Verhindern soziale Medien ­innerhalb eines Unternehmens ­Gemeinschaft? (c) Thinktsock/kennykiernan
Verhindern soziale Medien ­innerhalb eines Unternehmens ­Gemeinschaft? (c) Thinktsock/kennykiernan
Interview zu Social Collaboration Tools

"Unsere Kultur ist auf einem Angsttrip"

Arbeiten wir durch Social Collaboration Tools wirklich alle vernetzter – also besser – zusammen? Fördern sie Vertrauen zwischen den Mitarbeitern? Der Medienpsychologe Daniel Salber ist überzeugt: Unternehmen laufen dem Diktat der Digitalisierung oft blind hinterher.
Hannah Petersohn

Herr Salber, wieso ­glauben Sie, dass soziale Medien ­innerhalb eines Unternehmens ­Gemeinschaft verhindern?

Daniel Salber: Sehen Sie sich an, wie die Leute in der Bahn sitzen. Früher haben sie sich unterhalten, jetzt starren alle auf ihr Handy. Das ist ein Selbstgespräch. 

Warum ziehen wir diese Form dem direkten Gespräch vor?

Menschen können sich durch die neuen Medien schützen. Diese Instrumente erlauben, dass mir andere nicht zu nahe kommen. Soziale Medien sind nicht sozial. Sie schaffen Isolation. 

Ist es nicht ein Fortschritt, wenn wir selbst bestimmen ­können, wie wir kommunizieren?

Wir bestimmen aber nicht über die Kommunikationsmittel, sondern machen uns abhängig von ihnen: Wir fühlen uns gezwungen, innerhalb einer kurzen Zeit zu antworten und immer wieder zu gucken, ob es etwas Neues gibt. Die Leute werden in einen Zustand der Daueraufregung versetzt.

Warum lassen wir uns ­darauf ein? 

Die Menschen glauben durch die digitalen Medien, Nähe und Distanz kontrollieren zu ­können. 

Warum erliegen wir ­diesem starken Glauben an die ­Technik? 

Das hat tiefe geschichtliche Wurzeln. Erst wurde der Glaube an Gott abgelöst durch den Glauben an die Wissenschaft. Jetzt wird die Wissenschaft abgelöst durch den Aberglauben an die Technik. Sie ist das neue Heilsversprechen. Unternehmen führen teilweise blindlings die digitale Kommunikation zwischen den Mitarbeitern ein. Dabei laufen sie diesem Diktat der Digitalisierung blind hinterher ohne zu fragen: Braucht unser Unternehmen das wirklich? Manchmal werden gleich mehrere digitale Kommunikationssysteme gleichzeitig angeschafft. Die Leute verzetteln sich dann völlig und können sich gleichzeitig wunderbar voneinander abschotten, sich von echter Kommunikation fernhalten.

Wird der Zusammenhalt durch Kollaborationstools gestört?

Die Bürokommunikation wird dadurch nicht zusammengeführt. Sie wird fragmentiert. 

Es wird behauptet, die ­digitale Kommunikation fördere die ­Kreativität.

Das ist Aberglaube.

Und was ist mit der ­Schwarmintelligenz?

Die ist ganz großer Quatsch. Da entsteht einfach nur der größte gemeinsame Nenner der Dümmsten. Das sind die, die der Herde hinterherlaufen. Das Neue, das Zukunftsweisende geht doch über das Trotten der Trottel in der Herde hinaus!

Nur Einzelgänger sind innovativ?

Wirkliche Innovation gibt es immer da, wo Leute kämpfen gegen die Masse jener, die sich dagegen wehrt. Der Schwarm hat nie Neues erfunden, das waren einzelne ­Menschen. 

Und was ist mit Wikipedia?

Der Nutzen von Wikipedia ist durchaus vorhanden. Aber dieses Lexikon ersetzt nicht das eigenständige Denken, das Durcharbeiten von Problemen. Da gibt es Wissen auf Knopfdruck, aber keine Intelligenz. 

Sie würden das eher als ein ­Konsumverhalten bezeichnen?

Richtig, eine Befütterung der Nutzer. ­Dabei werden nur die Gewohnheiten einer ­Maschine auf den Menschen übertragen. 

Werden wir durch die digitale Kommunikation vielleicht wenigstens zur Fairness gezwungen?

Meine Erfahrung ist, dass Menschen mit Hilfe der digitalen Kommunikation stärker tricksen, täuschen und tarnen. Aus Untersuchungen über Weiterbildungsmaßnahmen mittels digitaler Medien weiß man, dass jene, die diese Weiterbildung vor einem Computer machen, dazu tendieren, so zu tun, als hätten sie etwas getan. Aber in Wahrheit haben sie die Füße nach hochgelegt. 

Social Collaboration Tools könnten doch gerade gegen ­Betrugsversuche gegensteuern?

