Bei digitalen Bewerbungsverfahren bleiben die Zwischentöne oft auf der Strecke. (c) Getty Images/Pheelings Media
Bei digitalen Bewerbungsverfahren bleiben die Zwischentöne oft auf der Strecke. (c) Getty Images/Pheelings Media
Karriere

Was digitalen Job-Interviews fehlt

Aktuell finden Bewerbungsverfahren und Interviews hauptsächlich digital statt. Dadurch verändern sich die Anforderungen und Erwartungen an Arbeitergeber und Bewerber.
Gabriele Kaminski

Wir stellen fest, dass aufgrund der Infektionsschutzrichtlinien im Kontext der Corona-Pandemie aktuell so gut wie alle Bewerbungsprozesse digital ablaufen. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Prozesse von Anfang bis Ende komplett virtuell stattfinden. Ein Großteil der Klienten führt spätestens vor Vertragsabschluss mindestens ein Gespräch persönlich und vor Ort.

Ziel eines jeden Bewerbungsprozesses ist es, eine möglichst hohe Kongruenz der Erwartungen von Arbeitgeber und Bewerber zu erreichen. Organisationen können sich anhand von Unterlagen wie Lebensläufen, Arbeitszeugnissen und Empfehlungsschreiben sowie der Präsentation in den Sozialen Netzwerken bereits einen ersten Eindruck über die fachlichen Kompetenzen von Kandidaten machen. Umgekehrt können sich Bewerber anhand des Stellenprofils und des öffentlichen Auftritts einer Organisation in den Sozialen Medien und Arbeitgeberbewertungsportalen ein recht präzises Bild von der angestrebten Funktion und dem potenziellen Arbeitgeber verschaffen. Diese Informationen allein reichen allerdings nicht aus, um eine qualifizierte Entscheidung bezüglich Bewerbern oder Arbeitgebern zu treffen. Bewerbungsgespräche und strukturierte Interviews sind für ein schlüssiges Bild unumgänglich.

Telefonate und Videokonferenzen ersetzen aktuell vielfach persönliche Treffen vor Ort. Durch digitale Kommunikationslösungen wie Teams, Zoom und Co. können Gesprächsteilnehmer miteinander sprechen und sich dabei sehen. Damit sind die wesentlichen Voraussetzungen für ein Bewerbungsgespräch gegeben. Sie ermöglichen den Teilnehmern, sich über die puren Fakten hinaus auf persönlicher Ebene kennenzulernen. Dieses erste persönliche Element trägt maßgeblich zu der Entscheidung bei, ob es in eine zweite oder dritte Runde geht.

Eine Videokonferenz ist nicht mit einem persönlichen Gespräch vor Ort gleichzusetzen. Schließlich sind die Gesprächspartner hier faktisch nicht im gleichen Raum. Es „menschelt“ nicht. Der Gesprächsfluss unterscheidet sich. Dabei bieten Videokonferenzen den Teilnehmern weitaus mehr Möglichkeiten als konventionelle Telefongespräche. Schließlich kann man hier dem Gegenüber zumindest digital in die Augen schauen, Gestik und Mimik wahrnehmen. Die persönliche Verbindung zwischen Menschen ist zu einem Großteil von Nuancen abhängig. Gerade diese Feinheiten sind allerdings bei einer Videokonferenz schwerer zu beurteilen. Allerdings kann man bei einem Video auch einmal leichter auf seine vorbereiteten Notizen schauen.

Digitale Gespräche sind sachlicher

Aus Gesprächen mit Kandidaten und Klienten haben wir die Erfahrung gewonnen, dass digitale Bewerbungsgespräche in der Regel schneller und sachlicher sind. Dieser Umstand bietet auch Vorteile, weil sich Bewerber und Suchende so stärker auf die wesentlichen strukturellen und operativen Themen konzentrieren können. Zudem darf im Kontext der Corona-Pandemie nicht außer Acht gelassen werden, dass die zwischenmenschliche Komponente bei Arbeit im Homeoffice anderen Dynamiken unterworfen ist als bei gemeinsam verbrachter Zeit im Büro. Hierbei spielt die Beurteilung von Werten eine größere Rolle als der persönliche Eindruck. Anders gesagt werden die Herangehensweise und der Modus Operandi relevanter als zwischenmenschliche Sympathie, da Kollegen sich langfristig mehr aufeinander verlassen müssen, als kurzfristig zu kooperieren.

