Sind extravertierte Menschen die besseren Pressesprecher (c) thinkstock/Daria Karaulnik
Sind extravertierte Menschen die besseren Pressesprecher (c) thinkstock/Daria Karaulnik

Tu, wovor du dich fürchtest!

Präsentieren, Netzwerken oder einen Vortrag halten – Pressesprecher müssen sich immer wieder kommunikativ behaupten. Manch einer legt beherzt los, ein anderer zittert dem Blackout entgegen. Sind also extravertierte Menschen die besseren Kommunikatoren?

Lukas Podolski legt den Arm um die Kanzlerin und drückt auf den Auslöser. Der Schnappschuss mit Angela Merkel kurz nach dem WM-Sieg der deutschen Mannschaft wird in den Medien bejubelt. Ein Selfie mit Angie, auf diese Idee würde ein introvertierter Mensch kaum kommen. Extravertierte Menschen jedoch  blühen in solchen Situationen auf, ziehen ihre Energie daraus. Die Vorteile für den Berufsalltag liegen auf der Hand: Menschen mit einer ausgeprägten extravertierten Seite sind mutig in sozialen Situationen, bringen sich gern ein, retten peinliche Pausen mit gekonnten Small Talk und sind äußerst präsent, oder visibel, wie Diplom-Psychologin Chris Wolf es nennt. Sie ist Unternehmensberaterin und Expertin für Introversion.

Wem glaubt man mehr?

Sind in sich gekehrte Menschen eher ungeeignet für die Kommunikationsbranche? „Die beste Pressesprecherin, die ich kenne, ist extrem introvertiert“, sagt Wolf. Die Sprecherin für einen Pharmakonzern möchte jedoch ungenannt bleiben. Dabei ist eine introvertierte Persönlichkeit etwas, wozu man gerne stehen kann. Extravertierte können nämlich auch danebenliegen. Sie haben viel Energie, die in Mimik und Gestik fließt und manchmal nicht mit dem Inhalt korreliert. Der „Auftritt“ kann dann unecht wirken: „Ich habe einmal eine Pressekonferenz analysiert, weil sich der Pressesprecher fragte, weshalb die Journalisten vieles, was er erklärte, anders verstanden haben, als er es meinte“, erzählt Wolf. „Die Videoanalyse ergab: Die Inhalte sind gut, aber der Habitus passte überhaupt nicht zum Gesagten.“

Menschen haben ein deutliches Gefühl für die Dimension „Glaubwürdigkeit“, und führen einen „Authentizitäts-Check“ durch, sagt Wolf. Die Arbeit eines Pressesprechers beruhe also auf Präzision in der Umsetzung, nicht auf Show. „Informationen zu gestalten, die wirklich bewegen, das ist etwas für typisch Introvertierte“, bricht Wolf eine Lanze für alle leisen Menschen. Trotzdem müssen diese Pressesprecher aufpassen, nicht unterzugehen. Sie brauchen mehr Energie als ihre extravertierten Kollegen, um ihre Außenwirkung zu gestalten.

Besonnene Gründlichkeit ist heute womöglich wichtiger denn je. Beraterin Kerstin Hoffmann, auch als „PR-Doktor“ in der Branche bekannt, bilanziert: „Wir müssen heute mit viel mehr Informationen umgehen. Zugleich sind Äußerungen viel schneller als noch vor wenigen Jahren direkt öffentlich und verbreiten sich rasant. Einerseits müssen Pressesprecher nachrecherchieren, um sicherzugehen. Andererseits werden heute viel kürzere Reaktionszeiten erwartet. Es ist ja durchaus verantwortungsbewusst, sich erst zu äußern, wenn alle Fakten geprüft sind. Aber manchmal ist es eben auch nicht schnell genug, um mit der Entwicklung eines Falls Schritt zu halten. Es ist für die Kommunikatoren also immer ein Spagat: Entweder schafft man sich Gegner, weil man Informationen nicht schnell genug besorgt. Oder man lehnt sich zu weit aus dem Fenster, weil man nicht die Zeit hatte, intern zu recherchieren.“
Erstrebenswert ist immer das Beste aus beiden Welten; Ruhe und Besonnenheit einerseits, Leidenschaft und Wagemut andererseits.

Leise aus Schüchternheit?

