Hat die Schreiben-nach-Gehör-Methode eine Generation von Sprachvandalen erzogen? (c) Thinkstock/SIphotography
Hat die Schreiben-nach-Gehör-Methode eine Generation von Sprachvandalen erzogen? (c) Thinkstock/SIphotography
Sprecherspitze

Sprachwandalen [sic!]

Unsere sprecherspitze zur – zum Glück abgeschafften – Schreiben-nach-Gehör-Methode und ihren Folgen.
Jeanne Wellnitz

Der gemeine Grundschüler trägt ein schweres Kreuz. Da schreibt er krakelig nieder, was er hört, macht viele Fehler, und niemand korrigiert ihn. Richtiges Schreiben ist also nicht so wichtig, tanzt durch die Köpfe der heutigen Schülergeneration. Zum Dank verkündet eine aktuelle Bildungsstudie, dass sich die Rechtschreibleistungen der Viertklässler in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert hätten.

Die Schreiben-nach-Gehör-Methode wurde zum Glück 2016 abgeschafft. Doch die Folgen der Rechtschreibreform bleiben. Vergangenes Jahr feierte sie ihr 25-jähriges Bestehen. Dass sie ein unheilvoller Charakter ist, dem man irgendwie alles zutraut, zeigt ein Jubiläumsbericht des MDR. Eine eilige Reporterin meldete die Fusion von „seid“ und „seit“ zu „seidt“, eine Kreuzung, die uns das Leben erleichtern soll. Ihre Quelle: das Satiremagazin Postillon.

Wenigstens hat der Rat für deutsche Rechtschreibung sich erbarmt und Gruseligkeiten wie „Wandalismus“, „Grislibären“ und „Ketschup“ gestrichen. Die Reformer waren offenkundig Freunde der Schreiben-nach-Gehör-Methode. Womit sie ja auch irgendwie den Zeitgeist treffen. Scrollt man sich durch die Kommentarspalten von Medienwebseiten oder Youtube-Videos, trifft man so allerlei Künstler der Verknappung. Sie verteilen rebellische Klatschen an Orthografie, Ausdruck, Grammatik und Groß- und Kleinschreibung. Früher flogen handgeschriebene Elaborate durch die Klassenzimmer, heute gibt es Whatsapp. Die Jugend schreibt, das ist schon mal schön; nur leider sind es keine vollständigen grammatischen Sätze mehr.

Die Unternehmen wollen da natürlich mit an Bord sein, um auch diese Zielgruppe zu erreichen: „Wenn man 1 gute Bank hat vong Vorsorge her“ oder „Der Moment wenn dein Datenvolumen vong Vormonat her noch da ist“. Auch der Duden machte mit und postete: „Man muss immer auf korrekte Rechtschreibung 8ten. Vong Grammatik her.“ Ich fühle mich alt.

„Vong“ heißt dieses Internetphänomen, das schon längst wieder out sein soll, weil Unternehmen diese Sprache nun auch, sagen wir, beherrschen. Sie missachten die Grammatik, ebenso wie Vong-Sprecher, die damit auch eine Stilkritik an dem grammatikfreien Raum der Sozialen Medien üben. Ich gebe meine Gedanken mal in den Vong-Generator ein, damit ihn alle verstehen: Wold Ihr 1 Lant der Analphanten?

 

 
 

Kommentare

"Analphanten"? Quasi vong hinten?!? <Entschuldigung> Sehr treffende Spitze!


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Wer möglichst viele Menschen erreichen will, muss Relevanz, Vertrauen und Sichtbarkeit aufbauen. (c) Tinkstock/KenDrysdale
Foto: Tinkstock/KenDrysdale
Lesezeit 5 Min.
Essay

Keine Angst vor Transparenz!

Keine Angst vor Transparenz in digitalen Zeiten! Eine Alternative dazu gibt es sowieso nicht. »weiterlesen
 
Social Media dient nicht nur der Kommunikation, sondern kann das eigene Geschäftsmodell beflügeln. (c) Thinkstock/Rawpixel Ltd
Foto: Thinkstock/Rawpixel Ltd
Lesezeit 5 Min.
Gastbeitrag

Social Media als Gamechanger

Wettbewerber entstehen aus dem Nichts, Kunden wenden sich von etablierten Marken und Lieferanten ab. Das Schreckgespenst Disruptive Geschäftsmodelle beschäftigt Unternehmenslenker. Lassen Sie sich nicht treiben, sondern werden Sie mithilfe von Social Media zum Handelnden! »weiterlesen
 
Aufgepasst: Nach "zufolge" oder "laut" hat der Konjunktiv nichts zu suchen. (c) Thinkstock/Jezperklauzen
Foto: Thinkstock/Jezperklauzen
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Verloren im Konjunk-Tief

PR-Profis haben im Wesentlichen eine Aufgabe: kommunizieren. Das wichtigste Mittel dabei ist naturgemäß die Sprache – doch gerade die deutsche hat so manche Tücken. In unserer neuen Sprachkolumne klärt Lektorin und Bloggerin Juliane Topka über die häufigsten Fehler von Kommunikatoren auf. Folge eins zeigt, was es mit „zufolge“ und „gemäß“ auf sich hat. »weiterlesen
 
Foto: Thinkstock/yganko
Foto: Thinkstock/yganko
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Konkret statt abstrakt

Klare Ansagen vermeiden Missverständnisse. Der freie Journalist und Redenschreiber Claudius Kroker mit einer Kolumne über konkrete Botschaften, "Blabla-Kommunikation" und einer Hitliste des Ungefähren in Pressemitteilungen. »weiterlesen
 
"Die Lochis" haben knapp 2,5 Millionen Fans auf Youtube. (c) DieLochis/YouTube
Screenshot: DieLochis/YouTube
Lesezeit 2 Min.
Studie

Youtuber sind beliebter als Fußballer

Fußballer oder Schauspieler waren gestern – heute sind die Stars der jungen Generation Youtuber. Das belegt nun auch eine Bitkom-Studie. »weiterlesen
 
Sven Wedig (m.) und Carlos Zamorano (r.) reden Tacheles. (c) Jana Legler
Foto: Jana Legler
Lesezeit 4 Min.
Bericht

„Die Testphase ist vorbei“

Live-Video, Influencer, Snapchat – ein momentaner Hype oder langfristiger Bestandteil der Kommunikation? Darüber diskutierten auf dem Kommunikationskongress die Influencer-Experten Carlos Zamorano von RTL II und Sven Wedig von Vollpension Medien. »weiterlesen