Ruben Neugebauer ist Sprecher und Aktivist bei Sea-Watch. / Ruben Neugebauer: (c) Sea-Watch
Ruben Neugebauer ist Sprecher und Aktivist bei Sea-Watch. / Ruben Neugebauer: (c) Sea-Watch
Flüchtlingsretter von Sea-Watch

"Viele Kritiker sind unwissend und rassistisch"

Sea-Watch rettet Menschen vor dem Ertrinken. Dafür schlägt der NGO Hass von rechts entgegen. Wie sie damit umgeht, erklärt Ruben Neugebauer.
Heike Thienhaus

Die Nichtregierungsorganisation (NGO) Sea-Watch rettet geflüchtete Menschen, die im Mittelmeer in Seenot geraten sind – die einen bejubeln sie dafür, andere streuen puren Hass. Woher rührt diese Feindseligkeit? Und wie geht man damit um? Ein Gespräch mit Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer:

 

Herr Neugebauer, als Sie 2015 Sea-Watch mitgegründet haben, hätten Sie damals gedacht, dass Ihr Engagement auf so viel Widerstand stößt?

Ruben Neugebauer: Nein. Wir planten damals nur eine dreimonatige Kampagne zur Seenotrettung, um zu zeigen, dass es privat möglich ist, den in Not geratenen geflüchteten Menschen auf dem Meer zu helfen. Die Staaten haben hier aber schlichtweg keine Verantwortung gezeigt.

Ende September einigten sich auf Malta die EU-Staaten, geflüchtete Menschen auf Rettungsbooten nach einem Quotensystem auf alle Länder zu verteilen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Es ist gut, dass endlich Bewegung in die Sache kommt. Die europäischen Staaten hatten schließlich lange genug Zeit, um zu reagieren. Wer Schutzbedürftige in lybische Lager bringt, in denen Menschen gefoltert werden, oder Rettungsschiffe über Wochen nicht anlegen lässt, der hat den Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung verlassen. Dank des Drucks aus der Zivilgesellschaft und der Kirche geht es jetzt aber einen kleinen Schritt voran.

Seit der Verhaftung der Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, in diesem Sommer werfen Politiker wie der ehemalige italienische Innenminister Matteo Salvini Sea-Watch unter anderem „Beihilfe zur illegalen Einreise“ vor. Wie gehen Sie damit um?

Obwohl eine Bevölkerungsmehrheit für Seenotrettung ist, polarisiert das Thema. Wir haben uns fast schon daran gewöhnt, dass uns Menschen anfeinden. Auch Horst Seehofer hat vor einem Jahr noch behauptet, dass wir beispielsweise mit Schleppern arbeiteten. An den Vorwürfen ist nichts dran und wir müssen diese immer mühsam entkräften. Aber wenn man mit Dreck beworfen wird, bleibt auch immer etwas kleben.

Was wird Ihnen weiter vorgeworfen?

Politiker wie Seehofer behaupten, dass unsere Seenotrettung wie ein Pull-Faktor wirke. Wir bestärkten also Migranten darin, übers Meer zu flüchten, weil wir sie ja sowieso retten. Das ist schlichtweg falsch. Diesen Vorwurf muss man sich moralisch erstmal vor Augen führen. 

Welche Argumente setzen Sie dem entgegen?

Erstmal versuchen wir es mit Logik: Wie können wir die Ursache dafür sein, dass auf dem Meer massenhaft Menschen ertrinken? Als Retter reagieren wir darauf. Außerdem belegen Studien, dass es keinen Pull-Faktor gibt. 

Nennen Sie ein Beispiel bitte.

Man könnte mit derselben Argumentation beispielsweise die Bergwacht verbieten. Da kann man ja auch sagen: Die Bergwacht rettet überwiegend Menschen, die sich selbst in Gefahr gebracht haben, weil sie davon ausgehen, dass es eben eine entsprechende Infrastruktur wie die Hubschrauber-Rettung gibt. Das wäre ja dasselbe Prinzip.

Wer sind Ihre größten Gegner?

Das sind Politiker wie der ehemalige österreichische Kanzler Sebastian Kurz, die sich ohne fachlichen Hintergrund äußern und denen die Bürger glauben. Oder bis vor einem Jahr Horst Seehofer, der uns die Zusammenarbeit mit Schleppern unterstellte. Allgemein sind viele Kritiker unwissend, rassistisch und extrem laut. Das hat aber mit der tatsächlichen Meinungsmehrheit in Deutschland nicht viel zu tun. 

Wie aufklärend ist hier die deutsche Medienberichterstattung?  

Es ist erschreckend, wie wenig reflektiert einige Medien diese Vorwürfe aufgreifen. Wir entkräften diese zwar immer wieder bei kritischen Nachfragen. Allerdings brennt sich diese Rechtfertigungsschleife in den Köpfen der Leser und Zuschauer ein. Es wäre schön, wenn Politik und Medien bei kriminellen Themen wie bei dubiosen Cum-Ex-Steuergeschäften, bei denen der Staat um Milliardensummen an Steuergeldern geprellt wird, ähnlich nachhaken würden, wie sie es bei der Rettung von Menschen aus dem Mittelmeer tun. Es ist absurd, wie viel Hass die Seenotrettung erfährt.

