„Überschätzen Sie den Einfluss der Bild nicht“

Herr Blome, gehen wir gleich in die Vollen: Welche Macht haben Medien in Deutschland?

Medien sind verpflichtet scharf hinzuschauen, gerade an Stellen, an denen sich die handelnden Akteure von wenig Transparenz einen Vorteil versprechen. In diesem Sinne haben Medien einen großen Einfluss als kontrollierendes Instrument über öffentliche Belange in Politik und Wirtschaft. Und manchmal können Sie auch Veränderungen bewirken, indem sie etwas zum Thema machen oder Missstände veröffentlichen.

In einer Radio-Dokumentation hieß es 2011 über die „Bild“: „Sie hat die Macht, zu vernichten und aus einem Niemand einen Star zu machen.“ Ist der Einfluss tatsächlich so groß, wie behauptet wird?

Sie sollten den Einfluss von „Bild“ nicht überschätzen. Sicherlich, mit 12 Millionen Lesern der Print-Ausgabe und einer ähnlichen Reichweite online, sind wir eine ziemlich laute und weittragende Stimme am Markt. Das reizt nicht zuletzt auch Politiker, mit uns zu sprechen und über uns mit den Wählern zu kommunizieren. Klar ist aber auch: Nicht immer setzt sich die lauteste Stimme auf dem Marktplatz auch durch.

Einige Wirtschaftsgrößen, Politiker und Promis scheuen sich, mit „Bild“ zu sprechen. Haben diese zu Recht Angst vor Ihrer Zeitung?

Generell gilt: Politiker, die Angst vor den Medien haben, sind im falschen Beruf. Es gibt tatsächlich einige Wenige, die partout nicht mit uns sprechen. Das ist die freie Entscheidung eines jeden Einzelnen. Wer lieber kleineren, vielleicht auch regionaleren Zeitungen ein Interview gibt, soll das tun. Wer eine breite Leserschaft erreichen will, ist bei uns richtig. Aber wer sich etwas zu Schulden kommen lassen hat, muss in jedem Fall mit Berichterstattung rechnen.

Und nach welchen Kriterien wird entschieden, ob man wie bei zu Guttenberg eher die „schützende Hand“ über jemanden hält oder ihn, wie bei Bundespräsident a.D. Christian Wulff, auflaufen lässt?

Von ,schützender Hand‘ oder ,auflaufen lassen‘ kann keine Rede sein. Wie wir uns als Zeitung positionieren, entscheiden wir in unseren Redaktionskonferenzen. Es gibt kein festes Raster anhand dessen wir Fälle bewerten, es entscheidet immer der Einzelfall. Bei Theodor zu Guttenberg, um das Beispiel aufzugreifen, war der Täuschungsverdacht bei seiner Doktorarbeit schnell geklärt. Für uns ging es dann um die  Frage, ob er wegen seiner Verfehlung vom Amt des Bundesverteidigungsministers zurücktreten muss oder weiter tragbar blieb. Wie alle anderen Zeitungen haben wir dann auch Stellung bezogen.

Was war bei Wulff der ausschlaggebende Faktor?

Rückblickend war das Besondere an der Causa Wulff, dass alle paar Tage neue Informationen an die Öffentlichkeit kamen. Es war keine Meinungsschlacht wie bei der Doktorarbeit von zu Guttenberg, sondern eine immer weiter gehende Recherche-Leistung vieler Medien - ausgelöst durch den ersten Exklusiv-Bericht der „Bild“-Zeitung. Und Christian Wulff war damit wohl irgendwann überfordert.   

Welche Erfolgswahrscheinlichkeit haben solche Anrufe?