Ein weiterer Vorteil digital gestalteter Bewerbungsprozesse: Interviews via Webcam sind deutlich flexibler und effizienter gestaltbar, da der Koordinations- und Anreiseaufwand geringer ausfällt. Dieser Faktor ermöglicht es, schlicht mehr Gespräche auch mit möglicherweise internationalen Kollegen zu führen, den Prozess inhaltlich zu vertiefen und teilweise für das mangelnde persönliche Element zu kompensieren.

In der Vorbereitung und Durchführung gilt es sowohl für Bewerber als auch für Organisationen, einige Punkte zu beachten. Besonders hervorzuheben ist hier der Faktor Digitalkompetenz. Die Maßgaben zum Social Distancing haben Arbeitnehmer wie Arbeitgeber dazu veranlasst, ihre kommunikativen Aktivitäten überwiegend digital durchzuführen. Wer bis dato mit digitalen Plattformen und Kanälen wenig Erfahrung sammeln konnte, musste das in kürzester Zeit aufholen. Für die Kandidatenseite gilt: Der Bewerber gestaltet die Umgebung des Interviews selbst mit. Hier gilt es, die Kameraperspektive, die Belichtung, die Kleidung und die Räumlichkeit selbst so zu gestalten, dass das eigene Profil damit untermauert und hervorgehoben wird. Die notwendige technische Ausstattung zu besitzen und eine ausreichende Internetqualität sicherzustellen sind natürlich Grundvoraussetzungen.

Vorbereitung digital und analog ist ähnlich

Ich habe mich kürzlich mit der Personalverantwortlichen eines Klienten und einer Kandidatin für eine bei diesem Unternehmen ausgeschriebenen Vakanz über digitale Einstellungsprozesse ausgetauscht. Beide haben einen durchaus positiven Eindruck des primär digitalen Bewerbungsprozesses gewonnen. Sie hoben die Flexibilität und unkomplizierte Organisation von Gesprächen via Videokonferenz hervor. Ihre Vorbereitung auf die virtuellen Gespräche war dabei die gleiche wie bei einem persönlichen Gespräch, um die Situation so realistisch wie möglich abzubilden.

Beide stellten allerdings auch fest, dass wichtige persönliche Kriterien wie Präsenz und persönliche Interaktion in diesen Formaten nicht ausreichend transportiert werden können. Um dem entgegenzuwirken, fanden in diesem Prozess die finalen Gespräche persönlich und vor Ort statt, was beide in ihrer Entscheidungsfindung als sehr förderlich wahrgenommen haben. Die Bedingungen, die für ein persönliches Treffen gelten, müssen unter den aktuellen Umständen natürlich sorgfältig geplant werden.

Die Kandidatin, die sich am Ende durchgesetzt hat, schätzte die Vielzahl der Gespräche, die unkomplizierte Organisation und den auch dadurch bedingten effizienten Prozess. Sie konnte sehr gute Eindrücke gewinnen, hatte allerdings Schwierigkeiten, Zwischentöne zu erkennen, wenn ihr mehrere Gesprächspartner gegenübersaßen. Die finalen Gespräche bei ihrem neuen Arbeitgeber machten einen relevanten Unterschied aufgrund des aktiven und direkten Austauschs mit ihren Gesprächspartnern. Hier konnte sie mit Arbeitsproben und weiteren Materialien den Austausch lebendiger gestalten und damit punkten. Sie fand sich nach eigener Einschätzung überzeugender als in den virtuellen Gesprächen.