Die Kontrollbewegung nimmt generell zu. Sobald irgendetwas schiefgeht, werden Videokameras installiert. Unsere Kultur ist auf einem Angsttrip. Wir schieben Panik und fordern immer mehr Kontrollen in dem Glauben, die Dinge dadurch in den Griff zu bekommen. Wir leben in einem Teufelskreis aus ­Kontrolle und Panik.

Wie konnte es dazu kommen, dass wir unsere Daten gedankenlos in soziale ­Medien speisen?

Tja, gute Frage. Warum sind alle plötzlich so still? Ich sehe zwei Gründe: Weil Menschen andere Menschen kontrollieren wollen, nutzen sie soziale Medien und Instrumente. Das blaue Häkchen bei Whatsapp verrät, ob eine Nachricht gelesen wurde oder nicht. Menschen können einem Staat oder einem Wirtschaftsunternehmen nicht vorwerfen, was sie selbst tun. Und: Sie wollen sich wie kleine Götter fühlen. Nehmen wir zum Beispiel die Dating-App Tinder: Da kann man ganze Ströme möglicher Partner kontrollieren, sie wegwischen oder erheben und auswählen. Nutzer fühlen sich allmächtig in dieser Herrschaftsposition.

Der gesteigerte Wunsch nach Kontrolle lässt ein Manko an ­Vertrauen vermuten. 

Die Vertrauensfrage ist ein großes Thema, auch in vielen Firmen. Es gibt viele soziale Gräben, Feindseligkeiten, unterschwellige Formen des Gegeneinanders und alles unter dem Deckmantel der Demokratisierung. Alle sind angeblich gleich. Da wird dann behauptet: Wir sind alle ein Team; hier gibt es keine Chefs mehr. Dabei ist es in vielen Fällen das genaue Gegenteil. 

Der Schwund an Vertrauen lässt sich nicht durch die digitale ­Kommunikation reparieren?

Das funktioniert nicht. Vertrauen heißt ja eben: ohne Kontrolle auskommen. Um Vertrauen herzustellen, braucht es andere Dinge als eine Technologie.

Welche?

Vertrauen bedeutet, mit jemanden mitzugehen, der mehr sieht als ich selbst. Er muss ein Land sehen, das ich noch nicht kenne. Ich muss ihm zutrauen, dass er sieht, wohin wir gehen, obwohl ich es selbst nicht sehe. 

Müssen sich Mitarbeiter weiterhin physisch treffen? Oder wird die reale Begegnung durch die ­digitale abgelöst?

Nichts kann die lebendige Begegnung ersetzen. Das digitale Treffen kann eine Ergänzung sein. Dort, wo Netzwerke nur digital sind, bleiben sie unfruchtbar und werden wieder eingestellt. Das, was digital gemacht wird, kann nur in der wirklichen Welt weiterleben. 

Kann es zu einer Überforderung durch die Nutzung von ­Collaboration Tools in der Arbeitswelt kommen?

Die Überbelastung ist greifbar. Wir haben oft schon privat eine Überlastung durch die digitale Kommunikation. Wir kommen kaum noch nach. Man ist kaum noch anwesend, bei nur einer Sache. Wir leben aufgelöst in einer völlig zerstreuten Welt. 

Warum sind viele Unternehmen überzeugt, dass durch diese Tools alles besser wird?

Viele folgen leichtfertigen Studien, die ich der Propaganda oder Werbung für eine bestimmte Industrie zurechnen würde. Die meisten Unternehmen wissen nicht einmal, was Unternehmenskultur ist. Die lässt sich nicht durch Technik herstellen, denn da verfallen die Umgangsformen noch mehr. Wir brauchen eine Grundidee davon, wie wir miteinander umgehen. Das ist eine ethische Frage, eine des Knigges.

Ihre Prognose: Arbeiten wir ­künftig in smarten Büros, in ­denen jeder alles über alle weiß?

Man kann sich streiten: Geht es eher in die Richtung von Huxleys „Schöne neue Welt“ oder Orwells „1984“ oder Eggers „The Circle“? Es ist durchaus möglich, dass der Mensch seine Menschlichkeit verliert. Aber es könnte auch zum Widerstand, zur Auflehnung und zu Revolten kommen. Das denke ich. Das hoffe ich. Wir müssen in die Résistance ­gehen.

An einer Hochschule für ­Management stelle ich mir das schwierig vor.

Da haben Sie Recht. Aber ich bin Psychologe und vertrete den menschlichen Faktor. Und ich glaube, ganz düster wird unsere ­Zukunft nicht.

 

Dieses Interview erschien in einer längeren Version in der aktuellen Ausgabe des Magazins Human Resources Manager.

 

 
Daniel Salber (c) Jennifer Zumbusch
Daniel Salber
BSP Business School
Professor für Medien- und Wirtschaftspsychologie

Daniel Salber ist promovierter Philosoph, Psychotherapeut sowie Professor für Medien- und Wirtschaftspsychologie an der BSP Business School in Berlin. Er forscht unter anderem zur Wirkung von Medien sowie zur Massen- und Kulturpsychologie.

 

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