Im täglichen Kontakt mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft erlebe ich verschiedene Arten der Kritik. Viele fühlen sich auch schon einmal falsch verstanden oder zu Unrecht kritisiert, rufen an und äußern das auch. Das finde ich vollkommen in Ordnung. Wenn wir, allgemein für die Medien gesprochen, Kritik an jemandem üben, wäre es ein Witz, wenn wir nicht auch Kritik an uns zulassen würden. Falls uns jemand kontaktiert und bittet, eine Geschichte nicht zu veröffentlichen, weil er sachliche Fehler vermutet, überprüfen wir unsere Rechercheergebnisse. Kommen wir dabei allerdings zum Schluss, dass diese stichhaltig sind, veröffentlichen wir den Beitrag selbstverständlich. Und das Wichtigste: Auf Drohungen reagieren wir prinzipiell nicht.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein anonymisiertes Beispiel: Kürzlich haben wir ein Wirtschafts-Interview geführt und zur Autorisierung gegeben. Die andere Seite wollte dann eine Antwort streichen und schon gar nicht die dazugehörige Frage gestellt sehen. Man wollte also in unsere Fragen eingreifen. Als sich das nicht klären ließ, haben wir uns entschieden, das ganze Interview nicht zu drucken.

Ist das immer die Konsequenz?

Jeder ist Herr seiner Antworten, auch im Zuge der Autorisierungen. Das sind die Spielregeln in Deutschland, die auch von uns akzeptiert werden. Aber über unsere Fragen diskutieren wir nicht mit den Interviewpartnern.

Sie sprachen eben davon, dass Sie im ständigen Kontakt mit Politik- und Wirtschaftsvertretern stehen. Wie viel Nähe zwischen Journalisten und Protagonisten der Wirtschaft/Politik/Show ist eigentlich gesund?

Das kann man leider nicht in Form eines Knigge allgemeingültig beantworten. Denn Nähe ist notwendig. Ist man als Journalist nicht nah genug dran, können Sie beispielsweise Politikern nicht auf die Finger schauen. Wie viel persönliche Nähe man jedoch zulässt, muss letztendlich jeder für sich entscheiden. Es ist aber auch für die andere Seite sehr nachdenkenswert, wie viel und welche Nähe man zu Journalisten suchen sollte.

Was würden Sie denn beispielsweise Ihren Volontären raten?

Eine engere Bekanntschaft darf nicht zur „Schere im Kopf“ werden. Wenn Journalisten bereits während des Fragens oder Schreibens daran denke, dass die eine oder andere Formulierung dem Bekannten nicht gefallen wird, ist man zu nah dran und muss sein professionelles Selbstverständnis hinterfragen.

Was erwarten Ihre Leser von der Wirtschaftsberichterstattung?

Ein Politiker hat zu Beginn der Finanzkrise einmal gesagt: Das Neue an dieser der Finanzkrise sei,  dass die Geldsorgen amerikanischer Hausbauer, beim Opel-Mitarbeiter am Band in Rüsselsheim einschlagen. Solche internationalen Zusammenhänge darzustellen und zu erklären, was man politisch dagegen tun könnte, ist Aufgabe der Wirtschaftsberichterstattung einer Boulevardzeitung. Zudem wollen wir Wirtschaft über Personen „fassbar“ machen, den Problemen und Themen durch Personalisierung ein Gesicht geben. Das gilt übrigens auch für die Politikberichterstattung. Unsere Leser wollen erfahren, wie Leute ticken, die ein Unternehmen oder eine Partei führen.

Sie sprachen gerade von der Wirtschaftsberichterstattung einer Boulevardzeitung. Ist das personalisierte Erklären die Zukunft der Wirtschaftsberichterstattung allgemein oder nur in Boulevardzeitungen?

Im Kern gilt das sicherlich für alle Tageszeitungen. Die Wirtschaftsberichterstattung ist in den vergangenen Jahren durchweg magaziniger und personalisierter geworden. Es werden heute einfach mehr spannende Geschichten erzählt. Das ewige Zahlengewitter einer Bilanz-Pressekonferenz wird nur noch von einigen Blättern für ein Spezialpublikum aufrecht erhalten. Und selbst diese versuchen, siehe „Handelsblatt“, immer mehr erzählbare Geschichten zu entwickeln. Das ist auch richtig. Ein personalisierter Artikel muss dabei nicht oberflächlich sein. Personalisierung ist eher ein Mittel, um bei der ganzen Informationsflut mehr Interesse für Wirtschaftsberichterstattung zu wecken.

Foto (c): Moritz Vennemann

 
 


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