Cover: Lit Verlag, Collage: Julia Nimke
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Rezension

Vier Gedanken zum Medienwandel

Zwei Wissenschaftler und zwei Journalisten sammeln im Büchlein "Medienumbruch und Öffentlichkeit" ihre Gedanken und Visionen zu Status quo und Zukunft des Journalismus und dessen Verhältnis zu Politik und Öffentlichkeitsarbeit. Ein Rezension
Anne Hünninghaus
 

Zum Thema "Medienumbruch und Öffentlichkeit" und der Frage, wie der digitale Wandel die öffentliche Diskussion in unserer Mediendemokratie verändert, könnte man dicke Sammelbände füllen. Man könnte versuchen, die Komplexität zu durchbrechen, indem man die ineinandergreifenden Rädchen wohlsortiert einzeln unter die Lupe nimmt. Die Herausgeber Johannes Hattler und Hans Thomas haben sich dagegen entschieden.

Die erste Überraschung für den Besteller des Buchs, das eher als schmale Broschüre daherkommt, ist daher wahrscheinlich dessen geringer Umfang von nur 61 Seiten. Der Beitrag des ehemaligen "Wirtschaftswoche"-Chefredakteurs Roland Tichy nimmt sogar nur bescheidene dreieinhalb Seiten ein. Die einzelnen Beiträge stehen jeweils für sich und wirken, als seien sie zufällig angeordnet.

Aber von vorn: Zwei Wissenschaftler und zwei Journalisten widmen sich kurz und prägnant je einem Thema. Den Anfang macht Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin mit seinem Aufsatz zur "Propaganda 2.0".

Propaganda = PR?

Die Grenzen zwischen Werbung, PR und Propaganda sind fließend, so die Meinung von Bolz. Zu Beginn seines Beitrags über die Allgegenwart von Propaganda analysiert er knapp die grausame Propaganda des so genannten Islamischen Staats. Dieser "Selbstorganisation der radikalen Verlierer", gelingt es schließlich immer wieder, dass ihre Videos rund um die Welt massenmedial aufgegriffen werden. Anschließend beschreibt er mit zahlreichen historischen Bezügen, wie Politik und Medien angesichts einer immer komplexer werdenden Weltlage vor der Unübersichtlichkeit kapitulieren. Die "letzte Phase", des Verschwimmens von PR und Propaganda erkennt Bolz im Nudging, der Methode, Menschen mit kleinen Stupsern – ohne Verbote, sondern durch Anreize – zu beeinflussen. Besonders in den USA unter Barack Obama und der britischen Regierung nimmt Bolz diesen Trend wahr.

Schlüsselsätze: "Aufklärung ist gescheitert. Stattdessen leben wir in einer Art Informationshypnose.", "Es gibt ein Bedürfnis nach Propaganda.", "Propaganda ist die Public Relations der Bösen und Public Relations ist die Propaganda der Guten".

Überlebenskampf des Qualitätsjournalismus

"Cicero"-Redakteurin Petra Sorge stellt im zweiten Beitrag ihre Hauptthese gleich als Überschrift voran: "Der Qualitätsjournalismus stirbt auch im Netz nicht". Schließlich sei nicht das Interesse an Nachrichten gesunken, im Gegenteil, diese seien gefragt wie nie zuvor. Stattdessen gebe es eine Anzeigenkrise und es müssten für digitalen Journalismus bessere Bezahlmodelle gefunden werden. Sorge kritisiert den Begriff "Onlinejournalismus", da dieser lediglich den Kanal benennt statt die neue Gestalt digitaler journalistischer Bereiche einzubeziehen. Darunter fallen Sorge zufolge webbasierter Echtzeitjournalismus, multimediales Storytelling und Social-Media-Journalismus.

Schlüsselsätze: "Die Frage sollte nicht heißen: Ruinieren Internet, Facebook und Co. den Journalismus? Sie sollte vielmehr lauten: Wie kann die Beteiligung aller gesellschaftlicher Gruppen an der Informations- und Wissensgesellschaft erhöht werden?"; "Der Journalismus im Netz wird zunehmend prozessartig und von ganz neuen Nutzungskontexten bestimmt, deren Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft sind."

Wer hat die Macht?

Der dritte Beitrag widmet sich unter dem Titel "Angstblüte der Medien. Sind Journalisten Opfer des Internet?" den sich wandelnden Machtverhältnissen von Medien, Politik und Bevölkerung. Autor ist der Psychologe und Politikwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger. Das Thema Laienjournalismus und Selbstdarsteller in den sozialen Medien, die kleine Vorfälle zu riesigen Skandalen aufbauschen versus sich anbiedernde Massenmedien bietet wenig Neues. Auch die Fallbeispiele zur Macht der Medien, namentlich Wulff und zu Guttenberg, bringen keine zusätzlichen Erkenntnisse hervor. Im Schlussteil präsentiert Kepplinger zwei Wege, die Journalisten künftig einschlagen könnten.

Schlüsselsätze: "Angesichts der Macht, die die Medien bei Kampagnen besitzen, erscheint die expansive Strategie, d.h. die Entwicklung der Journalisten von Merkern zu Machern naheliegend und verlockend. (…) Die zweite Alternative zur Bewältigung der Krise kann man als Konzentration auf Kernbereiche bezeichnen. (… ), die sachliche Analyse und Einordnung des aktuellen Geschehens."

Abschluss und Fazit

Schließlich liefert in besagtem Kurzbeitrag Roland Tichy sieben knapp skizzierte, polemische Thesen zur aktuellen Lage des Journalismus. Er kritisiert beispielsweise den Beifall heischenden "Like-Journalismus" der Generation Facebook, einen moralisierenden "Belehrungsjournalismus" und unterstellt, die komplexe Wirklichkeit verführe Journalisten zum "Rudeljournalismus", der eine "freiwillige Gleichschaltung" beinhalte.

