Twitter sorgt mit umstrittenen Account-Sperrungen für Aufsehen. (c) Getty Images / Grindi
Twitter sorgt mit umstrittenen Account-Sperrungen für Aufsehen. (c) Getty Images / Grindi
Umstrittene Account-Sperren

Twitter-Fiasko: Sogar Jüdische Allgemeine geblockt

Die neuen Twitter-Richtlinien ziehen merkwürdige Kreise: Kürzlich hat es SPD-Politiker Sven Kohlmeier und sogar die Jüdische Allgemeine getroffen.
Aus der Redaktion

Erst im April trat Twitters neue „Richtlinie zur Integrität von Wahlen“ in Kraft. Aus Sorge vor der Beeinflussung oder Manipulation wichtiger Abstimmungen wie der Europawahl hatte das Netzwerk die Regeln für politische Tweets verschärft. Nutzer werden dazu angehalten, Verstöße gegen die Richtlinie zu melden. So weit, so konsequent. Jedoch lassen einige umstrittene Account-Sperrungen und prominente Fehleinschätzungen der letzten Zeit daran zweifeln, ob das Konzept tatsächlich so ausgereift ist wie gedacht. Die Debatte hat inzwischen sogar ihren eigenen Hashtag: #twittersperrt.

Das jüngste Opfer: Die Jüdische Allgemeine. Anlass war der folgende Tweet vom gestrigen Sonntag: „Warum Israels Botschafter Jeremy Issacharoff auf Gespräche und Treffen mit der AfD verzichtet“. Der Tweet führte auf die Webseite der Zeitung und wies auf ein Interview des israelischen Botschafters mit der Nachrichtenagentur dpa hin. Die Jüdische Allgemeine teilte auf ihrer Homepage mit, man habe laut Twitter-Nachricht „gegen die Regeln zum Veröffentlichen von irreführenden Informationen zu Wahlen verstoßen“.

Die Zeitung reagierte mit Unverständnis und Empörung: „Dass Twitter antisemitische Hasstweets duldet, aber Nachrichten der einzigen jüdischen Wochenzeitung Deutschlands sperrt, ist für uns absolut unverständlich“, so der Online-CvD der Zeitung, Philipp Peyman Engel. Mittlerweile hat Twitter den Fehler eingestanden und das Konto wiederhergestellt.

Zuvor war am heutigen Montag bereits das Konto des SPD-Politikers Sven Kohlmeier zeitweise gesperrt worden. Kohlmeier hatte getwittert: „Wie rechtsradikal müssen Mitglieder der AfD eigentlich sein, um rauszufliegen.“ Der Kommentar bezog sich auf die Entscheidung der Berliner AfD, die Politikerin Jessica Bießmann trotz eines Fotos, auf dem sie vor Weinflaschen mit Hitler-Porträts posierte, nicht aus der Partei auszuschließen. Am Nachmittag hob Twitter die Sperrung des Accounts wieder auf. Eine Begründung wurde nicht geliefert.

Die Sperrungen häufen sich

Kohlmeier und die Jüdische Allgemeine sind nicht die einzigen prominenten Opfer. Anfang des Monats traf es bereits den IT-Rechtsanwalt Thomas Stadler. Der Stein des Anstoßes: Ein Tweet aus dem Jahr 2016. AfD-Wähler sollten ihren Wahlzettel unbedingt unterschreiben, twitterte Stadler damals. Irreführend ist diese Information allemal: Unterschreibt man seinen Wahlzettel, ist die eigene Stimme ungültig. Allerdings handelte es sich bei Stadlers Tweet – er enthielt ein Zwinker-Smiley – offensichtlich um einen Scherz: Parodien und Kommentare zu Wahlen sind laut Richtline ausdrücklich erlaubt. Zu dieser Erkenntnis gelangte wohl auch Twitter schließlich: Zwei Tage später war Stadlers Account wieder zugänglich.

Auch die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli war betroffen. Ihr Account wurde am 5. Mai zweitweise gesperrt. Grund dafür war ein Tweet, in dem es um den Vornamen Mohammed ging. Das Unternehmen schrieb der SPD-Politikerin: „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser Tweet gegen die Twitterregeln verstößt, insbesondere: Verstoß gegen unsere Regeln zum Veröffentlichen von irreführenden Informationen zu Wahlen.“ Chebli reichte Einspruch gegen die Sperrung ein; der Account wurde wieder freigegeben.

Mit den irrtümlichen oder zumindest umstrittenen Sperrungen will sich am Mittwoch sogar der Bundestag beschäftigen. Zum Tagesordnungspunkt „Zensurvorfälle bei Twitter“ sind ein Vertreter vom Bundesamt für Justiz und ein Unternehmensvertreter von Twitter eingeladen. Eine verbindliche Zusage gebe allerdings in beiden Fällen noch nicht.

 

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Vodafone-Deutschland CEO Hannes Ametsreiter und Pressesprecher Tobias Krzossa. (c) Vodafone / Kasper Jensen
Vodafone-Deutschland CEO Hannes Ametsreiter und Pressesprecher Tobias Krzossa. Foto: Vodafone / Kasper Jensen
Interview

Visual Storyteller auf allen Kanälen

Wie nahbar darf ein Top-Manager sein? Ein Interview mit dem CEO von Vodafone Deutschland, Hannes Ametsreiter, und seinem Pressesprecher Tobias Krzossa. »weiterlesen
 
In der Corona-Krise ist eine schnelle und effiziente Kommunikation gefragt. (c) Unsplash / Glenn Carstens-Peters
Foto: Unsplash / Glenn Carstens-Peters
Gastbeitrag

Wie Online-PR in Corona-Zeiten aussehen sollte

Kaum ein Unternehmen war auf den Corona-Ausbruch und die anschließende Wirtschafts- und Gesundheitskrise vorbereitet. Gefragt ist jetzt eine schnelle und effiziente Kommunikation. »weiterlesen
 
So können Fernsehinterviews auch in der Corona-Krise gelingen. (c) Unsplash / Keagan Henman
Foto: Unsplash / Keagan Henman
Gastbeitrag

So gelingen TV-Interviews in Zeiten von Corona

Pressesprecher:innen müssen sich derzeit auf völlig neue Situationen bei Fernsehinterviews einstellen. Was genau kommt dabei auf sie zu? »weiterlesen
 
Die Kommunikationsverbände fordern in der Corona-Krise Entlastungen für ihre Branche. (c) Getty Images / claudiodivizia
Foto: Getty Images / claudiodivizia
Meldung

Verbände fordern Entlastung für PR-Branche

Um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu bewältigen, fordern die deutschen Kommunikationsverbände Zusatzregelungen für die Branche. »weiterlesen
 
Die WPK fordert einen besseren Zugang zu Informationen für Journalist:innen. (c) Getty Images / Kkolosov
Foto: Getty Images / Kkolosov
Meldung

Corona: WPK kritisiert Wissenschafts-Pressestellen

In einem offenen Brief fordert die WPK, Journalist:innen verlässlichen Zugang zu relevanten Informationen zu gewähren – auch in der Corona-Krise. »weiterlesen
 
Ist Facebook eine Gefahr für die Demokratie? (c) Getty Images / yourasasin
Foto: Getty Images / yourasasin
Gastbeitrag

Facebook – eine Gefahr für die Demokratie?

Christof Biggeleben plädiert dafür, dass die Kommunikationsbranche diskutiert, ob sie Facebook weiter mit Werbegeldern zuschütten will. Mit Blick auf die Demokratie bereite ihm Facebook „schlaflose Nächte“. »weiterlesen