Bei einigen Medien geht es also mehr um den Aufmacher als um Faktentreue?

Online geht es oft um Klickzahlen. Zwar werden im Artikel die Vorwürfe meist entkräftet. Dennoch prägen sich die reißerische Überschrift und der Teaser bei den Leuten ein. Sie teilen die Artikel in den Sozialen Medien auf den Timelines.

Welches sind die wichtigsten Medien für Sie?

In akuten Rettungssituationen sprechen wir mit Medien und Formaten, die reichweitenstark sind, wie Spiegel-Online, Tagesschau und Heute-Journal. Wichtig sind aber auch die Berliner Zeitung und die Taz, da wir hier viele unserer Unterstützer erreichen. Wir sprechen aber auch mit uns gegenüber eher kritischen Zeitungen wie Die Welt. Wir sind überzeugt von dem, was wir tun, und stehen auch dazu. 

Kommen wir nochmal zu Ihren Gegnern. Wie werden Sie angefeindet und auf welchen Kanälen?

Tatsächlich versuchen wir, uns von Anfeindungen oder unangebrachten Kommentaren, wie sie auf Social Media stattfinden, nicht beeinflussen zu lassen. Wir ignorieren das weitgehend. Allerdings gab es auch schon Morddrohungen, wie sie gegen Carola Rackete stattfanden. Sie versteckte sich daraufhin an einem für die Öffentlichkeit unbekannten Ort.

Das ist keine Bagatelle. Wie gehen Sie damit um?

Spätestens seit dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wird einem schon mulmig. Das geben wir dann auch an die Behörden weiter, allein damit es in der Statistik landet. 

Gibt es ein Krisenhandbuch oder Regeln, wie Sie oder Ihre Mitarbeiter sich bei Anfeindungen oder Hass-Posts verhalten?

Für Social-Media-Kommentare haben wir eine Guideline, wann wir blocken – Posts oder Kommentare also löschen – oder wann wir sie kommentieren. Werden allerdings Vorwürfe von relevanterer Seite laut, dann reagieren wir und versuchen, Vorwürfe zu widerlegen. Manchmal sind die aber so stumpf, dass andere Maßnahmen erforderlich werden.

Zum Beispiel?

Bei Matteo Salvini beispielsweise leiteten wir ein Verfahren wegen Verleumdung ein. Damit wollten wir unter anderem verdeutlichen, dass er Soziale Medien verwendet, um Hass zu verbreiten. Die Verrohung der Sprache und des Diskurses zieht Konsequenzen nach sich. Das haben wir zuletzt beim Amoklauf in Halle gesehen, weshalb wir das nicht akzeptieren können.

Wie schädigend sind Verleumdungen für den Ruf einer NGO wie Sea-Watch?

Die Frage ist ja immer: Der Ruf bei wem? Wir leben in einer polarisierten Gesellschaft. Je mehr Hass wir von rechts bekommen, desto mehr unterstützen uns Menschen, die progressiv denken. Deswegen ist es schwer zu sagen, an welcher Stelle wir geschädigt werden. Klar ist aber, dass die Kriminalisierung und Gängelung der Seenotrettung den Menschen schadet, die auf dem Mittelmeer in Not geraten.

Wie hat sich die Rettungsaktion von Carola Rackete auf die Reputation von Sea-Watch ausgewirkt? 

Carola wurde zur Symbolfigur – die Capitana gegen Salvini ist quasi gleichzusetzen mit dem Kampf David gegen Goliath. Geplant war das nicht. 

Wie haben die Anfeindungen und Diskussionen um die Rettungsaktionen von Sea-Watch Ihre Kommunikationsarbeit beeinflusst?

Wir haben immer schon schnell und proaktiv kommuniziert. Wir geben beispielsweise Schätzungen über Zahlen von Opfern ab, die bei ihrer Flucht in einem Holzboot auf dem Mittelmeer sterben. Meistens werden von offiziellen Stellen zunächst nur die Opfer gezählt, die man an Deck sieht. Dabei gibt es meist Menschen, die unter Deck sterben. Die findet man später. 

Herr Neugebauer, blicken wir in die Zukunft. Sehen Sie einen Lichtblick für Menschen, die auf der Flucht sind?

Obwohl die europäischen Staaten seit Malta jetzt einen Schritt in die richtige Richtung gehen, erleben wir nach wie vor eine unhaltbare Situation. Die europäischen Staaten haben Menschenrechtsverletzungen schlichtweg outgesourct. Man macht sich die Finger nicht selber schmutzig, sondern fördert lybische Milizen dafür, dass sie die sogenannte Drecksarbeit machen. Wir sind noch weit von einer Lösung entfernt.

 

 
 


randbemerkung

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