Einen Tag lang Zugbegleiter sein: Andreas Matthä, CEO der Österreichischen Bundesbahnen, schnuppert in den Arbeitsalltag eines Mitarbeiters hinein. (c) ÖBB/Prinz
Einen Tag lang Zugbegleiter sein: Andreas Matthä, CEO der Österreichischen Bundesbahnen, schnuppert in den Arbeitsalltag eines Mitarbeiters hinein. (c) ÖBB/Prinz
Interne Kommunikation

Warum die ÖBB-Chefs Zugtickets kontrollieren

Wie rückt man in einem Großkonzern Vorstand und Mitarbeiter näher zusammen? Die Österreichischen Bundesbahnen hatten eine originelle Idee: Sie ließen elf Führungskräfte die Perspektive wechseln. Über das Projekt und die Ergebnisse berichtet der Leiter der Internen Kommunikation Dieter Marek.
Dieter Marek

„Wenn du nicht 1.000 Meilen in den Mokassins des anderen gegangen bist, hast du kein Recht, über ihn zu urteilen.“ Diese alte Indianerweisheit übersetzten die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ins Hier und Heute. Mit dem Projekt „Perspektivenwechsel – 11 Vorstände machen den Job von 11 MitarbeiterInnen“ inszenierten wir unser Management als Kulturbotschafter. Als Kommunikationsidee zur Weiterentwicklung der Unternehmenskultur ins Leben gerufen, ist der Perspektivenwechsel mittlerweile ein Tool zur Führungskräfteentwicklung im Unternehmen geworden. 

Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) sind Österreichs größter Mobilitätsdienstleister mit einem weit verzweigten Personenzug-, Güterzug- und Busnetz. Konzernweit sind rund 42.550 Mitarbeiter beschäftigt, davon 3.750 im Ausland.

Wie wird man ein noch besseres Team?

Aber der Reihe nach. Gesucht wurde ein Instrument, um den Teamgedanken im Unternehmen zu festigen. Ein starkes Team ist wichtig angesichts der großen Herausforderungen für den Mobilitätsdienstleister ÖBB, die da lauten: Digitalisierung, Wettbewerb, Generationenwechsel im Unternehmen. Wer im Wettbewerb vorne bleiben, noch mehr Menschen für seine Dienstleistungen begeistern will, muss die Wünsche seiner Kunden kennen – und soweit es geht, erfüllen. Das funktioniert aber nur, wenn wirklich alle im Unternehmen an einem Strang ziehen und bei allem, was sie tun, die Kundenwünsche vor Augen haben. Zusammenhalt ist gefragt und natürlich Teamarbeit. Je besser man die Tätigkeiten der Kollegen versteht, je mehr Verständnis man für ihre Aufgaben hat, desto besser. Das gilt natürlich auch für die Führungsmannschaft.

Warum die Perspektive wechseln?

So entstand die Idee zum Perspektivenwechsel. Jedes der elf Vorstandsmitglieder im Konzern übernahm einen Tag lang die Aufgaben eines operativen Mitarbeiters, zum Beispiel von Zugbegleitern, Kollegen der Security oder des Callcenters. Wer in die Rolle des anderen schlüpft, versteht dessen Alltag besser, lernt seine Sichtweisen kennen und weiß, was es braucht, damit alle Hände im Unternehmen optimal ineinandergreifen können. Der – durchaus beabsichtigte – Zusatzeffekt: Als Führungskraft holt man sich die eine oder andere Anregung oder Idee direkt von den Mitarbeitern oder Kunden ab.

Begleitet wurde die Aktion durch ein Filmteam und einen Fotografen. So erhielt die Kampagne auch die notwendige Öffentlichkeit. Intern wurden die Videos des Vorstands-Perspektivenwechsels erstmals bei einer Veranstaltung mit allen 500 ÖBB-Führungskräften gezeigt und die Learnings ausführlich diskutiert. Anschließend wurden die Videos wöchentlich alternierend im Intranet gezeigt, dazu ebenfalls angefertigte Mitarbeiter-Porträtvideos. So war vom Start weg klar, dass der Aufwand einer Video- und Fotobegleitung nicht nur für Vorstände betrieben wird. Parallel zur Ausspielung im Intranet und auf internen Screens zeigten wir die Videos auch auf der Facebook-Seite der ÖBB.

