Dario Nassal, Mitgründer von Buzzard, räumt Fehler im Umgang mit rechtsextremen Webseiten ein./ Dario Nassal: (c) Alisa Sonntag
Dario Nassal, Mitgründer von Buzzard, räumt Fehler im Umgang mit rechtsextremen Webseiten ein./ Dario Nassal: (c) Alisa Sonntag
Buzzard verlinkt rechtsextreme Medien

"Unsere Leser werden sicher nicht zu AfD-Wählern"

Buzzard verlinkt rechtsextreme Webseiten und löst damit einen Shitstorm auf Twitter aus. Nun bezieht Firmengründer Dario Nassal im Interview Stellung.
Toni Spangenberg

Buzzard steht in der Kritik. Die Plattform hat es sich zum Ziel gesetzt, Filterblasen aufzulösen und so den öffentlichen Diskurs zu verändern. Dafür stellt das Buzzard-Team eine kontroverse Frage und kuratiert Artikel, die unterschiedliche Meinungen widergeben. Bei der Quellenauswahl griff die Redaktion in der Vergangenheit allerdings häufiger daneben. Zuletzt stand Buzzard für folgenden Fehlgriff insbesondere auf Twitter am Pranger:

Eine im April veröffentlichte Debatte beschäftigte sich mit der Frage, ob Marine Le Pen eine gute französische Präsidentin wäre. Buzzard empfahl hier neben einem Artikel der US-Webseite Vox auch einen Beitrag von PI-News, einem rechtsextremen und islamfeindlichen Blog. Es ist nicht der einzige Fall, in dem Buzzard auf Artikel rechtspopulistischer und rechtsextremer Medien zurückgreift. Nun steht der Vorwurf im Raum, Buzzard biete rechten Hetzern eine Plattform. Dagegen wehrt sich Dario Nassal, einer der Buzzard-Gründer. Im Interview mit pressesprecher stellt er sich der Kritik und erklärt, welche Schlüsse sein Unternehmen aus dem Shitstorm zieht.

 

Sie stellen in ihrem Crowdfunding-Werbevideo folgendes fest: „Populisten bestimmen den Diskurs. Extremisten gewinnen an Macht, weil sie mit einfachen Antworten überzeugen.“ Um das zu ändern, haben Sie Buzzard gegründet – und bieten dort rechtsextremen Portalen eine Plattform. Warum?

Dario Nassal: Die Crowdfunding-Kampagne lief bis zum 8. Dezember. Wir starten das neue Online-Medium ab April. Die Kontroverse dreht sich um die Pilotphase, den Prototypen, den wir im Sommer 2019 abgeschlossen hatten. Danach haben wir das Crowdfunding gestartet. 

Unsere Idee ist es, zu aktuellen Themen verschiedene Meinungsbeiträge aus dem gesamten Medienspektrum zu zeigen. Man sieht bei uns also nie nur eine Antwort, sondern immer, was verschiedene Medien von links bis rechts, von liberal bis ökologisch zu großen Themen unserer Zeit sagen. Wir glauben, dass dadurch einfache Antworten weniger Gewicht haben und Menschen weniger in Filterblasen verschwinden. Es gibt bei Buzzard keine Möglichkeit, sich nur eine Meinung anzuschauen. Das ist der Grundgedanke und aus unserer Sicht eine Möglichkeit, gegen Extremismus vorzugehen. Denn man sieht, dass die Wahrheit vielschichtig ist. 

Und das erreicht man, indem man auch Meldungen des rechtsextremen und islamfeindlichen Blogs PI-News, der rechtsradikalen Seite Journalistenwatch, dem russischen Staatsmedium Russia Today, dem rechtsextremen Portal Breitbart und der mittlerweile offline genommenen Verschwörungsseite American Everyman veröffentlicht?

Darum dreht sich die Kontroverse. Es ist gut, dass das kritisiert wurde. Es zeigt, dass die Frage, wo die Grenzen für Medienvielfalt liegen, extrem wichtig ist. Wir sind beim Prototypen dem Ansatz gefolgt, pro Text zu prüfen. Ist das einer, der Hass und Hetze verbreitet? Enthält er volksverhetzende oder rechtsextreme Äußerungen? Oder bietet er eine interessante Möglichkeit, herauszufinden, wie Menschen in anderen Filterblasen denken? Was wir beim Prototypen nicht gemacht haben, aber jetzt tun werden, ist, Quellen pauschal auszuschließen. PI-News ist auf jeden Fall eine unseriöse, rechtsextreme, volksverhetzende Plattform, deshalb sollte man sie ausschließen. 

Wieso haben Sie das nicht von Anfang an getan?

Wir haben ganz am Anfang 2017 gesagt, wir versuchen, verschiedene Meinungen zu zeigen, unabhängig davon, wo sie veröffentlicht werden, solange der Kommentar kein Hetzkommentar ist. Aber ich sehe ein, dass das nicht wirklich funktioniert. Unser Ansatz war es nicht, den Portalen dadurch mehr Reichweite zu verschaffen. Die Leute, die unsere Seite genutzt haben, sind dadurch auch sicher nicht zu AfD-Wähler geworden. Aber es geht darum, weltoffenen Leuten zu zeigen, wie Menschen in rechten Filterblasen denken, mit denen man sonst keinen Kontakt hat. Um diese Positionen zu verstehen, haben wir sie verlinkt. Das wurde zu Recht kritisiert. Es muss entweder besser journalistisch eingeordnet oder bestimmte Quellen ausgeschlossen werden. 

Aber war in der Pilotphase nicht schon abzusehen, dass die Quellenauswahl Protest hervorrufen würde?

