(c) Cover: Springer Fachmedien, Collage: Laurin Schmid
(c) Cover: Springer Fachmedien, Collage: Laurin Schmid
Rezension

Weltengrusel

„Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“, schrieb einst der Philosoph Michel Foucault. Hans Gerd Prodoehls Buch „Der abstrakte Mensch“ schlägt in die gleiche Kerbe: Der heutige Mensch sei ein Auslaufmodell im Strudel des Wandels. Nur die Umwandlung zum selbstoptimierten Pendant könne ihm das Überleben sichern.
Hannah Petersohn

Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist ein fragmentiertes, heimatloses Wesen und seine Spaltung scheint unaufhaltsam. Zu diesem Schluss zumindest kommt Hans Gerd Prodoehl, Autor und Geschäftsführer einer Unternehmensberatung. „Der abstrakte Mensch“ ist ein Abgesang auf den Menschen, wie wir ihn – in Versatzstücken – heute noch kennen. Zugegeben: Den vermeintlichen Schlussakkord haben schon andere vorher angestimmt. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden, um die Zeichen der Zeit spannend und aufschlussreich im gesellschaftlichen Kontext zu analysieren. Und genau darin reüssiert Prodoehl. Er beschreibt die evolutionäre Entwicklung des Menschen als ein Drama in drei Akten, an dessen Grusel-Ende der abstrakte Mensch, deus ex machina, auf die Bühne tritt.

Drama in drei Akten

Zu Beginn unseres Jahrtausends steht, so Prodoehl, noch jener Mensch, der stabile Bindungen eingeht, der im neudeutschen Commitment sozialer Bezüge aufgeht. Doch schon im zweiten Akt entfaltet das Drama seinen Lauf und lässt diesen sehnsüchtigen Menschen hart abprallen an den Realitäten, die das kapitalistische Gepräge für ihn bereithält: Hire-and-Fire-Prinzip, die Abwesenheit von Festanstellungen oder gar Entfristungen und damit auch das Ausbleiben eines Gefühls der Zugehörigkeit. „Es gibt kein Unternehmen, das dich braucht, das auf dich zählt, das für dich sorgt, das dir verpflichtet ist. Du bist jederzeit ersetzbar“, beschreibt der Autor das vermeintlich aktuelle Credo.

Gleichzeitig verlange die Arbeitswelt eine Leidenschaftlichkeit, eine stete Einsatz- und Zustimmungsbereitschaft. Ein Widerspruch, der sich auch in zwischenmenschlichen Bindungen, durch Online-Dating-Plattformen und ihre Wisch-und-Weg-Mentalität ad absurdum geführt, zeige: Bindungen werden beliebig, sind nur noch auf kurze Dauer angelegt. All das mache aus dem konkreten Menschen einen Nomaden. Das Postulat von der Entwurzelung des Menschen ist bei weitem nicht neu; Gewährsleute für den Untergang des jeweils aktuellen Menschentypus gibt es von der Antike bis in die Neuzeit. Und so erinnert das fragmentierte Subjekt in seiner Vereinzelung an jene Nachkriegsgeneration, die Schriftsteller und Theoretiker auch in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts diagnostizierten.

Den Wandel umarmen

„Um optimal funktionieren zu können, müssen wir leidenschaftlich und leidenschaftslos, engagiert und indifferent, emphatisch und kaltherzig, egoistisch und altruistisch agieren“, beschreibt Prodoehl die Schizophrenie der Gegenwart. Der „chronisch fragile, chronisch gefährdete“ Mensch sieht sich einem Bindungsdrama gegenübergestellt, das im Fadenkreuz gegensätzlicher Anforderungen seine Wirkmacht entfaltet.

Doch könne die Blockade, ausgelöst durch die gelebte Ambivalenz, überwunden werden: Am Ende der, so Prodoehl, psychischen „Ausnüchterung“ gelingt es dem Menschen, die  Widersprüche „harmonisch zu integrieren“. Der neue Mensch nutzt planvoll seine Gefühle, er managt, kontrolliert und programmiert sie für die Zwecke der Gesellschaft. Die Anpassungsfähigkeit als Diktum der Zukunft. „Embrace Change!“ Der Mensch wird auf diese Weise zur Ich-AG, stets bemüht, sich als Marke zu erschaffen.

Prodoehl will, so sagt er, weder Mensch noch Situation bewerten, sondern allein den Typus des abstrakten Menschen beschreiben. Doch die Bewertung bleibt, und das ist ein Glücksfall, nicht aus. In seiner getroffenen Wahl der Worte, wie „Drama“, „abrichten“ und „Pathologie“, entlarvt der Autor sich selbst und: bewertet.

