Kommentar: Wie ich es doch noch schaffte, als Pressesprecher stolz auf mich zu sein (c) Getty Images/iStockphoto/Buba1955
Kommentar: Wie ich es doch noch schaffte, als Pressesprecher stolz auf mich zu sein (c) Getty Images/iStockphoto/Buba1955
Haltungsfrage

Vom Journalisten zum Sprecher - so geht´s

Markus Franz war erst Journalist, bevor er Kommunikator wurde. Für ihn ein Kulturschock. Wie er es doch noch schaffte, als Pressesprecher stolz auf sich zu sein
Markus Franz

Vom Olymp des Journalismus stieg ich herab in die Niederungen der Öffentlichkeitsarbeit. So empfand ich es, als ich vor zwölf Jahren Pressesprecher des DGB wurde. Ich fühlte mich unbehaglich, weil ich nicht mehr gewissenhaft Pro und Contra gegeneinander abwog. Weil ich einseitig argumentierte. Weil ich die Wahrheiten meines Arbeitgebers als gegeben hinnahm.

Um mein Ego zu besänftigen, recherchierte ich die Zahlen des DGB bei den Arbeitgeberverbänden nach. Wie es Journalisten tun. Um wenigstens auf der Grundlage von unumstrittenen Fakten zu argumentieren. Das ließ ich schnell wieder. Denn alle anderen fanden es scheinbar irre. Ich ergab mich in mein Schicksal, nur noch Pressesprecher zu sein.

Ich mag naiv sein. Aber ich habe noch immer diesen Traum: Dass wir alle, die wir im öffentlichen Raum arbeiten, uns zu allererst der Gesellschaft verpflichtet fühlen. Dass wir unsere Meinung auf der Basis von Tatsachen austauschen. Dass wir redlich sind. Dass wir wahrhaftig sind.

Es gibt dann immer noch genug zu diskutieren. Denn nur Tatsachen sind objektiv richtig. Die Entscheidungen, die daraus folgen, sind es nicht. Zwei Atomforscher mögen die gleichen Tatsachen anerkennen – dennoch ist der eine für Atomkraftwerke, der andere dagegen. Wer hat Recht? Mehr als Tatsachen, zählen die Schlüsse, die wir daraus ziehen. Diese sollten wir gut begründen, statt herum zu tricksen. Und wenn uns das nicht gelingt, sollten wir erwägen, unsere Meinung zu ändern.

Zwischen Loyalität und Verweigerung

Müssen wir als Pressesprecher nicht zuallererst unseren Arbeitgebern gegenüber loyal sein? Getreu dem Spruch: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“? Ich finde diesen Spruch abstoßend. Wer ihm folgt, entwürdigt sich.

Aber was bedeutet Loyalität überhaupt? Häufig wird sie mit kritikloser Hingabe verwechselt. Für mich bedeutet Loyalität, meinem Arbeitgeber langfristig zu helfen, und wenn es durch Kritik und sogar mal durch Verweigerung ist.

Loyalität ist zudem kein Selbstzweck. Ich messe sie an meinen Werten. Und da steht an erster Stelle der Respekt gegenüber den Menschen, mit denen ich zu tun habe. Daraus folgt für mich als Pressesprecher: mich verständlich ausdrücken, redlich informieren, überzeugen statt überreden. Und so, davon bin ich überzeugt, diene ich auch meinem Arbeitgeber am besten.

In diesem Sinne habe ich doch noch meinen Weg gefunden, stolz auf mich als Pressesprecher des DGB zu sein. Indem ich mich darum bemüht habe, Vertrauen zu verdienen. Nicht Vertrauen darin, dass wir in allem recht haben. Nicht Vertrauen darin, dass wir allein die Guten sind. Sondern Vertrauen darin, dass ich meine Rolle als Dienstleister eines von mir geschätzten Arbeitgebers so gewissenhaft wie möglich ausübe. Damit sich die Menschen da draußen so gut wie möglich ihr eigenes Bild machen können.

 
 

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