Ist Treue etwas, das wir bewundern sollten? Oder doch eher eine Tugend der Passiven? (c) Thinkstock/Ramachstudio
Ist Treue etwas, das wir bewundern sollten? Oder doch eher eine Tugend der Passiven? (c) Thinkstock/Ramachstudio
Über Loyalität in der PR

Ist Treue eine Tugend der Passiven?

Kluge Kommunikation kann Kundenbindung schaffen und Mitarbeiterloyalität fördern. Doch ist Treue wirklich immer erstrebenswert? Oder ist sie womöglich bloß eine Tugend der Passiven?
Jens Hungermann

Treue ist ein großes Wort. Fünf Buchstaben, Dutzende Facetten, unendlich viel Interpretationsspielraum. Treue kann eine Willensentscheidung sein, ein Bedürfnis, ebenso wie ein diffuser Instinkt oder gar eine Bürde. Und manchmal widerfährt sie einem auch in gewisser Weise. Der britische Autor Nick Hornby hat es sehr eindrücklich beschrieben in „Fever Pitch“, einem famosen autobiografischen Roman über seine lebenslange Treue zu einem, nein: seinem Fußballklub, dem FC Arsenal in London.

„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“ So schildert Hornby (60) den Beginn eines Bandes, das erstaunlicherweise zeit seines Lebens unzerschnitten geblieben ist – trotz über Jahre seltenen Siegen und umso mehr Misserfolgen und plumpem Gekicke.

So ist das mit leidenschaftlichen Fußballfans. Sie halten ihrem Verein die Treue. Komme, was da wolle. Ihre Treue kann sie manchmal schmerzen. Und sie mag belächelt oder angefeindet werden. Ihr Sinn aber ist nicht infrage zu stellen. Die Treue ist einfach da, sie ist gewissermaßen ein Automatismus, sie lässt sich nicht ohne Weiteres brechen.

Gäbe es die eine geheime Erfolgsformel für das Bewirken unverbrüchlicher Treue – wäre das aus PR-Sicht nicht herrlich? Doch so leicht ist es leider nicht.

Solange es gut geht

Treue ist eine merkwürdige Sache. Ihrem Wesen nach sei sie „widerspenstig, stur, renitent, unvernünftig, trotzig. Sie widersteht den Fliehkräften des Gefühls und des Verstandes. Gegendruck macht sie nur stärker, wohlmeinenden, rationalen Argumenten ist sie kaum zugänglich“, bemerkte der Journalist Stephan Kuß in einem lesenswerten Essay für den SWR. „Treue ist der einsame, heroische Rebell unter den Tugenden.“ Eine Charakterstärke, vor allem.

Neben dieser positiv besetzten Perspektive existiert jedoch eine negative. Sie lautet: Treue sei die Tugend der Passiven. All jener also, die aus Bequemlichkeit bei etwas (oder jemandem) bleiben, etwa weil sie Veränderung scheuen oder in Wechseln eher Risiken als Chancen erkennen. Passiv treu sein, das hieße im Grunde treudoof sein. Von wegen Charakterstärke.

Der Philosoph Otto Friedrich Bollnow hat einmal behauptet, Treue sei „ihrem Wesen zufolge ewige Treue“. Scheidungsanwälte werden anders darüber urteilen. Oder der Düsseldorfer Pfarrer Hans-Georg Wiedemann. In den achtziger Jahren schlug er vor, die Trauformel „Bis dass der Tod euch scheidet“ durch die Alternative „Solange es gut geht“ zu ersetzen. Spoiler: Der Gottesmann scheiterte am Widerstand von Kirche und Gesellschaft.

Treue ist eben doch vor allem positiv besetzt, Untreue wird, offiziell zumindest, misstrauisch betrachtet oder gleich als Problem. In unserem Alltagsleben begegnet uns Treue – abseits jener zur Partnerin/ zum Partner − an unterschiedlichen Stellen. Als Treue zu Marken und Unternehmen beispielsweise. Im engeren Sinne in Form von Sich-selbst-treu-Bleiben. Oder als Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber.

Treue = tätiges Vertrauen

Letztere halten Kommunikatoren laut der Studie „Profession Pressesprecher“ für die am häufigsten verbreitete Eigenschaft in ihrer Branche. Hingegen werden „Wahrheitsbezogenheit“ und „Objektivität“ am geringsten geschätzt. Hier ist ein Spagat unübersehbar: Wie kann man sich selbst und dem Arbeitgeber treu bleiben, wenn beispielsweise Unternehmensentscheidungen den eigenen moralischen Kompass irritieren?

Ob ein Mitarbeiter seinem Arbeitgeber die Treue hält oder nicht und ob er dies gern tut oder widerwillig, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Fachleute schätzen die Verluste deutscher Unternehmen infolge innerer Kündigungen ihrer Mitarbeiter auf 105 Milliarden Euro jährlich. Deren Treue hängt maßgeblich vom Führungsverhalten ab, vergleichsweise weniger hingegen von Faktoren wie Gehalt, Sozialleistungen oder der Zahl der Urlaubstage.