Sympathie für den Arbeitgeber fördern

Das Echo war gewaltig – eine Reichweite von fast einer halben Million auf Facebook und über 26.000 Aufrufe im Intranet bei 20.000 Intranet-Nutzern. Neben der Reichweite zeichneten sich die Beiträge auch durch hohe Interaktion aus. Eine Resonanz, die alle Ziele übertraf und die ohne Mediabudget zustande kam.

Aber viel wichtiger: Die Wertschätzung und die Achtung der Perspektivenwechsler, die sie nach einem Tag als Zugbegleiter, in der Verkehrsleitzentrale oder als Security-Mitarbeiter jenen Mitarbeitern entgegenbrachten, die diese Tätigkeiten tagaus, tagein ausüben, war deutlich spürbar. Damit hat das Projekt zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Intern wurden Wertschätzung und Anerkennung generiert und extern rückte man den Arbeitgeber ÖBB in ein positives Licht. 

Vom Experiment zum Instrument

Es hat sich gezeigt, dass der Perspektivenwechsel insbesondere bei manuellen Tätigkeiten funktioniert. „Ich finde es besonders wichtig, dass die Führungskräfte auch zu uns kommen, damit man einmal sieht, dass man ihnen etwas wert ist“, erklärte ein Triebfahrzeugführer beim Perspektivenwechsel. Die Befürchtung, die Videobegleitung würde den Vorgang stören oder die operativen Mitarbeiter hemmen, erwies sich als unbegründet – im Gegenteil: Das Filmen der Aktion empfanden die meisten als besonders wertschätzend, vor allem deshalb, weil die Aufnahmen allen Führungskräften und Mitarbeitern gezeigt und auch auf Facebook veröffentlicht wurden.

Der große Erfolg in den Social-Media-Kanälen hat uns geradezu überrascht. Offensichtlich ist aber die Tatsache, dass sich hier elf Vorstände die Zeit nehmen, wirklich einen ganzen Tag in die Rolle eines Mitarbeiters zu schlüpfen, anerkennend aufgenommen worden. Ganz klar ist der „Perspektivenwechsel“ deshalb als ausgezeichnete Maßnahme für das Employer Branding geeignet, um Sympathie und Wertschätzung für den Arbeitgeber ÖBB intern wie extern zu generieren.

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Intern ist der „Perspektivenwechsel“ nun ein Tool zur Führungskräfteentwicklung und wird von der Konzern-Personalstrategie für Manager aller Ebenen vorgesehen. Jede Führungskraft im ÖBB-Konzern muss seit 2017 einmal jährlich als operative Mitarbeiterin oder Mitarbeiter in einem logisch verbundenen Konzernbereich tätig sein. Das fördert das Verständnis für Zusammenhänge, macht Entscheidungen praxistauglich und stärkt die Zusammenarbeit.

Wichtig dabei ist die klare Botschaft: Es geht nicht darum, eine Zuschauerrolle einzunehmen, sondern darum, tatsächlich Tätigkeiten auszuführen. So kann der Perspektivenwechsel mit dem erwünschten Effekt vollzogen werden und trägt zu gegenseitiger Wertschätzung und gegenseitigem Verständnis bei. Denn nur, wer in den Schuhen des anderen geht, versteht ihn wirklich.

Die Daten zum Projekt

 

Titel der Kampagne
„Perspektivenwechsel – 11 Vorstände machen den Job von 11 MitarbeiterInnen“

Aufgabe
Zusammenarbeit, Wertschätzung und gegenseitiges Verständnis im Unternehmen fördern – Arbeitgebermarke stärken

Agentur
inhouse (Videoumsetzung extern)

Zeitraum
Februar bis September 2017

Budget
30.000 Euro

Zentrale Personen, die an der Kampagne mitgewirkt haben

  • Sven Pusswald, Leiter Konzernkommunikation
  • Dieter Marek, Leiter Interne Kommunikation
  • Vanessa Berger, Senior Specialist Interne Kommunikation
  • Vorstandsmitglieder des Konzerns

 

Der Autor wird dieses Thema am 19. April auf der Konferenz "Interne Kommunikation" in Berlin vorstellen. Das Magazin pressesprecher ist Medienpartner. Weitere Informationen zu der Tagung finden Sie hier.

 

 
 


randbemerkung

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