Wir sind davon ausgegangen, dass ganz klar ist, dass wir nicht in irgendeiner Form die Absicht verfolgen, Rechtsextremen eine Plattform zu bieten. Vielleicht waren wir da auch ein bisschen gutgläubig. Wir selbst sind von unserer politischen Einstellung her links-grün. Das kann man auch ruhig so transparent sagen. Wir haben versucht zu erklären, wie Menschen in diesen Filterblasen denken. Wie denken Menschen, die vorher links und jetzt Marine Le Penn gewählt haben? Die Frage fanden wir beispielsweise interessant. Man kann sie besser beantworten, wenn man sich mit Originaltexten beschäftigt als wenn man etwa einen Zeit-Artikel darüber liest. Es birgt aber natürlich immer die Gefahr, denen eine gewisse Legitimität zu verschaffen. Das ist eine Gratwanderung. 

Wer entscheidet bei Ihnen darüber, welcher Artikel in eine Debatte eingebracht wird?

Wir haben das Crowdfunding gemacht, damit wir eine professionelle Tagesredaktion finanzieren können. Das heißt, wir werden dann fünf Redakteurinnen und Redakteure sein. Wir schauen uns zu verschiedenen Themen an, was in den Medien veröffentlicht wird. Wir haben eine große Datenbank, nutzen Suchmaschinen und RSS-Reader. Diese ganzen Positionen werten wir aus und gehen dabei anhand von Kriterien vor. Wir werden jetzt auch nach dieser Diskussion ganz klare rote Linien definieren, was nicht reinkommt. Rechtsextreme, hetzerische Kommentare, menschenverachtende Äußerungen, Stigmatisierung. Ansonsten schauen wir uns die verschiedenen Positionen in der Gesellschaft an. Handelt es sich um konstruktive Lösungsansätze? Sind es Perspektiven, die in Deutschland eher unbekannt sind? Sind es, bei nicht-journalistischen Quellen, Perspektiven von Betroffenen? Wir werden im Februar, nachdem wir mit dem journalistischen Beirat getagt haben, eine Liste mit Auswahlkriterien veröffentlichen und mit der Community diskutieren, bevor wir starten.

Im Zuge der Kontroverse haben einige Menschen ihre Unterstützung zurückgezogen, berichtet Übermedien in einer Analyse des Falls. Darunter die freie Journalistin und Kolumnistin Hatice Akyün, Tagesspiegel-Korrespondent Matthias Meisner, der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz und die Journalistin Özlem Topçu. Woher kommt diese plötzliche Empörung? Kennen Ihre Unterstützer Buzzard etwa nicht? 

Ich denke, die aktuelle Debatte ist auch aus medienwissenschaftlicher Sicht ganz interessant, weil man sieht, wie mächtig Twitter, in der Art und Weise Themen zu setzen, heutzutage ist. Der Prototyp war seit Jahren online. Interessanterweise hatten wir vor mehr als 1,5 Jahren darüber einen Beitrag im Deutschlandfunk, wo die Debatten, die jetzt kritisiert werden, überhaupt nicht so wahrgenommen wurden als wollten wir Rechtsextremen eine Plattform schaffen. Heutzutage leben wir in einer Zeit, in der sehr viele Menschen, das Gefühl haben, sie müssen sich positionieren. Ich denke, die Empörung hat folgenden Grund: Wir haben Fehler gemacht, im Prototyp, die rechten Quellen nicht gut genug eingeordnet. Seiten wie PI-News hätte man vermutlich generell ausschließen sollen. Wir hatten aber keine schwarze Liste. Das war ein Fehler, und dass darüber Empörung entsteht, ist richtig. Aber das zeigt auch, wie extrem Twitter polarisiert. 

Was meinen Sie damit?

Ich habe Nachrichten von Leuten bekommen, die gesagt haben "Ihr seid Steigbügelhalter für Nationalsozialisten" oder "Zu sagen, ihr macht eine Einzelfallprüfung ist so als würde man sagen, unter Hitler war auch nicht alles schlecht." Das zeigt krass, wie Twitter funktioniert. Die Leute haben sich einen Einzelfall, das Verlinken auf PI-News, rausgegriffen und sich darüber empört, sich aber nicht angeschaut, dass es über 1.200 kuratierte Perspektiven gibt. Wer unser Archiv durchschaut, versteht, dass wir keine rechte Plattform sind. Wir haben sehr viele Debatten, die sich überhaupt nicht um rechts oder links drehen, beispielsweise die Klimakrise. Zu jeder Debatte haben wir immer acht bis zehn Perspektiven. Das wird auf Twitter nicht besprochen, dort pickt man sich die raus, die Wut um Empörung auslösen. Und dann ist es natürlich für jemanden wie Matthias Meisner, der eine sehr linke Community hat, wichtig, seiner Community zu zeigen, ich setze ein Zeichen gegen rechts. Deshalb haben sich einige Leute distanziert. Viele Unterstützer haben aber auch öffentlich gesagt, dass sie sich nicht distanzieren, sondern gut finden, dass wir nun klare Richtlinien aufstellen.

Wie wollen Sie das verlorengegangene Vertrauen wieder gewinnen? 

Wir haben ein Statement veröffentlicht. Wir finden die Diskussion gut und wichtig, weil sie uns ganz klar zeigt, dass wir rote Linien setzen müssen, auch was Quellen betrifft. Nach Neujahr werden wir daran arbeiten, eine Liste aus Quellen anzufertigen, die keinen Platz auf Buzzard haben. Und wir werden eine Positiv-Liste anlegen mit Quellen, die wir in unsere Quellendatenbank aufnehmen, weil sie sich dafür qualifizieren. Diese beiden Listen werden wir mit dem Beirat Ende Februar diskutieren und dann anschließend mit der Community im März. Ab April wollen wir das neue Produkt launchen. Das sind unsere Schlüsse daraus.

 

 
 


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