Theresa May bei einer Rede nach der Wahl zum britischen Unterhaus im Juni 2017. (c) GOV.UK / Open Government Licence v3.0
Theresa May bei einer Rede nach der Wahl zum britischen Unterhaus im Juni 2017. (c) GOV.UK / Open Government Licence v3.0
Analyse der „Pannen-Rede“

Was wir von Theresa May lernen können

Was schiefgehen kann, wird schiefgehen – das gilt auch für öffentliche Auftritte und Reden. Zuletzt musste das die britische Premierministerin Theresa May erfahren. Wie hat sie sich geschlagen? Eine Analyse.
Kirsten Kahler

Mensch, Mrs. May! Wie sah wohl Ihr Abend nach Ihrer Parteitagsrede in Manchester vor zwei Wochen aus? Haben Sie Ihren Büroleiter gefeuert, weil der störungsfreudige Komiker Simon Brodkin eine ganz reguläre Akkreditierung erhalten hatte? Dem Event-Team gekündigt, weil Buchstaben des Parteislogans im Hintergrund einfach herunterfielen? Oder die herbstlichen Erkältungsviren verflucht? Oder waren es am Ende doch die eigenen Emotionen?

Unter allen schiefgegangenen öffentlichen Reden hält der Auftritt der britischen Premierministerin auf dem Tory-Parteitag in Manchester Anfang Oktober sicherlich einen Pannenrekord. Umso erstaunlicher, mit welcher Souveränität Theresa May ihn gemeistert hat. Nicht alles lief rund, doch vieles schon.

Die Höhepunkte der "Pannen-Rede" im Video, zusammengestellt von der britischen Zeitung The Guardian.

1. Was tun, wenn die Stimme wegbleibt?

 

Die Situation

Theresa May räusperte sich durch ihre Rede. Husten und Räuspern ließen die Stimme immer brüchiger klingen, später nahezu weinerlich. Das ist ein hoher Preis, um eine Rede unbedingt zu Ende bringen zu wollen. In diesen Momenten leidet auch das Publikum. Die Aufgabe für den Redner: Verhindern Sie, dass es sich vollends verschämt abwendet!

Die Reaktion

Theresa May rettete der Hustenbonbon, den ihr Parteifreund Philip Hammond anreichte. Mays Schlagfertigkeit – „Es ist das erste Mal, dass der Finanzminister Geschenke macht“ – und das Lutschen dieses Bonbons und weiterer Pastillen während der Rede versöhnten das Publikum mit der anstrengenden Situation. Man beachte: Den Großteil ihrer Rede bestritt May fortan mit vollem Mund! 

Ein weiteres Lehrstück, das sich aus Mays Reaktion ableiten lässt: Macht Ihnen ein Zuschauer aus dem Publikum in guter Absicht ein Geschenk, bauen Sie es in Ihren Auftritt ein oder lassen es wenigstens sichtbar auf dem Pult liegen. Eine engere Verbindung zu Ihrem Publikum ist kaum herstellbar!

Der Profi-Tipp

Was hilft nun, wenn man wirklich heiser und angeschlagen auf die Bühne gehen muss? Manche schwören auf Kombipräparate, manche auf Kehlkopf-Übungen und manche auf einen Plan B. Vielleicht lässt sich die Rede in Etappen aufteilen? Vielleicht lässt sich das Programm umstellen? In jedem Fall hilft es, eine Alternativ-Option parat zu haben. Denn allein die Tatsache, dass ein Plan B existiert, entspannt Brust, Schluckapparat und Stimme. Und das Hirn sowieso. 

Und eine weitere Empfehlung aus der German Speakers Association: die „So-tun-als-ob“-Methode. Ihr Erfinder Hans-Uwe L. Köhler schwört darauf – wenn er sich vor dem Vortrag schon krank fühlt, bereitet er sich trotzdem haargenau so vor, als ob er kerngesund sei: gut essen, schick anziehen, unter die Leute gehen, sich auf den Auftritt freuen. So trägt ihn seine Motivation durch den Vortrag.

Womit wir bei der Psyche wären. Häufig sind es Stress und Aufregung, die auf die Stimme schlagen. Und hier ist es ganz einfach: Sobald Sie Ihre persönliche Stimmung akzeptieren, verschwinden Husten und Heiserkeit. Emotionen bahnen sich immer ihren Weg. Wenn man sie wegdiskutiert, reagiert der Körper anderswo. Und zwar unberechenbar und ohne Vorwarnung. Wenn Sie es also irgendwie können, formulieren Sie Ihre Stimmung. Sei es hinter der Bühne oder auf der Bühne. Vorformuliert im Redetext oder spontan.      

2. Was tun mit Störern?

 

Die Situation

Komiker Simon Brodkin pirschte sich zur Bühne und reichte der Premierministerin ein Entlassungsschreiben. Er redete dabei hörbar laut. Er ist damit kein Zwischenrufer, der mit inhaltlicher Kritik den Vortrag voranbringen will. Brodkin ist ein Störer. Auf Zwischenrufer sollte man eingehen. Aber Unruhestifter?

Die Reaktion

Theresa May nimmt das Schreiben hinter dem Pult an – für Fotografen unsichtbar – und legt es auf den Boden. Bravo! Sie hat die Show des Komikers beendet (er hat kein zweites Formular dabei) und es ist keine peinliche Fotoszene entstanden.

Der Profi-Tipp

Smile, please! Theresa May hätte ein bisschen mehr lächeln dürfen. Damit hätte sie der Situation ein wenig die Wucht genommen. Stattdessen sprach sie ihren Text stoisch weiter, was ihr Image als emotionsloser „Maybot“ noch betont haben dürfte. 

3. Was tun bei Bühnenpannen?

 

Die Situation

Während der Rede der britischen Premierministerin lösten sich nach und nach Buchstaben aus dem Parteislogan im Hintergrund und fielen – für das Publikum gut sichtbar – herunter.

Die Reaktion

Hier zeigt Theresa May, wie es nicht geht: Sie ignoriert die abstürzenden Buchstaben im Bühnenhintergrund. Oder bemerkt sie sie gar nicht?

Der Profi-Tipp

Ignorieren ist immer nur die zweitbeste Wahl. Die Bühne und der Redner sind untrennbar verbunden. Alles, was im Hintergrund geschieht, hat hohe Symbolkraft. Deshalb müssen Sie dies aufnehmen. Ob es herunterfallende Buchstaben sind oder ausfallende Scheinwerfer, herabfallende Bilder – das Publikum wird schmunzeln, und Sie sind gut beraten, in das gemeinschaftliche Schmunzeln einzustimmen. Egal, wie banal es klingen mag – sagen Sie etwas dazu. Und sei es nur: „Was will mir dieser Scheinwerfer jetzt wohl sagen?“

Fazit: So meistern Sie Pannen-Reden

In Krisensituationen kommt es zusammengefasst auf diese goldenen Regeln an:

  • Haben Sie immer einen Plan B in der Tasche.
  • Wenn Sie emotional bewegt sind, formulieren Sie es – denn Emotionen lassen sich nicht verdrängen.
  • Seien Sie spontan – ignorieren Sie nicht, was um Sie herum passiert.
  • Und last but not least: Vergessen Sie das Lächeln nicht!

 

Wie Sie bei öffentlichen Auftritten überzeugen, lesen Sie auch in diesem Beitrag.

 

 
 


randbemerkung

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