Grundsätzlich lässt sich das digitale Rad mit Sicherheit auch in Rekrutierungsprozessen nicht mehr zurückdrehen. Beide Seiten lernen ständig dazu und werden immer professioneller. Dennoch würden wir immer in der finalen Phase ein persönliches Kennenlernen empfehlen. Die berühmte Chemie muss einfach stimmen, insbesondere in unserer Kommunikationswelt.

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Biontech könnte als eines der ersten Unternehmen eine Zulassung für seinen Impfstoff gegen Covid-19 erhalten. (c) Picture Alliance/Laci Perenyi
Foto: Picture Alliance / Laci Perenyi
Lesezeit 5 Min.
Meldung

Wettlauf um den besten Impfstoff

Das Mainzer Unternehmen und Pfizer stehen vor der Zulassung ihres Covid-19-Impfstoffs. Die Kommunikation dürfte mit darüber entscheiden, welche der verschiedenen Impfstoffkandidaten als die besten angesehen werden. Biontech bietet jedenfalls eine gute Story. »weiterlesen
 
Geschlechtergerechte Sprache wird bei Microsoft Deutschland auch mithilfe des „Gendersternchens“ umgesetzt. (c) Getty Images/Syuzanna Guseynova
Foto: Getty Images/Syuzanna Guseynova
Lesezeit 2 Min.
Gastbeitrag

Inklusion mit Sternchen

Immer mehr Organisationen achten in ihrer Kommunikation auf eine geschlechtergerechte Sprache. Warum Microsoft Deutschland gendert und welche Erfahrungen das Unternehmen damit gemacht hat, berichtet Projektleiterin Paula Auksutat. »weiterlesen
 
Der Weg führt weg vom generischen Maskulinum. (c) Getty Images/ AlbertPego
Foto: Getty Images/ AlbertPego
Lesezeit 4 Min.
Ratgeber

Der Weg zur inklusiven Sprache

Als Leiterin der Kommunikationsabteilung der Stadt Hannover führte Annika Schach vor etwa zwei Jahren die geschlechtergerechte Sprache in der niedersächsischen Landeshauptstadt ein. Wie sollten Organisationen vorgehen, die eine genderneutrale Sprache verwenden wollen? »weiterlesen
 
Bei Bayer-Hauptversammlungen demonstrieren regelmäßig NGOs und Aktivisten. Für Medien ein beliebter Aufhänger für ihre Berichterstattung. (c) picture alliance/SvenSimon/Malte Ossowski
Foto: picture alliance/SvenSimon/Malte Ossowski
Lesezeit 5 Min.
Gastbeitrag

Kein Interesse an der Gegenthese

Christian Maertin wirft Journalisten vor, dass sie immer seltener an Themen unvoreingenommen herangehen. Die Sicht von Unternehmen kommt ihm zu kurz. NGOs seien überrepräsentiert. Die Bayer-Kommunikation ändert deshalb ihre Strategie: Sie will künftig Fragenkataloge nicht mehr jedes Mal mit mehreren Seiten beantworten, sondern häufiger nur noch wenige Sätze liefern, die als griffige Zitate dienen. »weiterlesen
 
Empathie ist wichtig, um sich in Gesprächspartner:innen hineinversetzen zu können – nur so gelingt Kommunikation. (c) Getty Images/Anastasia Usenko
Foto: Getty Images/Anastasia Usenko
Lesezeit 4 Min.
Essay

Mit Empathie die Kommunikation lenken

Fantasie und Imagination beeinflussen die Kommunikation. Welche Prozesse dabei abspielen und warum Empathie wichtig ist, erklärt der Berner Psychologe Fred Mast. »weiterlesen
 
Wenn Meinungsverschiedenheiten im Team zu handfesten Konflikten werden, muss die Führungskraft vermitteln. (c) Getty Images/alphaspirit
Foto: Getty Images/alphaspirit
Lesezeit 3 Min.
Ratgeber

Wie Führungskräfte Konflikte richtig lösen

Spannungen im Team führen schlimmstenfalls zu weniger Zusammenarbeit und sinkender Produktivität. Wie Führungskräfte Konflikte effektiv lösen – auch wenn alle im Homeoffice sind. »weiterlesen