Die Einschätzung von Expert*innen der Uniklinik Essen zur Corona-Lage ist sehr gefragt.(c) Universitätsklinikum Essen
Die Einschätzung von Expert*innen der Uniklinik Essen zur Corona-Lage ist sehr gefragt.(c) Universitätsklinikum Essen
Universitätsklinikum Essen

Überregional sichtbar in der Krise

Das Universitätsklinikum Essen hat bisher rund 2.200 mit dem Coronavirus infizierte Menschen behandelt. Wie geht die Kommunikationsabteilung mit dieser Ausnahmesituation um?
Volker Thoms

Die Corona-Zeit zeichnet sich durch ein enormes Interesse von Medien und Öffentlichkeit an einem einzigen Thema aus. Groß ist das Bedürfnis, sich an Expertinnen und Experten zu orientieren, die die sich ständig ändernde Situation einschätzen. Aus medizinischer Sicht ist längt nicht mehr nur die virologische Perspektive wichtig. Das Coronavirus mutiert. Impfstoffe und deren Nebenwirkungen gilt es zu bewerten genauso wie Langzeitfolgen wie Long Covid und die Situation in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen. Therapieansätze verändern sich. Die Studienlage ebenso.

Zu den Institutionen mit disziplinübergreifender Expertise gehören die Universitätskliniken. Entsprechend hoch ist die Anzahl von Medienanfragen. Thorsten Schabelon, Leiter der Stabsstelle Marketing und Kommunikation am Universitätsklinikum Essen, erlebt das riesige Interesse jeden Tag. Die Uniklinik hat die höchste Zahl an Corona-Patienten in Nordrhein-Westfalen. Als der „pressesprecher“ im Februar 2020 erstmals mit ­Schabelon sprach, hatte Essen selbst noch keinen Corona-Fall zu verzeichnen. Inzwischen wurden rund 2.200 Erkrankte in der Uniklinik behandelt.

Für medizinische Fachleute und Politik steht fest, dass die Belegung der Betten auf den Intensivstationen ein Indikator ist, um zu bewerten, ob Kontakt- und Hygiene-Maßnahmen verschärft werden müssen oder gelockert werden können. Die Uniklinik Essen hat gewarnt: Es seien nur noch sieben von 180 Intensivbetten frei, berichtete „dpa“. Der Vorstandsvorsitzende der Universitätsmedizin Essen, Professor Jochen A. Werner, wurde in dem Bericht mit den Worten zitiert, dass die Infektionszahlen dringend reduziert und das Impftempo erhöht werden müssten. „Sonst wirft uns die dritte Welle in den nächsten Wochen um“, warnte der Mediziner. Thorsten Schabelon bezeichnet die Situation „als angespannt“. Es herrsche eine „gewisse Unruhe, was noch kommen könnte“. Aktuell – Anfang Mai – seien 38 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt. 41 war der Höchststand im Dezember 2020. Mit der abnehmenden Zahl an Neuinfektionen dürfte sich zeitversetzt auch die Lage in den Krankenhäusern bessern. 

Schabelons fünfköpfiges Kommunikationsteam erhält täglich etwa ein Dutzend Medienanfragen. Allein aus Zeitgründen könnten nicht immer alle bedient werden. „Aber die meisten erfüllen wir, das ist auch unser Anspruch“, sagt Thorsten Schabelon. Dabei wenden sich einige Journalist*innen auch direkt an die Professor*innen, die wiederum die Pressestelle informieren. Bei Fachthemen antworten die Mediziner selbstständig. Das Kommunikationsteam unterstützt in der Abstimmung und nimmt eine beratende Funktion ein.

Einblicke in den Klinikalltag geben

Eine der eindrucksvollsten Reportagen über die Arbeit der Krankenhäuser in der Corona-Zeit lieferte die ARD mit ihrer „Story im Ersten. Auf der Covid-Intensivstation der Charité“. Es ist zu sehen, wie um jedes Leben gekämpft wird, wie schwer Verläufe sein können und wie gezeichnet einige der Behandelten nach Monaten in einer Klinik sein können. Auch das Uniklinikum Essen ermöglicht TV-Medien und Fotoagenturen immer wieder Einblicke in die Realität des Krankenhausbetriebs. „Ein Dreh auf der Intensivstation beeinflusst natürlich die Abläufe“, sagt Schabelon. Die Kommunikationsabteilung und die Krankenhaushygiene begleiten die Aufnahmen. Das medizinische Personal stellt sich auf die Kamerabegleitung ein und nimmt sich Zeit, Fragen zu beantworten.

