Tom Buhrow muss sieht sich aufgrund seiner Reaktion zur Umweltsau-Satire massiver Kritik ausgesetzt. / Symbolbild Umweltsau: (c) Getty Images/Grigorev_Vladimir
Tom Buhrow muss sieht sich aufgrund seiner Reaktion zur Umweltsau-Satire massiver Kritik ausgesetzt. / Symbolbild Umweltsau: (c) Getty Images/Grigorev_Vladimir
Umweltsau-Debatte

Buhrow befeuert Kampf der Rechten gegen den ÖRR

Tom Buhrows Haltung in der Umweltsau-Debatte befeuert den Wunsch der Rechten nach Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems.
Toni Spangenberg

Rechten und Rechtsextremen ist er schon lange ein Dorn im Auge: der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Nun blasen sie zum Angriff auf das duale Rundfunksystem. Den Vorwand dafür lieferte ihnen ausgerechnet einer der höchsten Amtsträger eben dieses Systems, Tom Buhrow, Intendant des WDR und seit 1. Januar Vorsitzender der ARD.

Die ersten "konservativen" Journalisten fordern schon die Abschaffung der "Zwangsabgaben". Rainer Meyer, Kolumnist der Welt, formuliert diese Forderung in einem Tweet und Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt, gefällt das. Immerhin etwas moderater ist die Haltung der Werteunion der CDU/CSU. Sie fordern keine Abschaffung, sondern "lediglich" eine Halbierung des Rundfunkbeitrags, allen voran ihr wohl bekanntester Vertreter, Hans-Georg Maaßen. Aufhänger der Debatte ist das Umweltsau-Video.

Das wirft folgende Fragen auf: Wie konnte es soweit kommen? Warum hat Tom Buhrow diese Reaktionen nicht bedacht? Wie geht es weiter?

Rechtsextreme verteidigen Oma, die Umweltsau

In dem Satire-Lied „Meine Oma ist ne alte Umweltsau!“ persifliert der WDR-Kinderchor die aktuelle Klimadebatte und prangert die Klimasünden der älteren Generation an, sehr zum Ärger insbesondere konservativer und rechter Kreise. Kurz nach Veröffentlichung verschwindet das Video von der WDR2-Facebookseite. Tom Buhrow entschuldigt sich eilfertig und dachte wohl, die Debatte sei damit beendet. Die Kritiker lässt das nicht verstummen. Sie schüren die Empörung, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Ganzes infrage zu stellen.

Der Shitstorm erreichte seinen ersten Höhepunkt mit einer Demonstration 100 bis 150 Rechter vor dem WDR-Funkhaus in Köln. Sie versammelten sich nicht nur, um gegen das Umweltsau-Lied zu protestieren, sondern gegen den ihnen verhassten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Unter den Demonstranten waren auch 20 bis 30 Rechtsextreme der "Bruderschaft Deutschland". Zu der Demonstration am 29. Dezember aufgerufen hatte unter anderem der rechtsextreme Verein "Mönchengladbach steht auf". Auch für vergangenes Wochenende trommelten rechte Kreise zu einer Demonstration gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Köln. 

Tom Buhrow fällt den eigenen Mitarbeitern in den Rücken

WDR-Intendant Tom Buhrow versuchte, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er sich ihre Argumentation zu eigen machte – und scheiterte kläglich. Er entschuldigte sich im Interview mit WDR2 für das „missglückte“ Video. Der Sender habe damit einer ganzen Generation pauschal vor den Kopf gestoßen und die Gefühle von Menschen verletzt. Buhrow stellte die unpassende, weil an rechte Rhetorik erinnernde Frage, ob die Redaktion dem Lied auch zugestimmt hätte, wäre von „Ali“ statt „Oma“ die Rede gewesen. 

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalistenverbands (DJV), hält Buhrows Distanzierung von der „Umweltsau“-Satire für „wenig hilfreich“. „Tom Buhrow muss sich der Frage stellen, ob er mit seiner eilfertigen redaktionellen Distanzierung für den Beitrag nicht all denen Oberwasser gegeben hat, die nicht auf den Austausch von Argumenten, sondern auf das Mundtotmachen kritischer Journalisten aus sind“, so Überall. 