„Introvertiert sein heißt nicht, dass man schüchtern ist“, stellt Unternehmensberaterin Wolf klar. „Man bezieht seine Energie nur aus anderen Situationen als Menschen mit einer Präferenz für Extraversion.“ ‚Präferenz für Extraversion oder Introversion‘ muss es tatsächlich heißen, denn Persönlichkeiten sind nicht per se introvertiert, sondern schätzen sich Wolf zufolge selbst so ein.
Dennoch unterscheiden sich die Gehirne von lauten und leisen Menschen: Introversionsforscherin Sylvia Löhken erklärt in einem „Wirtschaftswoche“-Interview, Introvertierte hätten eine höhere Aktivität im frontalen Kortex und im vorderen Thalamus. Ein Areal, das aktiv ist, wenn wir lernen, denken, vergleichen, Probleme lösen und grübeln. Bei Extravertierten sind der Inselkortex und hintere Thalamus rege beschäftigt. Dort werden Sinneseindrücke verarbeitet. Nun kommt es darauf an, was wir im Verlauf unseres Lebens daraus machen.

Soll man nun Menschen wie Podolski nachahmen, um die eigene mutige Seite zu stärken? Lieber nicht. Vorbildlernen ist zwar eine gute Sache, dann aber nur von anderen Introvertierten. „Die meisten Kommunikationsseminare vermitteln den introvertierten Teilnehmern, dass sie nicht richtig funktionieren,  nur weil sie etwas nicht so können wie andere“, ärgert sich Wolf. Das ist ein Ansatz, der Teilnehmer nicht unbedingt dazu einlädt, beim nächsten Networking-Event erhobenen Hauptes durch die Menge zu schreiten. Man sollte sich als introvertierter also eher an Angela Merkel orientieren, als an Gerhard Schröder; oder an Günther Jauch als an Oprah Winfrey.
Die Ruhigen unter uns haben viele Eigenschaften, die dem Job gut tun: sie gelten als konzentriert und beharrlich, sie bringen die Dinge zu Ende, behalten den Überblick, sind unabhängig von der Meinung anderer. Was das Networking betrifft, rät Wolf, eher auf die Tiefe zu einzelnen Kontakten zu bauen, statt sich zu verbiegen und viele Geschäftspartner oberflächlich kennenzulernen.

Für all jene in Führungspositionen: Introvertierte Chefs sind äußerst erfolgreich in Teams mit Mitarbeitern, die Freiräume und Eigenverantwortung schätzen. Extravertierte Führungskräfte machen ihre Sache besonders gut in hierarchisch strukturierten Unternehmen. Das ergab die Studie „The Hidden Advantages of Quiet Bosses“ (2010) von Adam Grant, Francesca Gino und David Hofmann. Nun fragen sich womöglich einige, ob sie einen intro- oder extravertierten Chef haben. Das zu erkennen und bestenfalls nachzufragen, kann wichtig sein für die Arbeit. Wenn man für seinen Chef eine Rede schreibt, sollte man beachten, welche Persönlichkeitsanteile ausgeprägt sind und den Stil an dessen tatsächliches Redeverhalten anpassen. „Neigt der CEO zu einer bildhaften Sprache, kann man eher Storytelling betreiben. Spricht er knapp und präzise, sollte man sich auf Sachargumente und Zahlen stützen“, rät Rhetoriktrainerin Gudrun Fey.

Jeder hat eine Redebegabung

Auch, wenn man selbst kurz vor einer Präsentation steht, sollte man zu sich und seinem Stil stehen. Eine natürliche Redebegabung hat laut Fey jeder. Der eine trainiert diese Fähigkeit, der andere lässt sie verkümmern.
Dabei ist gute Rhetorik sehr gut erlernbar. „Ich hatte schlechte Deutschnoten und bin ein Technik-Fan, trotzdem habe ich Erfolg mit meinem Stil, der den Zeitgeist getroffen hat“, sagt Fey.  Glaubwürdig sei auch eine leichte Dialektfärbung. Den Imperativ „Sprich Hochdeutsch“ kann man also auch einmal getrost ignorieren.

Adieu Lampenfieber!

Und was tun gegen zitternde Hände und weiche Knie? Redeangst lässt sich in positive Energie umwandeln, sagt Kommunikationsprofi Fey. Und es ist nicht die Angst vor dem Reden, sondern vor den Menschen, die dort sitzen. Wenn die Hände zittern, dann sitzt dort die Energie, um anzupacken. Wenn die Knie weich sind, dann strömt dort die Kraft, loszurennen. Dass wir körperlich in Höchstleistung sind, nutzt natürlich nichts bei einem Vortrag. Gegen das Adrenalin in unserem Körper sind wir leider machtlos. Deswegen muss man sich seine Präsentation auch selbst laut vortragen, bis die Sätze reflexhaft gesagt werden können.  „Im Videotraining wissen die Teilnehmer immer ihren Namen und wo sie arbeiten, auch wenn sie sehr aufgeregt sind.“ Mit dieser ersten Übung zeigt Fey, dass das Gehirn abrufbare Infos speichern kann, auch, wenn es durch das Adrenalin nicht richtig arbeitet.