Schlüsselsatz: "Der Beruf (des Journalisten, Anm. d. Red.) muss neu gedacht und anders gelehrt und ausgeübt werden."

Der recht zusammengewürfelt erscheinende Band, der auf ein interdisziplinäres Colloquium des Kölner Lindenthal-Instituts zurückgeht, enthält vereinzelt griffige Wendungen und interessante Gedanken. Der Großteil der Inhalte ist jedoch wenig neu, ebensowenig sind es einige der von den Autoren zitierten Studien.

Wer an der Lektüre interessiert sein sollte, der sei, einer weiteren Überraschung vorbeugend, vorbereitet: Das schmale Heft, erschienen im Lit Verlag, kostet stolze 29,90 Euro.

 

Kommentare

Die originell daher kommende These von Bolz ist ein schönes Beispiel für retrofuturistische Aufguesse von blinden Flecken der PR Theorie, die ihre soziologischen unsicheren Wurzeln in der primär amerikanischen Soziologie vergessen hat, um als Managementwissenschaft Erfolge zu feiern. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn der Erfolg durch Gewißheit und empirische Belege für ein engineering of consent vorhanden wären. Bolz interessiert sich aber nicht mehr für tiefgründige Analysen sondern er nimmt einfach für seine These einer guten PR mit Hilfe von Ethik auf und greift damit auf die These von der guten soziologischen Propaganda in einer hergestellten Öffentlichkeit durch Jaques Ellul von 1966.!!! auf ". In seinem Buch "Die Abenteuer der Kommunikation" nimmt Harald Wenzel im 4. Kapitel mit dem Titel Propaganda in einem Exkurs zur Propaganda und zur Propagandatheorie diese Theorie zum Anlass auf das ungelöste Forschungsproblem hinzuweisen, dass er als Problem der hergestellten Öffentlichkeit bezeichnet und auf dass die Propagandaforschung keine wirkliche Antwort zu geben weiss. Wenzel erläutert dazu den Propagandadiskurs mit Bezug auf die von Talcott Parsons bei Harold Lasswell abgeschaute These, "dass die Unsicherheit zum universalen Ausgangsproblem aller Handlungsysteme wird ". Damit so Wenzel, "wird deutlich, dass das Paradigma einer außergewöhnlichen, außeralltäglichen, manipulativen und starke Wirksamkeit beanspruchenden Propaganda scheitern muss. und von einem Propagandabegriff abgelöst wird, dessen alltägliche, kontinuierliche und schwache Medienwirkungen alle Lebensbereiche umgreifen. Öffentlichkeit ist gar nicht mehr anders zu denken als durch dauerhaft hergestellte und reproduzierte (Exkurs zu Propaganda). " Wenzel, S. 1991). Das Management kollektiver Einstellungen durch die Manipulation kollektiver Symbole als Definition von Propaganda durch Harold Lasswell ist dann nur durch ein t0talitäres Informationsregime möglich. Untersuchungen von Propaganda Aktivitäten in Organisationen und Bürokratien, die an ethnomethodologischen Untersuchungsdesigns sich orientieren, zeigen jedoch dass der Zweck "moderner Propaganda " aber weniger in der Massenkommunikation liegt, sondern dazu primär dazu dient die Legitimität einer Organisation und ihrer Aktivitäten aufrechtzuerhalten. " (Altheide David / Johnson, John M in Bureacratic Propaganda, Boston 1980, S.18) Niemand sagt hier einfach nur die Wahrheit. und Öffentlichkeit muss hergestellt werden. Wenzel klärt in seiner Durchsicht der Propagandabegriffe über die lange Debatte um den Begriff der Propaganda auf. Die Entlarvung des Mythos einer ommnipotenten Wirksamkeit von Massenmedien wirft die Frage auf, was von einem Propagandabegriff übrig bleibt, der einst auf dem Paradigma starker Massen Medien Wirkung basierte, nun aber seit den sechziger Jahren aus der PR Literatur verschwunden ist, weil in dem von einem demokratischen Staat und Medienöffentlichkeit gebildeten Raum sich ein selbstverständliches Feld von Kommunikation mit Massen gebildet hat.Wenzel meint, dass damit Propaganda zwar aus der Literatur, aber damit eben nicht das "Forschungsproblem"der hergestellten Öffentlichkeit "verschwunden ist! Wenzel weist uns einen Weg aus dem Dilemma das die Theorie der massenmedialen Kommunikation seiner Ansicht nach prägt: Entweder führt sie in ein totalitäres Informationsregime oder sie muss den Rückzug auf das lokale Forum der Geminschaft von Anwesenden betreiben... : "Beide Hörner des Dilemmas übersteigern die hinter der Kommunikation stehende Rationalität, postulieren eine Gewißheit des Kommunikationserfolges dort wo keine sein kann,: Weder die auf instrumenteller Rationalität beruhende totalitäre Herrschaft der Information noch die auf kommunikativer Rationalität gründende Gewißheit identischen Bedeutungsverstehens kann der Schlüssel sein. die Probleme gesellschaftlicher Integration unter den Bedingungen massenmedialer Kommunikation zu lösen." (Wenzel, S. 226) Wer sich für einen dritten Weg interessiert der abseits des von Bolz und anderen schlichtweg ignorierten Dilemmas interessiert, dem empfehle ich für das Verständnis dieser "guten " Propaganda das deutlich umfangreichere aber günstigere Werk des Berliner Soziologen Harald Wenzel. . .


randbemerkung

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