Emma Watson alias Mae Holland in der Verfilmung von Dave Eggers' Bestseller "The Circle". (c) Universum Film
Emma Watson alias Mae Holland in der Verfilmung von Dave Eggers' Bestseller "The Circle". (c) Universum Film
Kritik zur Bestseller-Verfilmung "The Circle"

Watching you

In Dave Eggers’ Bestseller „The Circle“ verhilft die arglose Protagonistin einem gigantischen Internetkonzern zur Überwachung aller Menschen. Die Verfilmung dieser aufrüttelnden Dystopie enttäuscht jedoch.

„Dave Eggers ist einer der erfolgreichsten und gleichzeitig am schlechtesten schreibenden Autoren, die ich je gelesen habe“, sagte Zeit-Literaturkritiker Ijoma Mangold vor drei Jahren. Die Dystopie „The Circle“ des amerikanischen Autors Dave Eggers war gerade erschienen – und wurde zum Bestseller.

„The Circle“ ist die Albtraumvision der absoluten Transparenz. Der Blick in eine Zukunft, die in großen Teilen längst zur Gegenwart geworden ist.

Das Unternehmen The Circle – eine imaginierte Fusion von Facebook, Google, Apple und Co. – folgt den Grundsätzen: Geheimnisse sind Lügen, Teilen ist Heilen, alles Private ist Diebstahl.

Die Protagonistin Mae Holland hat beim Circle einen Job ergattert und wird zur idealen, völlig transparenten Vorzeigemitarbeiterin. Was sich für den Leser als totalitäre Hölle darstellt, erlebt Mae hingegen als heilbringende Lebensweise.

Heiß diskutiert

Der Roman wurde im Feuilleton ausgiebig diskutiert: Eggers verwende schablonenhafte Mittel und dämliche Figuren. Der Roman sei ästhetisch und intellektuell miserabel umgesetzt, ereiferte sich Zeit-Autor Mangold. Der Literaturkritiker Denis Scheck hingegen meint: „Es gibt eine Tradition des Warnromans, der in der Regel mit Schablonen arbeitet, wie Orwells ‚1984‘. Dave Eggers hat nicht die Antworten, er stellt nur die richtigen Fragen."

Denis Scheck, offensichtlich Eggers-Fan, weiß natürlich, dass der Science-Fiction-Roman kein sprachliches Feuerwerk zündet. Das muss er auch gar nicht. Seine verstörende Wirkung entfaltet die Lektüre durch andere Mittel. Fünf Jahre habe Eggers gesammelt, was er wahrnahm: „Mae war das Gefäß, das alle diese Ideen aufnehmen konnte“, sagt der Autor. Sie steht dem Konzern bei wie der Jünger seiner Sekte. Der Erzähler spricht zwar in der dritten Person, steckt aber dennoch in Maes Kopf: Der Leser begleitet förmlich live die Gehirnwäsche der jungen Frau.

Als sie in der Kundenbetreuung beginnt, arbeitet Mae noch an zwei Bildschirmen; später sind es neun. Hinzu kommen zwei Armbänder, ein Mikrochip in ihrem Körper und eine Mini-Kamera um ihren Hals, die sie zum gläsernen Menschen machen. Allein in der Nacht fühlt sie zunehmend den dunklen Riss, der in ihrer Seele klafft. Schnell beantwortet sie dann Kundenanfragen, mit denen sie auch gleich ihr konzerninternes Ranking verbessert. Sie verschickt Zings (aka Tweets), Likes und Frowns (also negative Bewertungen) und begibt sich in die wärmende Illusion der virtuellen Gemeinschaft.

Schlussendlich verfolgen Millionen Menschen im Livestream die Dauerübertragung von Maes Alltag mithilfe ihrer Mini-Kamera. Nur auf der Toilette darf sie diese für drei Minuten ausschalten.

Lieblos zusammengekürzt

„Watching you“, wispert die hohe Stimme der Sängerin Lenachka in der Filmmusik. Sie deutet die latente Hölle der partizipativen, alles kommentierenden digitalen Gesellschaft an. Der Rest von Danny Elfmans Komposition schafft es hingegen nicht, die Verlockungen des Silicon-Valley-Utopismus, Maes erschreckende Willenlosigkeit, die unheilvolle Allmacht eines einzigen, zum Kartell gewordenen Konzerns zu transportieren.

Ebenso wenig schafft es Regisseur James Ponsoldt, all das in wirkungsvolle Bilder zu überführen. Maes Persönlichkeitswandel wird derart zusammengekürzt, dass von der grausigen Infiltration ihres Wesens nichts mehr zu spüren ist.

Zentrale Überraschungsmomente werden vorweggenommen oder gleich ganz ausgelassen. Wichtige Figuren wie Maes Freundin Annie bleiben profillos, Handlungsmotive werden verfälscht, der Schluss wurde umgeschrieben. Auch hochgradig schaurige Projekte des Circle werden gar nicht erst erwähnt.

Über all das kann auch die Starbesetzung nicht hinwegtrösten, wenngleich es ein Genuss ist, Tom Hanks als Chef des Circle – einem Steve-Jobs-ähnlichen Guru – zuzusehen.

Außerdem grenzen sich die Szenen vom Firmen-Campus und die von der Welt außerhalb des Circle kaum voneinander ab. Im Roman spürt der Leser den Unterschied zwischen der Wildheit des Draußen, „das Mittelalter“, wie Dave Eggers es im Interview nennt, und der effizienten Ordnung des Circle-Universums. Sie ist es, die Mae derart anzieht und beruhigt. Beim Circle ist sie krankenversichert, ihre Zeit ist minutengenau getaktet, alle Viewer sind ihre Freunde. Hier ist sie nicht allein.

Während der Roman Beklemmung im Leser auslöst, lässt der Film den Zuschauer ratlos im Kinosessel zurück: Eine bedauerlich fade Verflachung eines absolut brisanten Romans.

James Ponsoldt (Regie): The Circle.(2017, 110 Min.) Basierend auf dem Roman „The Circle“ von Dave Eggers.

Dave Eggers: Der Circle: Roman. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2014 (c) Kiepenheuer&Witsch

Dave Eggers: Der Circle: Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014 (c) Kiepenheuer & Witsch

 

 
 

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Kommentare

Sehe ich auch so - ein fesselndes Buch. Aber die Verfilmung ist ein totaler Flop. Nicht um sonst nominiert für die Goldene Himbeere!


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