Ein persönliches Anliegen zu haben ist übrigens der beste Trick, um Lampenfieber für sich zu nutzen. Sobald die Energie in Begeisterung für das eigene Vorhaben umgewandelt wird, hat der Redner automatisch eine charismatische Ausstrahlung. „Reden ist schließlich mehr als informieren“, sagt Fey. „Mit bloßen Fakten lockt man doch keinen Hund hinterm Ofen vor.“ Da ist es auch irrelevant, ob extra- oder introvertiert. „Wenn ein Introvertierter so richtig wütend ist, wird er auch überzeugt und beherzt seinen Standpunkt vertreten. Da achtet niemand auf Grammatik und Ausdruck.“ Es wohnt jedem Charakter inne, seine Botschaft vorzutragen. „Man muss nur davon überzeugt sein und den Willen haben, bei dem Gegenüber etwas zu bewirken“, sagt die Rhetoriktrainerin.

Komm nur her, wenn du was willst

Das Videotraining entlarvt auch negative Eigenwahrnehmung als Trugschluss. Die meisten Menschen schätzen ihre Wirkung katastrophal ein, hatten in Wirklichkeit jedoch eine sympathische und kompetente Ausstrahlung. Fey nimmt auf, was die Teilnehmer von ihrem Hobby oder ihrer Familie erzählen – da bekommt jeder einen entspannten Ausdruck, zumindest lockerer, als wenn er von seinem Beruf spricht. „Das sind die grandiosen fünf Minuten, ‚Da warst du in Bestform‘, sage ich dann zu meinen Seminarteilnehmern; ‚Also sei doch jetzt immer in dieser Form, wenn du sprichst‘“.

Fey hatte früher selbst starkes Lampenfieber, heute leuchten ihre Augen, wenn sie vor dreihundert Kongressteilnehmern einen Vortrag halten soll. Ihr Trick: „Ich programmiere mich auf Kampfstimmung. Ich nehme mir eine zusammengerollte Zeitung und verstärke die Betonung wichtiger Wörter, indem ich beim lauten Üben mit ihr jeweils auf den Tisch klopfe.“ Gib dem Menschen eine „Waffe“ in die Hand und er hat weniger Angst. Komm nur her, wenn du was willst, ich bin groß und stark, kann das Mantra in diesem Moment lauten.

Pokerface oder Kopfwackeln

„Ich freue mich, dass Sie so zahlreich ­erschienen sind“, damit reißt man wirklich niemanden vom Hocker. Einen guten Eisbrecher zu finden, ist bestimmt schwierig? „Nö, das ist ganz leicht“, sagt Fey. „Einfach das Publikum einbeziehen: ‚Schön, dass wir pünktlich anfangen können‘“, gibt sie ein Beispiel.

Und dann geht es los: Im dunklen Anzug steht der Redner am Pult, spricht ruhig, wirkt ernst und selbstsicher ... Wenn Männer nervös sind, vereisen sie mimisch, meint Fey. Sie wirken dann vielleicht sicher, aber der Funke springt nicht über. Sie können nicht lächeln in dieser emotionslosen inneren Haltung. „So wie die meisten es gelernt haben, verstecken sie damit ihr Gefühl von Angst“, deutet sie dieses Phänomen. Frauen sind da eher expressiv aufgeregt, zappeln herum, wackeln mit dem Kopf, rollen mit den Augen. Dadurch wirken sie mitunter kindlich und werden nicht ernst genommen. Dabei haben Frauen laut Fey durchschnittlich eine höhere Redebegabung als Männer. In ihren Gehirnen seien mehr Areale für das Reden zuständig, bei Männern meist nur eines.

Wenn die Seminarteilnehmer – ganz gleich ob Mann oder Frau – begreifen, dass sie viel besser wirken, als sie sich fühlen, blühen sie in Redesituationen meist auf. Zeigt man seine Gefühle, überträgt sich diese Begeisterung dank der Spiegelneuronen auf das Publikum. Also: Tu, wovor du dich fürchtest und deine Furcht stirbt einen sicheren Tod.
 

 
 

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