Manchmal müssen wir Konventionen brechen, um unsere eigenen Ansprüche erfüllen zu können. (c) Getty Images/RuthBlack
Manchmal müssen wir Konventionen brechen, um unsere eigenen Ansprüche erfüllen zu können. (c) Getty Images/RuthBlack
Titel-Essay

Verstehen Sie Spaß?

Spaß ist ein wesentlicher Treiber unseres Tuns, und er scheint als solcher wichtiger zu werden. Das belegen Umfragen und Studien.
Jens Hungermann

Als er und seine Begleiterin das kleine Plateau unterhalb der Bergspitze erklommen hatten, staunte Reinhold Messner nicht schlecht. Ein Kiosk? Am Matterhorn? In 4.000 Meter Höhe? In dem Kiosk wartete ein bebrillter Mann im schwarzen Sakko, der von Illustrierten über Süßwaren bis hin zu Tischfeuerwerk Diverses feilbot. Der Mann schwadronierte, dass er eine Kiosk-Kette an allen Bergen der Umgebung plane: „Wie McDonald’s! Und den Japanern, denen verkaufe ich die Kuckucksuhren.“

Der weltberühmte Bergsteiger Messner hingegen moserte: „Sie gehören da gar nicht herauf“, er echauffierte sich: „Was sollen wir mit dem ganzen Plunder hier oben anfangen? Ich werde mich beim Bürgermeister in Zermatt beschweren. Der kann doch nicht eine Baugenehmigung für eine solche Hütte geben.“

Für die Auflösung der skurrilen Situation mit versteckter Kamera sorgte schließlich ein Mann, der sich von einem Helikopter abseilte und der Fernsehzuschauern in Deutschland, Österreich und der Schweiz bestens bekannt war: Kurt Felix, Moderator und Erfinder von „Verstehen Sie Spaß?“.

30 Jahre alt ist diese Episode inzwischen. Heute, wo das Format nicht annähernd mehr Einschaltquoten wie in den Achtziger- und Neunzigerjahren erreicht, gilt der Streich am Matterhorn als Kleinod der TV-Unterhaltung. Er illustriert ein feines Gespür für eine außer Mode gekommene Art von massenkompatiblem Humor, der sich durch Schadenfreude speist, ohne je boshaft zu sein. „Das Opfer“, hat der Entertainer Felix einmal gesagt, „muss am Ende mitlachen können.“ Motto: Ein bisschen Spaß muss sein.

Doch wo fängt der Spaß an? Wo hört er auf? Die Antworten auf diese Fragen sind höchst subjektiv, und situativ können sie sehr unterschiedlich ausfallen. In ihrer Studie „Spaß Verstehen: Zur Pragmatik von konversationellem Humor“ – einer der ersten umfassenden Untersuchungen zum Thema im deutschsprachigen Raum – kam die Linguistin Helga Kotthoff 1998 zu dem Schluss: „In der Scherzkommunikation zeigt sich noch deutlicher als in der ernsthaften Kommunikation, dass Menschen die Kontexte, in denen sie handeln, fortlaufend mitproduzieren, dass Kognition und Kommunikation (wenngleich analytisch trennbar) sich in ständiger Kopplung befinden.“

Wenn einem Kollegen im Meeting die Kaffeetasse zu Boden fällt und zerschellt und ein anderer Kollege dies trocken mit den Worten „Da ist was runtergefallen“ kommentiert, kann das spaßig (gemeint) sein, muss es aber nicht. Ebenso gut kann es als garstig, böswillig, hämisch, kurzum: verletzend empfunden werden – abhängig davon, in welcher Beziehungsebene die Kollegen zueinander stehen.

Dieses Risiko geht auch solche Kommunikation ein, die auf kecke Claims setzt, eine freche Zielgruppenansprache auf Social Media nicht scheut und – wie beispielsweise die Bonner Getränkemarke True Fruits – spaßbefreit nölenden Usern die Zunge in Form von Hashtags herausstreckt: #heuldoch #dubrombeersohn. Wer solchen Spaß nicht versteht, mag sich wundern oder ärgern. In ihrer Community werden die Social-Media-Manager für ihre Kreativität jedoch gefeiert: Endlich nimmt sich ein Unternehmen mal nicht so ernst.

