Menschen machen Sprache – und diese bildet der Duden ab. (c) Getty Images/peshkov
Menschen machen Sprache – und diese bildet der Duden ab. (c) Getty Images/peshkov
Kolumne

Warum wir auf unsere Sprache achten sollten

Was sich im Sprachgebrauch durchsetzt, landet irgendwann im Duden. Das ist nicht immer zu begrüßen, findet unsere Kolumnistin Juliane Topka. An alle, die öffentlich kommunizieren, hat sie deshalb einen besonderen Auftrag.
Juliane Topka

Haben Sie sich schon mal überlegt, wie neue Wörter den Weg in den Duden finden? Neutral ausgedrückt, kann man sagen: Begriffe und Wendungen, die im Sprachgebrauch einen gewissen Grad der Verbreitung erreicht haben, sind über kurz oder lang auch in der gelben Rechtschreibbibel verzeichnet.

Das ist grundsätzlich eine feine Sache, denn Sprache entwickelt sich ja stetig weiter. Wer wollte schon heute mit dem Wortschatz von vor 100 Jahren arbeiten? Und es würde doch zum Beispiel wirklich etwas fehlen ohne die vielen Anleihen aus dem Englischen, die wir ganz selbstverständlich benutzen und die keine ähnlich griffige deutsche Entsprechung haben – etwa „liken“, „Fake News“ oder „Work-Life-Balance“. Auch die müssen ja irgendwie geschrieben und in die deutsche Grammatik eingebaut werden.

Zur Sprachentwicklung gehören nicht nur neue Wörter, sondern auch Bedeutungsverschiebungen beziehungsweise -erweiterungen. Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

  • Gefühlt seit Jahrzehnten sprechen und schreiben Menschen von „Expertise“ und meinen damit Fachwissen und/oder Erfahrung auf einem bestimmten Gebiet. Auch hier zeigt sich der geradezu übermächtige Einfluss des Englischen auf unsere Sprache. Im Deutschen war eine Expertise bisher eigentlich nur ein Gutachten und nichts anderes. Mit der 27. Auflage, die im Sommer 2017 erschien, hat die Duden-Redaktion die Bedeutungserweiterung qua Sprachgebrauch nun auch aufgenommen.
  • Das Verb „realisieren“ war vor nicht allzu langer Zeit nur mit der Bedeutung „verwirklichen“ verzeichnet. Weil es aber mehr und mehr auch in der Bedeutung „erkennen, einsehen, begreifen“ genutzt wurde („Ich habe erst jetzt realisiert, dass es vorbei ist“), ist der entsprechende Eintrag vor einiger Zeit erweitert worden.

Sie sehen: Auch mit dem Klugscheißen muss man inzwischen wirklich vorsichtig sein.

Und was kommt als Nächstes?

Ein paar weitere Begriffe sind trotz großer Verbreitung noch nicht im Duden angekommen, stehen aber vermutlich kurz davor. Zwei Beispiele:

  • Gemessen an der Verbreitung ist „aktuell“ in der Nutzung als Adverb einer meiner heißesten Kandidaten für die nächste Auflage. Formulierungen wie „Die Temperatur liegt aktuell bei 15 Grad“ oder „Aktuell gibt es keine neuen Zahlen zu vermelden“ sind inzwischen absolut flächendeckend im Gebrauch. Tatsächlich ist „aktuell“ aber ausschließlich als Adjektiv verzeichnet – so kann man von aktuellen Temperaturen sprechen; dass die Temperatur aktuell bei X Grad liegt, ist aber genau genommen falsch. Faustregel für den Moment: Wenn sich „aktuell“ ohne Bedeutungsverlust durch „derzeit“ oder „zurzeit“ ersetzen lässt, ist es fehl am Platz. Jedenfalls bis zur nächsten Duden-Auflage.
  • Ebenfalls sehr verbreitet ist „adressieren“ in Wendungen wie „ein Thema/Problem adressieren“, mit denen man ausdrücken will, dass man etwas anpacken, ins Bewusstsein rücken oder auf die Tagesordnung setzen will. Adressieren kann man laut Duden aber nur Briefe, Pakete oder Päckchen, maximal noch eine Ansprache an jemanden.

Diese Fälle sind für mich grenzwertig: Ebenso wie bei der Expertise oben bin ich nicht der Meinung, dass Anpassungen hier zwingend sind – allerdings bin auch ich nicht frei von dem Gewöhnungseffekt, der bei exzessivem falschen Gebrauch über kurz oder lang eintritt. Will sagen: Es tut mit der Zeit immer weniger weh.

Alles schön und gut. Aber ...

Ich schrieb oben, dass die deskriptive, also den Sprachgebrauch beschreibende Vorgehensweise der Duden-Redaktion grundsätzlich eine feine Sache sei. Sie hat aber auch einige Tücken. Die größte aus meiner Sicht ist, dass offenbar kaum eine Wertung stattfindet. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, dass Wörter wie „Internetblog“ und „Mund-zu-Mund-Propaganda“ inzwischen im Duden stehen (wenn auch Letzteres bisher nur in der Online-Version).

