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Kolumne

Von Medien und ihren scheinbaren Zielgruppen

"Das interessiert unsere Leser nicht", hört man oft aus Redaktionen auf die Frage, warum eine Pressemitteilung nicht veröffentlicht wurde. Doch wer ist eigentlich diese Zielgruppe und wer bestimmt sie, fragt sich unser Kolumnist Claudius Kroker.
Claudius Kroker

Warum führt eine Pressemitteilung nicht zu einer Veröffentlichung? Auf diese einfache Frage gibt es schon eine Menge Antworten. Was man aus Redaktionen besonders häufig hört: Das interessiert unsere Leser nicht, das ist kein Thema für unsere Zuschauer, das passt nicht zu unserer Zielgruppe.

Aber wer ist denn die Zielgruppe einer Zeitung oder einer Zeitschrift? Und wer bestimmt eigentlich, was die Leserinnen und Leser gefälligst zu interessieren habe? Da bleibt vielen Redaktionen in vielen Fällen offenbar auch nichts anderes übrig, als zu vermuten, zu raten und zu experimentieren. 

Der WDR ist vor einiger Zeit ein solches Experiment eingegangen und hat einige Programmtitel erheblich umgestrickt. Angeblich, weil die neuen Formate extrem beliebt seien. Sonntagsmorgens beispielsweise lief über eine von mir aufgrund meines noch nicht ganz so methusalemhaft fortgeschrittenen Alters nicht mehr feststellbare Zeitspanne im Radiosender WDR 3 eine „Geistliche Musik“. Musikredakteure haben für jeden Sonntag mehr oder weniger passende Musikstücke herausgesucht, mit manchmal unverständlichen, manchmal auch umgangssprachlichen Moderationen aneinander gesteckt und über den Äther geschickt. Ich gebe es zu: Ich habe diese Sendung oft gehört, meine Familie am sonntäglichen Frühstückstisch auch. Ob freiwillig oder unfreiwillig – wer weiß das schon.

Lieblings-Kriegserlebnisse zum Sonntagsfrühstück

Das neue Rezept des WDR hieß nun: „Lieblingsstücke“. Sie ahnen es schon. Verantwortliche des Senders kamen zu dem Schluss: diese geistliche Musik interessiere die Zuhörer nicht, das passe nicht zur Zielgruppe. Tja, und schon war ich als Zielgruppe vom WDR aufs Youngster-Abstellgleis geschoben. Denn beim neuen Format darf man jetzt anrufen und sich ein Lieblingsstück wünschen. Und irgendwie mag mich mein Sinn trügen, aber es scheinen konsequent Hörerinnen und Hörer anzurufen, die dieses oder jenes Stück als Kind in den 1950er Jahren schon mal live gehört haben. 

Einmal rief ein alter Kriegsveteran an und wünschte sich den Schlusschor aus Beethovens Neunter – Sie wissen schon: „Freude, schöner Götterfunken“. Das erinnere ihn immer daran, wie er im Krieg (welchen auch immer er meinte) den Absturz eines gegnerischen Flugzeugs erlebte. Er habe die Menschen am Boden verbrennen sehen. Da musste er an „Tochter aus Elysium“ denken. Sonntagmorgen, 9 Uhr, Frühstücksbrötchen, Lieblingsstücke auf WDR 3. Tja, da bin ich wohl wirklich nicht die Zielgruppe.

Es geht nicht immer nur um die Zielgruppe

Ich vermute mal, für den Sender hat diese ganze Lieblingsstücke-Misere einen anderen, ganz simplen Grund bzw. einen monetären Vorteil: Durch die vielen Telefonate mit den Anrufern, die sich zum Beispiel in Erinnerung an ihre erste Begegnung mit Maria Callas oder Rudolf Schock eine aparte Opernarie wünschen, vergeht viel Zeit. – Zeit, in der die so genannte Zielgruppe den emotionalen Hoch- und Tiefpunkten der Hörer lauschen muss. Und Zeit, in der der Sender keine Musik spielt. Und damit vermutlich auch keine GEMA-Gebühren zahlen muss. 

Ein Schuft, der Böses dabei denkt? Verkauft wird uns die neue, konsequente Zielgruppen-Orientierung, aber in Wirklichkeit orientiert man sich nur an der Kosten-Ersparnis? Eine WDR-Mitarbeiterin drückte es mir gegenüber mal so aus: „Seitdem diese Sendung läuft, bleibt sonntags bei uns das Radio aus, und wir hören jetzt morgens immer eine CD.“ Uups – wenn die musikalische Zielgruppe schon unter den eigenen Mitarbeitern flöten geht, ist aber wohl etwas schief gelaufen.

Haustiere versus Mittelstand

Bei vielen Tageszeitungen, deren Auflagen konsequent sinken, sieht es nicht wirklich besser aus. Manche erscheinen in einer Region, in der Zehntausende mittelständische Unternehmen ihren Sitz haben. Regionale Wirtschaft könnte also einen hohen Wert in der Berichterstattung haben, sollte man meinen. Doch weit gefehlt: Im Wirtschaftsteil finden wir Verbraucherthemen („Soll ich meine Lebensversicherung kündigen?“), im Lokalteil spielt der „Schiffer-Verein“ regelmäßig zum journalistischen Marsch auf, und jede Woche beglückt die Leserinnen und Leser eine Extra-Seite „Tier & Wir“ über Hamster, Hasen und Hunde.

Warum? – Ein früherer Redakteur des Bonner General-Anzeigers sagte es mal so: „Die meisten unserer Leser sind pensionierte Bundesbeamte, die interessieren sich nicht für den Mittelstand.“ – Schön, wenn sich Medien so stark auf ihre Zielgruppen konzentrieren. Pech für die, die nicht dazu gehören.

 

 
 


randbemerkung

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