71 Prozent der Deutschen haben Spaß an ihrer Arbeit

Auch von unserer Beziehung zur Arbeit hängt ab, ob wir Spaß bei oder an ihr empfinden. Ist die Aufgabe herausfordernd und abwechslungsreich oder eintönig und sinnentleert? Ist sie bloßer Broterwerb oder erfüllt sie Ansprüche von Selbstverwirklichung? Der Spiegel gab dieses Jahr eine Umfrage in Auftrag zum Thema: „Was bedeutet Arbeit für Sie?“ Auf den Plätzen eins bis drei landeten „Geld“ (48 Prozent), „Erfüllung“ (26) und „Spaß“ (13).

Die Techniker-Krankenkasse fragte vor zwei Jahren deutsche Arbeitnehmer: „Haben Sie Spaß an Ihrer Arbeit?“ 71 Prozent antworteten mit Ja, 23 Prozent sagten: „Meine Arbeit ist nur ein Broterwerb“, und vier Prozent gaben an: „Meine Arbeit frustriert mich.“ In der PR-Branche sind laut Studie „Kommunikationsmanagement 2018“ übrigens 76 Prozent aller Kommunikatoren mit ihrem Job sehr zufrieden oder zufrieden.

Das ist ein gutes Zeichen. Dass Arbeits- und Lebenszufriedenheit eng miteinander verknüpft sind, belegen wissenschaftliche Studien. Dabei muss der eigene Beruf nicht immer gleich auch Berufung sein. Vielmehr spielt neben der Empfindung, wie sinnstiftend die eigene Tätigkeit eigentlich ist, eine nicht unerhebliche Rolle, wie es um die Balance zwischen Arbeitszeit und Freizeit steht. Interessant ist in diesem Zusammenhang, was das Institut für Demoskopie Allensbach 2018 vermeldete: Die Zahl der Deutschen, die „großen Wert darauf legen, das Leben zu genießen und viel Spaß zu haben“, ist seit 2014 von 38,83 auf 42,69 Millionen gewachsen.

Auch wenn Pflichtbewusstsein und ein Streben nach möglichst viel Spaß in einem am Ende ja doch vergleichsweise kurzen Leben auf diesem Planeten sich keineswegs ausschließen, scheint Kritikern eine solche vermeintlich hedonistische Einstellung suspekt. Pah, Spaßgesellschaft, rufen sogleich die Miesmacher. Spaßgesellschaft, das wisse die „politisch korrekte Spaßbremse“, sei purer Egoismus und ein Angriff des Systems auf die Denkfähigkeit der Gemeinschaft: „Wo bleiben die ganzen Probleme dieser Welt! Und ist es nicht selbstsüchtig und eitel, nur an das eigene Vergnügen zu denken?“, hat der Publizist Wolf Lotter dazu in einem klugen Essay im Magazin Brand eins geschrieben.

Lotters beachtenswerte These: „Seit der Antike legten Herrscher aller Art größten Wert darauf, ernst genommen zu werden – niemand wollte ein lustiger Herrscher sein. Was man ernst nimmt, fürchtet man auch.“ Statt Spaß – der Wortherkunft nach in etwa gleichbedeutend mit Zerstreuung, Belustigung – galt Zufriedenheit als annehmbares Maximum. Denn Zufriedenheit, so Lotter, lasse sich erlernen. Spaß hingegen sei das Gegenteil von Pflicht und Ordnung und entziehe sich der Kontrolle von oben.

Ein Grund mehr, sich gelegentlich einen Spaß daraus zu machen, Konventionen zu brechen, oder? Es muss ja nicht gleich die Gründung einer Kiosk-Kette am Matterhorn sein.


Dies ist das Titel-Essay der Ausgabe „Spaß“ (1/19). Sie möchten das Magazin pressesprecher abonnieren oder kostenlos testen? Hier können Sie es bestellen.

 

 
 

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