Da würde ich mir eine präskriptive, also lenkende Herangehensweise wünschen: Das Wort „Blog“ ist eine Verschmelzung aus „Web“ und „Logbuch“. Das B am Anfang stammt also aus dem Wort „Web“; der Bedeutungsaspekt „Internet“ ist damit bereits enthalten. Die erweiterte Form „Internetblog“ doppelt diesen Aspekt und ist deshalb ausgemachter Unfug – da ist es mir völlig egal, wie viele Leute ihn benutzen. Er hat im Duden genauso wenig zu suchen wie die „Mund-zu-Mund-Propaganda“, die eigentlich Mundpropaganda heißt und mit der Mund-zu-Mund-Beatmung durcheinandergeworfen wurde. Unnötig lang, ohne Bedeutungserweiterung: weg damit!

Und die Moral von der Geschicht’?

Im Wesentlichen bedeutet das: Wenn genug Leute einen Begriff (in einer bestimmten Bedeutung) ausreichend lange und ausreichend oft benutzen, wird dieser Begriff beziehungsweise die zusätzliche Bedeutung irgendwann zum Allgemeingut. Das hat positive Effekte, weil es Sprache bereichert und Entwicklungen dokumentiert. Negative Aspekte entstehen, wenn Sprache – pardon! – verblödet. Ein gesundes Augenmaß auf allen Seiten wäre wünschenswert. Wer öffentlich mit Sprache umgeht, hat hier viel Einfluss und sollte besondere Sorgfalt walten lassen. 

 

 
 

Kommentare

Dass aus der Mundpropaganda eine Mund-zu-Mund-Propaganda wird in Anlehnung an die gleichnamige Beatmung, ist eine Analogie-Bildung. Solche wiederum sind ganz typisch beim Sprachwandel. Und leider richten sie sich nicht nach Logik oder Sinn. Und an diesem Punkt hat die Autorin Recht: Schöner machen sie die Sprache nicht. Schönen Gruß

Sie haben ja Recht - Frau Topka - aber nehmen sie die Rechtschreibbibel doch nicht so wichtig .. seien Sie das Sprachrohr und weisen Sie weiterhin auf die Fehler hin und aktzeptieren Sie, das Sprache immer schon verblödet und immer doch auch nicht ...

"JO", ist halt Veränderung ;-) ... aber was ist mit "DIE" oder "SIE"? Wer steht denn nun im Stall?

Was bin ich dankbar für einen solchen Beitrag, vielen Dank dafür! Es gibt zahlreiche Begriffe, die sich aus dem Sprachgebrauch ins Geschriebene einschleichen, dass es manchmal schmerzt. Das ultimative Bespiel fur eine völlige Fehlinterpretation eines Begriffes ist wohl der Quantensprung. Im Sprachgebrauch für einen weitreichenden Fortschritt verwendet, ist die Bedeutung des Wortes das völlige Gegenteil.

Achtung: So, wie Sie das Wort "ultimativ" benutzen (nämlich i.S.v. neueste), war es lange falsch, weil eigentlich "allerletzt" bedeutend, z.B. die ultimative Forderung. Sprache ist stets im Wandel!

Sie finden für „liken“ und „Fake News“ wirklich keine ähnlich griffige deutsche Entsprechungen?

Gute Kolumne, danke dafür.

Werte Frau Topka, natürlich sollten wir auf unsere Sprache achten. Sie sagen selbst, dass Sprache immer im Wandel ist. Aber weshalb sollte die Dudenredaktion lediglich auf Ihre sprachlichen Vorlieben eingehen? Warum darf Ihrer Meinung nach nur eine bestimmte Gruppe von Menschen den Sprachwandel befördern? Warum maßen Sie sich an, erkennen zu können, wann unsere Sprache „verblödet“? Es tut mir leid, wenn Ihnen die - Ihrer Meinung nach - falsche Verwendung einiger Wörter weh tut. Aber ich freue mich darüber, dass die Menschen sprechen. Und dass sie zeitgemäß sprechen. Und besonders freue ich mich darüber, dass schlaue Menschen in der Dudenredaktion (und in den Redaktionen der anderen deutschen Wörterbücher) erkennen, dass Sprache sich verändert und dass nicht Akademiker festlegen, was neuerdings in Wörterbüchern stehen darf, sondern die Mehrheit der Sprecher.

Kein Kommentar. Dieser Artikel ist längst überfällig. Das schreibende Gewerbe hat einen wesentlichen Einfluß auf die Sprache. Besinnt euch darauf! Beispiel: Blaupause. Eine Blaupause ist immer eine Kopie (kann man wissen oder nachlesen) nie aber eine Vorlage zu etwas. Also Redakteure ihr seid gefordert. Lernt deutsch in seiner Bedeutung.

Da kann ich *aktuell* nur voll und ganz zustimmen. Vielleicht kommt bald noch der *Mund-zu-Mund-Internetblog*.

Was mir gerade noch einfällt: Bauchgefühl, solch ein Quark! Früher war es "nach Gefühl handeln", oder eben "aus dem Bauch heraus". Eigentlich synonyme Wendungen. Daraus entstand irgendwann "Bauchgefühl" und alle nutzen es, obwohl es vollkommen falsch ist.


randbemerkung

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