Für die Kommunikationsabteilung des Klinikums ist die Arbeitsbelastung hoch. Überstunden, Wochenendarbeit und Medientermine bis abends sind seit einem Jahr keine Seltenheit. Das Interesse am Universitätsklinikum Essen hat sich im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit deutlich erhöht, was Zahlen der eigenen Social-Media-Kanäle belegen. Schabelon sieht das positiv: „Wir haben aktuell die Möglichkeit, mit Medien zusammenzuarbeiten, mit denen wir sonst kaum zu tun haben.“ Inzwischen sei das Medieninteresse nicht „mehr überwiegend auf das Ruhrgebiet und NRW beschränkt“, also vor allem auf „WAZ“ und WDR. Auch „dpa“, „Spiegel“, „Bild“, „Stern-TV“, die „Tagesschau“ und Markus Lanz fragen an. „Als Uniklinikum Essen sind wir so sichtbar wie noch nie“, sagt Schabelon. 23.000 Berichte und Erwähnungen quer durch alle Medien im Jahr 2020 dokumentieren das.

Professor Ulf Dittmer, Leiter der Virologie, ist ein gefragter Ansprechpartner für Medien. Klinikchef Werner hatte mehrere TV-Auftritte in Sendungen wie „Stern TV“ oder bei Lanz. Zusätzlich gibt der Mediziner wochentags im Video- und Podcast ein Update zur Corona-Lage und spricht mit Gästen wie Gerhard Schröder, Wolfgang Kubicki, Uschi Glas oder Cathy Hummels. Dem Schauspieler Jan-Josef Liefers erteilte Werner nach dessen Video im Rahmen der Aktion #allesdichtmachen eine Abfuhr, als die Diskussion aufkam, ob der „Tatort“-Star mal eine Schicht auf der Intensivstation machen könne. „Für uns definitiv kein Thema“, sagte Werner. Die Essener Notärztin Dr. Carola Holzner hatte diese Idee mit der Schicht aufgebracht. Holzner war zuletzt ebenfalls häufiger im TV zu sehen. Als „Doc Caro“ ist die Intensivmedizinerin in den Social Media sehr aktiv. Auf Facebook folgen ihr fast 200.000 Menschen. Ihr Youtube-Kanal zählt rund 30.000 Abonnent*innen.

Inhaltlich bietet die aktuelle Situation die Möglichkeit, auf ­Schwachstellen im Gesundheitssystem aufmerksam zu machen. Die ausbau­fähige Personal­decke in der Pflege gehört genauso dazu wie der erhebliche Nachholbedarf in deutschen Kranken­häusern bei der Digitalisierung. Das ist eines von Werners Hauptthemen. „Dass sich ein Computertomograph auch aus dem Homeoffice bedienen lässt, war vorher undenkbar“, so Schabelon. Hier sei einiges in Bewegung geraten. Zum ­Positiven.

Die Uniklinik sieht es als ihre Aufgabe an, auch weiterhin andere schwere Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfälle zu thematisieren. Schabelon: „Die Bereitschaft, sich in Medien noch mit anderen Themen aus dem Bereich Gesundheit und Medizin als Corona zu beschäftigen, ist aktuell allerdings nicht so hoch."

Hinweis: Der Artikel erschien in der digitalen Ausgabe 02/2021 des Magazins „pressesprecher“. Dort ist von rund 2.100 in der Uniklinik Essen behandelten Patienten die Rede. 40 lagen zum Recherchezeitpunkt auf der Intensivstation. Beide Zahlen wurden mit Stand 6. Mai für die Online-Version angepasst. Die Ausgabe des „pressesprecher“ kann hier bestellt werden: https://www.pressesprecher.com/abo/magazin

 
 


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