(c) istock/dramaj
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Wetten, dass… der Reichweitenverlust im TV ähnliche Gründe hat wie bei Print?

Kai Oppel, Mitinhaber der Münchner Agentur scrivo PublicRelations, über Reichenweitenverluste von TV und Print sowie die Omnipräsenz von Inhalten im Internet. Ein Gastbeitrag.
Kai Oppel

Wer die Krise der Tageszeitungen verstehen will, konnte an diesem Wochenende bei „Wetten, dass…?“ deutlich sehen und spüren, wo sie herrührt. Interessanterweise fällt das Wehklagen über das Quotendesaster im TV deutlich leiser aus als bei den Tageszeitungen, deren Reichweitenverluste vom Prinzip nicht dramatischer sind. Dies mag daran liegen, dass wie im Fall der Samstagabendshow, die letzten verbliebenen 5,48 Millionen Zuschauer nicht jeweils einen Euro in ihren Fernseher stecken mussten, um beim Sterben des TV-Urgesteins „Wetten, dass…?“ live dabei zu sein – wobei dann die Einschaltquoten sicher noch desaströser ausgefallen wären. Das weniger schmerzhafte Lamento beim Rundfunk hat seine Ursache aber sicher auch darin, dass dort wegen mangelnder Rezipienten-Nachfrage nicht wöchentlich postwendend Hunderte rundfunkschaffender Journalisten und Redakteure vor die Tür gesetzt werden. Ein Hauptgrund für den Reichweitenverlust ist vielmehr die Omnipräsenz von Inhalten im Internet und deren Kontrolle – unter der das Fernsehen und die Printmedien gleichermaßen leiden.

Beispiel 1: Tokio Hotel. 2005, als Tokio Hotel mit „Durch den Monsun“ durchstarteten, lag die Internetquote in Deutschland bei 55 Prozent. Die Quote unter den über zehnjährigen Jugendlichen betrug damals noch unter 25 Prozent. Heute hat sich der Anteil der über zehnjährigen, internetnutzenden Teens auf über 96,5 Prozent rund vervierfacht. Der Anteil der Haushalte mit Breitbrandzugang stieg in diesem Zeitraum sogar von 23 auf mehr als 85 Prozent. Was das bedeutet?: Teens, die Tokio Hotel sehen möchten, müssen heute nicht mehr bis „Wetten, dass…?“ warten. Sie können sich via Laptop und Smartphone zu jeder Tages- und Nachtzeit sattsehen und -hören. Dasselbe gilt für alle Fans von Bryan Adams und allen anderen Künstlern, die am vergangenen Wochenende in Erfurt aufgetreten sind. War die prominente Samstagabendkost vor 10 bis 15 Jahren noch ein exklusives, erstmaliges, frisches und delikat zubereitetes Essen, so ist es heute wie der letzte, kalte und abgestandene Gang eines unendlichen Buffets, an dem sich jeder bereits ausgiebig laben konnte. Selbes gilt für sämtliche entscheidungsrelevanten Inhalte, die es früher in der Zeitung gab – von der börsenrelevanten Unternehmensnachricht bis zur Wohnungsofferte, für die man sich in München gerne nachts noch die Zeitung von morgen holte.

Beispiel 2: Facebook statt Bryan-Adams-Banner: Ach, wie süß sind doch die Wettkandidaten, die nach getanem Werk – Mausfallenraten, Surfbrettbasteln, Hundegebisserkennen etc. – noch einmal schnell Oma, Tante und den heimischen Kegelverein grüßen. Ach, wie optimistisch ist der junge Kandidat, der beim Abtreten von der Showbühne der Welt noch schnell mitteilt, dass er ein „Buch gegen Google“ geschrieben hat - und hierfür noch einen Verleger sucht. Ach, wie aus der Zeit gefallen scheinen doch die Bekannten und Verwandten im Publikum, die selbstgemalte Fahnen mit Namen und Liebesbekundungen schwenken. Ihnen allen wohnt eine gewisse unschuldige Hoffnung inne, im Fernsehen von anderen erkannt und gesehen zu werden und mit ihren ganz eigenen „15 Sekunden Ruhm“ unsterblich zu werden. Aber: Es ist ganz offensichtlich, dass es immer weniger Menschen gibt, die auf diesen flüchtigen Ruhm im Fernsehen setzen. Wogte einst ein Fahnen- und Bannermeer im „Wetten, dass…?“-Saal als Peter Maffay sang, so entdeckt der aufmerksame Zuschauer heute bestenfalls dank unglücklicher Regiearbeit eine Frau mit Fernglas, die just dann großformatig eingeblendet wird, als der Moderator mit Christine Urspruch über ihre Kleinwüchsigkeit spricht, was dann durchaus übertrieben wirkt. Warum die Bannerquote sinkt? Weil – dank sozialer Medien – heute niemand mehr warten muss, bis er mit seinem kunstvoll gestalteten Transparent im Fernsehen gezeigt wird. Wer etwas zeigen möchte, der hat dafür Facebook und Co.

Beispiel 3:  Kontrolle. So wichtig die Bereitstellung interessanter Inhalte beziehungsweise Nachrichten durch Gatekeeper ist, so egal, ja geradezu „frustral“, verhält es sich bei Unterhaltungsinhalten: Es kann an dieser Stelle nur vermutet werden, dass am Samstag einige hundert Menschen auch „Wetten, dass…?“ gesehen haben, weil sie zu müde waren, um bei Youtube selbst Programmdirektor zu spielen – oder weil sie gerne den Erfurter Clueso gesehen hätten, der wie Lenny Kravitz ebenfalls in den Top 10 eingestiegen ist. Wobei, jeder der Clueso sehen möchte, ja dies eben auch im Internet kann oder ihn vielleicht in Erfurt mit dem Fahrrad trifft. Es bleibt einzig der unberechenbare Überraschungseffekt, im TV vielleicht einen Prominenten serviert zu bekommen, mit dem man nicht gerechnet hat. Dieser Überraschungseffekt wird jedoch von der Mehrheit längst als Kontrollverlust empfunden, dem sich immer weniger aussetzen möchten.

 
 

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