Gar nicht hoch genug einzuschätzen scheint in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Dialogs zwischen Führungsebene und Angestellten. Für die Interne Kommunikation ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag – zumal wenn man die Annahme zugrunde legt, dass Treue tätiges Vertrauen ist.

Unternehmen bemühen sich heute mit mannigfaltigen Maßnahmen darum, ihre Mitarbeiter an sich zu binden. Unter anderem, indem sie sie einbinden in ihre Kommunikation, Interaktivität fördern. Tools wie Mitarbeiter-Apps werden dabei immer wichtiger – gerade in Branchen, in denen ein Gros der Belegschaft nicht im Headquarter agiert. So wie beispielsweise die 6.600 Fahrzeugführer der Berliner Verkehrsbetriebe, die seit einem Jahr auf ihren Smartphones mit News und Push-Nachrichten aus der Zentrale versorgt werden.

Grundsätzlich gilt für PRler, was Gabriele Kaminski von der GK Unternehmens- und Personalberatung über die Beweggründe von Kommunikationsverantwortlichen sagt: „Sie entscheiden sich für ein Unternehmen und für einen Chef. Der Kommunikationsmanager kann seine Beratungsqualität nur entfalten, wenn der CEO ihm vertraut.“ Gern treu zu sein heißt eben auch, darauf zu vertrauen, dass alles gut bleiben (oder werden) wird.

Wie sagte schon Konfuzius? „Erst in einer Zeit der Unruhe kann man Treue erkennen.“ Das gilt heute für Unternehmen wie Fußballklubs gleichermaßen. Frag nach bei Nick Hornby!

 

Was die Psychologie dazu sagt

Warum sind wir treu? Wann sind wir es eher nicht? Und kann man Treue erlernen? Über die Psychologie der Treue.

Von Wolfgang Krüger, promovierter Psychotherapeut in Berlin und Autor unter anderem von „Das Geheimnis der Treue“ und So gelingt die Liebe – auch wenn der Partner nicht perfekt ist“.

Wolfgang Krüger (c) privat
Foto: Privat

1. Wir wollen Verlässlichkeit

Wir suchen in einer Partnerschaft vor allem Verlässlichkeit und Vertrauen und wissen, dass jede Form von Untreue viele Kränkungen mit sich bringt. Wir können auch einem Unternehmen, einer Landschaft, einer Stadt oder einem Produkt treu sein, wenn wir es als unvergleichlich ansehen. Produkte werden zunehmend mit emotionalen Bildern und Werten verknüpft. So entsteht eine Bindung, die auch in Unternehmen häufig angestrebt wird. Der Arbeitgeber wird als eine große Familie wahrgenommen, die an einem wichtigen gemeinsamen Ziel arbeitet.

2. Treue ist mehr als ein Ideal

80 Prozent aller Deutschen wünschen sich Treue. 50 Prozent sind ihr Leben lang treu. Gerade unter jungen Menschen gibt es einen Trend zur Treue. Deshalb sind Freundschaften heute so wichtig. Durch sie führt jeder noch sein eigenes Leben in der Partnerschaft und ist eher treu.

3. Zur Treue gehört innere Stärke

Wie treu wir sind, hängt von unseren Kindheitserfahrungen ab. Wer sicher gebunden aufwächst, ist später eher treu. Wichtig ist vor allem die Treue zu sich selbst. Durch sie lernt man, beharrlich die eigenen Ziele zu verfolgen, auch wenn es schwierig wird. Zur Treue gehört daher auch eine gewisse Ausdauer. Und es gehört soziale Intelligenz dazu, weil wir durch sie in der Lage sind, gute Partnerschaften so zu führen, dass wir gern treu sind. Untreue ist oft die Folge einer inneren Distanzierung, weil man Konflikte nicht gut lösen kann.

4. Untreue hat mit Angst vor Nähe zu tun

Untreue hat verschiedene Gründe. 60 Prozent aller Menschen sind untreu, weil sie in der Partnerschaft unglücklich sind. Doch 40 Prozent sind untreu, weil sie Angst vor Nähe haben oder weil sie damit ihr eigenes Ego stützen. Andere gehen gerade dann fremd, wenn es besonders nah wird. Nur so spüren sie die eigene Autonomie.

5. Treu zu sein, ist indirekt erlernbar

Zuallererst dürfen wir die Untreue nicht verteufeln. Es geht vielmehr darum, Lebensmuster zu finden, die erfolgreicher sind als die Untreue. Wir müssten also lernen, eine Partnerschaft zu führen, in der wir glücklich sind und unsere Lebensziele verfolgen. Wer diesen Weg beschreitet, findet zu einer Partnerschaft mit sich selbst. Wir vermeiden, ständig Verunsicherungen und Streitigkeiten im Privatleben zu haben, und sind eher auf eine stabile Beziehung aus, die wir entwickeln möchten. Sie ist die Basis für unseren Lebenserfolg.

 

 
 


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