Kommunikation für Glücksspiel wirkt oft verdruckst. (c) Getty Images/Bogdan Dreava/EyeEm
Kommunikation für Glücksspiel wirkt oft verdruckst. (c) Getty Images/Bogdan Dreava/EyeEm
Kommunikation für Glücksspiel

Vorsicht, Greenwashing?

Werbung für Glücksspiel ist in Deutschland verboten. Die Pressearbeit in der Branche wirkt daher oft ziemlich verdruckst. Jedenfalls bei denen, die sich an die Regeln halten.
Thomas Trappe

Bei Lotto verteilen sie nicht einmal Gummibärchen, ohne vor sich selbst zu warnen. Glücksspiel kann süchtig machen, steht auf den Give-aways, dazu eine Telefonnummer der Suchtberatung. Madeleine Göhring findet das gut, was keine Selbstverständlichkeit ist. Schließlich ist sie Sprecherin des Deutschen Lotto- und Totoblocks, des Zusammenschlusses der 16 Landes-­Lottogesellschaften. Göhring hätte also guten Grund dafür, sich mehr Beinfreiheit bei der Außendarstellung ihres Unternehmens zu wünschen, und sei es nur bei den Gummibärchen-Give-aways. Doch die Sprecherin findet es „sehr beglückend, für eine gemeinwohlorientierte Organisation zu arbeiten, bei der nicht das Profitdenken, sondern die gesellschaftliche Verantwortung im Vordergrund steht“. Und zu dieser Verantwortung gehört in der deutschen Glücksspielbranche, möglichst wenig über die Freuden des Glücksspiels zu sprechen.

Der Glücksspielstaatsvertrag

Glücksspiel unterliegt in Deutschland im internationalen Vergleich strengen Regeln, über allem steht der Glücksspielstaatsvertrag. Dieser stellt den Jugendschutz und die Suchtprävention in den Mittelpunkt, weiterhin soll der „Spieltrieb in geordnete und überwachte Bahnen“ gelenkt und „Begleitkriminalität“ verhindert werden. Für Pressesprecher ist dabei das im Staatsvertrag festgeschriebene Werbeverbot zentral. Jede ihrer Mitteilungen muss darauf abgeklopft werden, ob sie nicht vielleicht schon werblichen Charakter beinhalten könnte. Vieles, was für herkömmliche Pressearbeit typisch ist, ist hier verboten. Auch wenn sich längst nicht alle daran halten.

Öffentlichkeitsarbeit bei Lotto, sagt Madeleine Göhring, finde eher sehr zurückhaltend statt. Jede Botschaft, die nach draußen gehe, werde anhand einer Checkliste überprüft. Die Pressemitteilungen von Lotto sind, bei allem Respekt, an Langeweile dann auch kaum zu überbieten. In ihnen geht es fast ausschließlich um die Höhe der Jackpots und die gezogenen Zahlen. Mit glücklichen Gewinnern darf Lotto nicht werben, weil sonst suggeriert würde, Glücksspiel mache eventuell glücklich. „Wir wollen negative Begleiterscheinungen so weit wie möglich reduzieren und keine übermäßigen Spielanreize geben“, sagt Madeleine Göhring. Das geht so weit, dass selbst die gemeinnützigen Projekte, in die 40 Prozent der Lotto-Einnahmen fließen, nur eine untergeordnete Rolle in der Außenkommunikation spielen. „Wir informieren darüber, setzen es aber nicht als Imagewerbung ein.“

Machtlos gegen illegale Werbung

Lotto grenze sich deutlich von Anbietern ab, die im Graubereich agieren, sagt Madeleine Göhring. Gemeint sind damit nahezu alle Anbieter von Sportwetten: Diese haben in der Regel in Deutschland keine Konzession, machen aber trotzdem Werbung, flächendeckend zum Beispiel bei Fußball-Liveübertragungen. Dieses Ungleichgewicht bei den Kommunikationsinstrumenten hat bei Lotto auch schon deutliche Spuren hinterlassen. Denn das vor 19 Jahren von Lotto eingeführte Oddset ist der einzige offiziell konzessionierte Sportwettenanbieter in Deutschland und hält sich an das Werbeverbot. Seine Jahresumsätze liegen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Der Umsatz der gesamten Sportwettenindustrie – für die unter anderem Oliver Kahn wirbt – hingegen wird derzeit auf fünf bis acht Milliarden Euro geschätzt.

