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Zuckerbrot und Peitsche

Über das Vertrauensverhältnis zwischen Pressesprecher und Journalist

In unserer Kolumne Zuckerbrot und Peitsche berichten Medienmacher hautnah von ­ihren Erfahrungen mit Kommunikatoren, loben und lästern. Dieses Mal: Thorsten Ehrenberg, Chefreporter von TV Hören und Sehen, über das Vertrauensverhältnis zwischen Pressesprecher und Journalist.
Thorsten Ehrenberg

Es war ein erfreulicher Anruf von Sascha ­Decker, dem Pressesprecher der Kindernot­hilfe: Ob ich nicht mit ein paar anderen Reportern eine Woche lang Anne Will, die sich für die weltweite Ächtung von Landminen einsetzt, nach Sri Lanka begleiten möchte, um über jugendliche Minenopfer und das Leid von Kindersoldaten zu berichten. Ernstes Thema – aber toller Promi-Faktor und eine bewegende, ungewöhnliche Geschichte.

Am wichtigsten war dem Pressesprecher meine Zusage, keinerlei Fragen über das Privatleben von Anne Will zu stellen. Und nicht ein einziges Wort über den Menschen Anne Will zu schreiben, was nichts mit ihrem Anti-Minen-Engagement zu tun hat. Sein Insistieren kam mir merkwürdig vor, aber ich sagte leichten Herzens zu: Bin ja kein Gesellschaftsreporter.

Das war im Sommer 2003. Der entsetzliche Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Sin­ghalesen war gerade zu Ende, der Frieden noch äußerst fragil. Bei der Ankunft auf dem Flughafen in Colombo klatschte uns die tropische Schwüle der Äquatornähe entgegen – und blieb uns eine Woche am Körper kleben. Uns: Das waren der Pressesprecher, der KNH-Projektleiter, Anne Will – die damalige „Mrs. Tagesthemen“ – und eine Handvoll Journalisten. Darunter: Miri.

Es wurde eine unvergessliche Zeit. Tags­über sprachen wir mit befreiten Kindersoldaten und Minenopfern, sahen keine einzige Hausfassade ohne Einschusslöcher und gingen in voller Schutzmontur (bei dem Klima!) über die Einsatzfelder von Minenräumern. Aber Anne Will brachte auch die Kinder von heruntergekommenen, wandlosen Provinz-Schulen zum Lachen – und ihnen bei, auf zwei Fingern zu pfeifen. Und abends, nach dem „Dinner“ in zum Teil einfachsten Unterkünften mit Gemeinschafts-Nasszellen, hatten wir tolle Gespräche, mal nachdenkliche, mal mit jeder Menge Spaß – wie es so ist auf solchen Reisen.

Mittendrin: Miri, eine weltoffene, blitzgescheite junge Frau mit einwandfreiem Humor. Eine Kollegin, die keinerlei Aufhebens um ihren Werdegang machte – und zudem eine Freundin von Anne. Die beiden sähen sich so selten, deswegen begleite sie sie einfach mal. Kein Händchenhalten, nichts Ungewöhnliches, aber innige Blicke und tiefe Vertrautheit. Man konnte eins und eins zusammenzählen.

Miriam Meckel und Anne Will ­outeten erst vier Jahre später ihre langjährige Liebe, jetzt im August haben sie geheiratet. Ein wundervolles Paar.

Die eigentliche Sensation war: Jeder auf Sri Lanka hielt sich an die Absprache. Wir sprechen über das Jahr 2003 und Deutschlands bekanntestes Nachrichtengesicht. Damals waren gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Prominenten noch etwas, untertrieben formuliert, sehr Ungewöhnliches. Seite-1-Zeilen im Boulevard- und Yellow-Segment wären uns sicher gewesen. Doch sich an eine Zusage zu halten, das war allen Kollegen mehr wert. Das Vertrauensverhältnis zwischen Pressesprecher und Journalist. Verlässlichkeit. Ein hohes Gut.

Sascha Decker ist inzwischen Pressesprecher bei Aktion Mensch. Ein PR-Mann mit Leib und Seele. Ruft sofort zurück, besorgt Infos in Jetztzeit. Erst kürzlich hat er mir geholfen, über die neue Videokampagne über bewegende Begegnungen von Kindern mit Menschen mit Behinderung zu berichten. Es waren Dreharbeiten, die sehr zu Herzen gingen. Diesmal durfte es sehr persönlich werden.

Sascha, du kannst mich jederzeit wieder anrufen.

 

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