Angeschlagen in die Gebührendebatte

Buhrow geht damit schwer angeschlagen in die kommende Debatte um die Erhöhung der Rundfunkgebühren. Denn auch innerhalb des WDR wird heftig über seinen Umgang mit Kritik an dem Video gestritten. Den Rückhalt seiner Mitarbeiter, die er durch seine Distanzierung vor den Kopf gestoßen hatte, hat er fürs erste verloren. Und das ohne Not, denn er hätte vor einem öffentlichen Statement zunächst mit seinen Mitarbeitern über die Kontroverse sprechen müssen. Das hat er versäumt. Die Redakteursvertretung des Senders machte ihrem Ärger in einem internen Statement Luft, über das zuerst Übermedien berichtete

„Wir sind - wie sicher viele von Euch - fassungslos. Natürlich nicht über eine Satire, die Geschmackssache sein darf; nein, wir sind fassungslos, dass der Programmchef von WDR2 ein Video mit einem satirischen Kinderlied löschen lässt, und vor allem auch darüber, dass Intendant Tom Buhrow einem offenbar von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm so leicht nachgibt, sich vorschnell redaktionell distanziert und sich nicht nur persönlich entschuldigt, sondern dabei mehrfach öffentlich (u.a. live bei WDR2) Redakteurinnen und Redakteuren in den Rücken fällt, statt ihnen in Zeiten inszenierter Empörungswellen gegen den WDR und den ÖRR [öffentlich-rechtlichen Rundfunk] den Rücken zu stärken“, heißt es.

WDR-Intendant gibt sich unbelehrbar

„Wir sind außerordentlich irritiert über diese eklatante Verletzung der inneren Rundfunkfreiheit und das schlechte Krisenmanagement der Geschäftsleitung, das Kolleginnen und Kollegen beschädigt und dem Ansehen des WDR zudem schadet“, so die Redakteursvertretung. Am heutigen Dienstag werde es dazu eine Redakteursversammlung geben, an der auch Buhrow teilnehmen soll. Dass er seinen Fehler eingesteht, kann bezweifelt werden. Zuletzt verteidigte er sein Vorgehen noch im Spiegel und bestritt ein Einknicken vor Rechten. „Man wird doch noch mal Entschuldigung sagen dürfen, ohne dass einem gleich Zensur vorgeworfen wird“, so die trotzige Haltung des WDR-Intendanten.

Ein von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm will Buhrow nicht erkennen. „Wir konnten auch unterscheiden zwischen dem, was orchestriert ist, und dem, was echte Gefühlsäußerungen von ansonsten wohlmeinenden Hörern sind. Und da hatten wir wirklich Hunderte Seniorinnen und Senioren und deren Enkel am Telefon. Uns war sofort klar, diese Menschen waren nicht Teil einer orchestrierten Sache.“ Dennoch nutzen die Rechten die gesellschaftliche Empörung gekonnt für ihren Kampf gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dass Buhrow das nicht erkennen will, ist mehr als traurig – allerdings aus seiner Sicht nachvollziehbar. Ein Schuldeingeständnis käme einem Gesichtsverlust gleich.

Buhrow sitzt in der Falle der Rechten

Tom Buhrow sei mit seiner Reaktion in eine Falle getappt, stellen mehr als 40 Drehbuch-Autoren großer Satiresendungen in einer Solidaritätserklärung mit WDR-Mitarbeitern fest. „Die Skandalisierung des Liedes folgt gut bekannten Mustern rechter Trolle. Diese wissen um die Absurdität ihrer Vorwürfe und missbrauchen den eigentlich sinnvollen Reflex unserer Zivilgesellschaft, andere nicht verletzen zu wollen.“ 

„Ein Medienmanager, dessen Umgang mit moderner, rechter Propaganda von so viel Naivität und Ungeschicktheit zeugt und der nicht in der Lage ist, sich in einfachsten Fragen der Presse und Meinungsfreiheit vor seine MitarbeiterInnen zu stellen, gefährdet eben diese Freiheiten.“ Buhrow solle sich den Konsequenzen stellen. Welche das sind lassen die Autoren offen. Doch selbst der wohl überfällige Rücktritt Buhrows würde die Debatte nicht beenden.

Rechte fordern das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Denn die Zeiten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden rauer. Denn mit der geplanten Gebührenerhöhung um 86 Cent pro Monat steht den Sendern die nächste Krise ins Haus. Der WDR rüstet sich dafür. Er beauftragt die externe Kommunikationsagentur Media 5 ihn bei der Krisenkommunikation zu unterstützen. Media 5 scheint allerdings nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein. Die Homepage funktioniert nur mit Flash und die Agentur besitzt keinerlei Kompetenz im Social Web. In Verbindung mit einem Intendanten, der durch mangelnde Krisenkompetenz und fehlendes Rückgrat von sich Reden macht, eine denkbar schlechte Ausgangslage. 

Manche prophezeien dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon einen Überlebenskampf. In jedem Fall dürfte das System demnächst vor dem Hintergrund der Gebührenerhöhung weiter unter Druck geraten. 

 

 
 

Kommentare

Nicht nur politisch Rechte sind für die Abschaffung des ÖR. Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschaue (darunter zahlreiche Medienschaffende), stelle ich mir eher die Frage: Wer ist denn eigentich FÜR den ÖR, wenn er dafür tatsächlich bezahlen soll? Ich glaube, nur ein einstelliger Prozentteil. Allein die Tatsache, dass man sich vor einem freiwilligen Beitrag fürchtet, impliziert ja gleichzeitig das Eingeständnis: der ÖR würde unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten (Angebot und Nachfrage) wohlkaum überleben können.


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