Zum Hintergrund: 2011 entschlossen sich die Bundesländer, private Sportwettenanbieter in Deutschland zuzulassen. Es wurden danach auch Konzessionen vergeben, allerdings laufen bis heute dazu Gerichtsverfahren. Private Anbieter haben also offiziell noch keine Zulassung – die Länder haben sich aber darauf geeinigt, bis zur endgültigen juristischen Klärung nicht gegen die Anbieter vorzugehen. Das wirkt sich auch auf die Regeln zur Fernsehwerbung aus, wie Sven Petersen, Pressesprecher der Landesmedienanstalten, erklärt. „Die Medienanstalten können erst dann gegen die TV-Veranstalter als Werbeträger vorgehen, wenn die Glücksspielaufsicht zuvor gegen die werbetreibenden Sportwettenanbieter vorgegangen ist, also offiziell festgestellt wurde, dass es sich um unzulässige Wett-Angebote handelt, für die hier geworben wird.“

Bei den öffentlich-rechtlichen Spielbanken, die mit staatlichen Konzessionen betrieben werden und deren Einnahmen zum größten Teil als Steuergelder abfließen, ist die Konkurrenz durch illegale Anbieter in den letzten Jahren ins Zentrum der Pressearbeit gerückt. Ein Großteil der sowieso nur alle paar Monate versendeten Pressemitteilungen dreht sich um illegale Online-Spielcasinos – die anders als die Sportwettenanbieter nicht geduldet sind, sondern schlicht nicht für die deutsche Justiz erreichbar. „Es gibt auf dem Markt komplett ungleiche Bedingungen“, sagt Otto ­Wulferding, Vorstandschef und Sprecher des ­Deutschen Spielbankenverbands (DSbV).

Wulferding wünscht sich ausdrücklich keine Werbe­erlaubnis für die Spielbanken, sondern ein für alle geltendes Werbeverbot. Es sei aber nicht leicht, Journalisten für dieses Wirtschaftsthema zu begeistern, die berichteten lieber über Spielsucht. Der DSbV befindet sich dabei in einer mitunter grotesken Situation. Seit 20 Jahren nämlich kooperiert der Verband mit Einrichtungen der Suchtprävention, man reagierte damals auch auf eine geänderte öffentliche Meinung zum Glücksspiel. Trotzdem geht Wulferding damit kaum an die Öffentlichkeit. Das könne wie Greenwashing wirken, glaubt er, das habe der Verband  nicht nötig.

Doppelte Plakat-Botschaften

Mit ihren 60 Standorten in Deutschland sind Spielbanken im öffentlichen Raum kaum präsent. Ganz im Gegensatz zu den privaten Spielhallen. Deren Image hat sich vor allem wegen ihrer Ausbreitung in Problemvierteln von Großstädten und damit einhergehender Suchtprobleme in den zurückliegenden Jahren stetig verschlechtert. Der Verband der Automatenwirtschaft startete 2013 deswegen eine Imagekampagne. In der Anmutung eines Spielautomaten wurde auf Plakaten etwa darauf hingewiesen, dass „nur legale Spielhallen für Verbraucherschutz und Qualität“ stünden.

Mit Greenwashing habe das nichts zu tun, betont man in der Automatenwirtschaft. In der Kampagne habe man einzig zeigen wollen, dass sich die Spielhallen hierzulande klaren Regeln unterwerfen würden. Nicht überall kam das gut an. So kritisiert Angelina Krüger vom Berliner Präventionsprojekt Glücksspiel, dass mit den Plakaten der Öffentlichkeit ein Saubermann-Image vermittelt werde. „Gleichzeitig könnten Süchtige aber durch die Glücksspiel-Ästhetik der Bilder zum Spielen getriggert werden“, sagt sie. Was nicht zuletzt zeigt, wie schmal der Grat zwischen zulässiger Imagekampagne und unzulässiger Werbung im Glücksspiel sein kann.

Angelina Krüger bescheinigt den Lottogesellschaften und auch den Spielbanken, auf die Regeln des Glücksspielstaatsvertrags zu achten. Doch bei den vielen illegalen und halblegalen Anbietern in Deutschland sieht sie sich „einer absoluten kommunikativen Übermacht gegenüber, gegen die wir in der Suchtprävention mit einem Bruchteil des Budgets nicht viel ausrichten können“. Die Suchtberaterin ist sich mit den Glücksspiel-Sprechern einig: Das Werbeverbot müsse endlich überall umgesetzt werden. Sonst werden die Anbieter mit ihren Kampagnen weiterhin die Räume füllen, die man ihnen lässt.

 

 
 

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Kommentare

Diese Selbstdarstellung des Lottoblocks und der Spielbanken ist kaum erträglich. Wenn man sich im Netz nur kurz umschaut findet man sofort solche Werbung: http://www.wn.de/Specials/Lotto/3317874-WestLotto-Viel-Glueck-Der-Rubbel-Spass-fuer-die-Fussball-WM Was ist daran zurückhaltend? Genauso wie die Busse mit großflächiger, anreizender Spielbankenwerbung, die hier bei uns in Hamburg durch die Gegend fahren. Hier versucht sich eine Branche als Opfer hinzustellen, die es selber versäumt hat, die richtigen Produkt- und Vertriebsentscheidungen zu treffen. Und dann fällt einem natürlich nur noch ein, die Wettbewerber verbieten zu lassen.


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