlechteste Aussicht. Das dürfte den Unternehmen einiges an PR-Aufwand wert sein.

 

 
 


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