Befinden wir uns bereits in einer Diktatur der Daten? (c) Thinkstock/mapchai
Befinden wir uns bereits in einer Diktatur der Daten? (c) Thinkstock/mapchai

Viktor Mayer-Schönberger über die Macht der Daten

Gigantische digitale Datensammlungen verraten heute mehr über uns, als wir es uns noch vor zehn Jahren hätten erträumen können. So bestimmt beispielsweise Google anhand von Suchanfragen die Ausmaße von Grippewellen schneller und präziser als jedes Gesundheitsinstiut. Glauben wir allerdings, dass die Daten uns neben Korrelationen auch Ursachen offenbaren, sind wir laut Viktor Mayer-Schönberger auf einem Irrweg. Der Oxford-Professor spricht im Interview über die Macht der Daten und die Tugend des Vergessens.
Anne Hünninghaus

Herr Professor Mayer-Schönberger, die Zahl der gespeicherten Datenmengen hat sich in der vergangenen Dekade exponentiell gesteigert. Befinden wir uns bereits in einer Diktatur der Daten?

Viktor Mayer-Schönberger: Nein, das glaube ich nicht. Aber ich glaube, dass immer mehr Unternehmen, Organisationen und auch Regierungen erkennen, wie mächtig das Werkzeug Big Data ist, und beginnen, es zu verwenden. Wie jedes mächtige Werkzeug ist Big Data weder gut noch böse, aber es besteht die Gefahr des Missbrauchs. Das bedeutet, dass wir einen ethischen Rahmen für Big Data brauchen – genau wie für die Gentechnologie oder die Kernkraft auch. Es bedeutet aber auch, dass dieser einmal eingeschlagene Weg nicht mehr umkehrbar ist.

Dann ist der freie Wille noch nicht verschwunden?

Der freie Wille ist dann verschwunden, wenn wir in Zukunft die Big Data-Analyse immer weiter missbrauchen – und zwar für Ursachenforschung. Wenn wir glauben, dass wir damit mehr erkennen können, als es eigentlich der Fall ist.

Führt ein solches Verhalten zu selbsterfüllenden Prophezeiungen?

Wenn die Polizei sich entscheidet, jemanden abzuholen, da sie aufgrund von Daten eine Straftat voraussieht, ist das schlimm, weil man dessen Unschuld dann gar nicht mehr nachweisen kann. Auch der junge Mann, dem die KFZ-Versicherung versagt wird, weil er aufgrund der Statistik vorgeblich unfallhäufiger fahren wird, hat nicht die Chance, das Gegenteil zu beweisen.

In Ihrem Vortrag sprachen Sie auch von Demut. Inwiefern sollten wir im Umgang mit den Datenmassen demütiger sein?

Ich sprach von Demut im doppelten Sinne: Einerseits erkennen wir mit Big Data, wenn wir es richtig einsetzen, dass wir viel weniger von der Welt wissen, als wir glaubten. Zudem müssen wir Big Data demütig einsetzen, insofern dass wir immer einen Freiraum für das zutiefst Menschliche schaffen, etwas das der Computer nicht kann. Das, was uns auszeichnet: das Verrückte, das Kreative, das Spielerische, das Irrationale. Nur so wurde das Auto erfunden – und nicht eine schnellere Pferdekutsche.

Ist das Vergessen eine Tugend?

Ja, das ist es. Weil es unser Gedächtnis vom Erinnerungsmüll befreit, der für uns nicht mehr relevant ist.

Obwohl sich nach wie vor viele Menschen über soziale Medien, Blogs und Co. ganz bewusst im digitalen Gedächtnis verewigen, wird auch der Ruf nach Löschungen lauter. Google ist nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum „Recht auf Vergessenwerden“ im Sommer immerhin einen kleinen Schritt in diese Richtung gegangen. Glauben Sie, es gibt in Zukunft ein Umdenken hin zu mehr digitalem Vergessen?

Ja, ich glaube, der Prozess hat schon begonnen. Der Fakt, dass heute – gerade bei den jungen Menschen – dutzende Millionen täglich Snapchat verwenden und nicht Facebook, spricht für die Wahl eines vergessenden Werkzeugs, um miteinander zu kommunizieren. Dabei geht es gar nicht darum, ob die Inhalte technisch tatsächlich gelöscht sind oder nicht, sondern darum, dass meine Freunde und ich darauf keinen Zugriff mehr haben, sie vergessen können.

 

 

 
Viktor Mayer-Schönberger (c) Privat
Viktor Mayer-Schönberger
Universität Oxford
Professor für Internet Governance and Regulation

Viktor Mayer-Schönberger ist ein österreichischer Jurist, Hochschullehrer und Autor. Nach seinem Studium in Salzburg, Harvard und der London School of Economics war er von 1986 bis 1992 als erfolgreicher Software-Entrepreneur tätig. Von 1998 bis 2008 war er Professor an der Harvard University und folgte dabei auch Gastprofessuren in die Schweiz (St.Gallen) und Deutschland (ESMT). Danach arbeitete er bis 2010 als Professor und Direktor eines Forschungszentrums in Singapur. Seit 2010 ist Mayer-Schönberger Professor an der Universität Oxford und veröffentlichte über einhundert Publikationen, darunter auch das preisgekrönte “Delete – Die Tugend des Vergessens” und der internationale Bestseller “Big Data” (mit Kenneth Cukier).

 

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