Ein Schwachpunkt der Ausführungen ist die zur Randnotiz verkommene Frage, warum viele Arbeitgeber ihrer Verantwortung nicht nachkommen. Dieser Umstand wird entschuldigt: Schließlich seien sie selbst Opfer der disruptiven Zeit. Beschreibt Prodoehl oft detailreich, unterhaltsam und durchaus repetitiv die brutale Wandlung des Arbeitnehmers, so vergisst er, deren Antipoden zu benennen: Macht, Gier und Maßlosigkeit.

Dennoch: Seine Ausführungen treffen ins Mark und beunruhigen. Eine Beunruhigung, die, um Foucault das letzte Wort zu geben, entsteht, „wenn man bedenkt, dass der Mensch lediglich eine junge Erfindung ist, eine einfache Falte in unserem Wissen, und dass er verschwinden wird, sobald unser Wissen eine neue Form gefunden haben wird“.

Bewertung: Sollte man griffbereit haben (4/5 Sternen)

 

Hans Gerd Prodoehl: Der abstrakte Mensch. Dramen und Paradoxien des Wirtschaftslebens im 21. Jahrhundert. Springer 2017, 24,99 Euro.

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

(c) Thinkstock/Евгений Харитонов
Foto: Thinkstock/Евгений Харитонов
Lesezeit 1 Min.
Meldung

Sorgen-Skala: Davor gruseln sich PR-Profis

Stress am Arbeitsplatz, miese Chefs und Budgetkürzungen – diese Sorgen sind für Kommunikatoren der blanke Horror. Pünktlich zu Halloween haben die dpa-Tochter News Aktuell und die PR-Agentur Faktenkontor die größten Sorgen von PR-Schaffenden zusammengefasst. »weiterlesen
 
Katharina Berlet ist acht Monate durch die Welt gereist. (c) Quadriga Media Berlin/Studio Condé Nast/Mister Spex/R3DT
Fotos/Collage: Quadriga Media Berlin/Studio Condé Nast/Mister Spex/R3DT
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

"Manchmal muss man innehalten“

Einmal eine Auszeit nehmen – wovon viele träumen, haben drei Kommunikatoren gemacht. In unserer Miniserie erzählen sie von ihren Sabbatical-Erfahrungen. Im dritten und letzten Teil berichtet Katharina Berlet von ihrer einjährigen Auszeit, in der sie ihr Drang nach Freiheit in die weite Welt geführt hat – ein Gefühl, das sie sich bis heute bewahrt. »weiterlesen
 
Wie wird die Kollaboration der Zukunft zwischen Mensch und Maschine aussehen? (c) Thinkstock/fotoslaz
Foto: Thinkstock/fotoslaz
Lesezeit 11 Min.
Lesestoff

Die Emanzipation der Maschinen

Die Zeiten, in denen allein Industrieroboter in Fabriken assistierten, sind vorbei. Heute verbreiten sich Kooperations- und Kollaborationsroboter, vor denen wir nicht abgesichert werden müssen. Wie reagieren Mitarbeiter, wenn ihnen die Maschine so nahe kommt? Wer klärt moralische Fragen? Für die Interne Kommunikation wird die Entwicklung zur Herausforderung. »weiterlesen
 
Wer seine Zeitfresser kennt, kann sie kontrollieren. (c) Thinkstock/Dynamic Graphics,2007
Foto: Thinkstock/Dynamic Graphics,2007
Lesezeit 8 Min.
Ratgeber

Momentchen mal!

Effizienz ist das Ziel eines jeden Unternehmens, klar. Waren da nur nicht die vielen Zeitfresser im Arbeitsalltag. Hier sind die haufigsten Ursachen fur solche Zeitfallen – und Auswege aus der Misere. »weiterlesen
 
Achim Schneider hat seine Karriere nach zwanzig Berufsjahren neu justiert. (c) Fotos/Collage: Quadriga Media Berlin/Studio Condé Nast/Mister Spex/R3DT
Fotos/Collage: Quadriga Media Berlin/Studio Condé Nast/Mister Spex/R3DT
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

„Es gibt Wichtigeres als die Arbeit“

Einmal eine Auszeit nehmen – wovon viele träumen, haben drei Kommunikatoren gemacht. In unserer Miniserie erzählen sie von ihren Sabbatical-Erfahrungen. Im zweiten Teil berichtet Achim Schneider, früherer Leiter der Unternehmenskommunikation bei Porsche, wie er sein Leben neu justiert hat. »weiterlesen
 
Theresa May bei einer Rede nach der Wahl zum britischen Unterhaus im Juni 2017. (c) GOV.UK / Open Government Licence v3.0
Foto: GOV.UK / Open Government Licence v3.0
Lesezeit 3 Min.
Analyse

Was wir von Theresa May lernen können

Was schiefgehen kann, wird schiefgehen – das gilt auch für öffentliche Auftritte und Reden. Zuletzt musste das die britische Premierministerin Theresa May erfahren. Wie hat sie sich geschlagen? Eine Analyse. »weiterlesen