Ist gendergerechte Sprache sinnvoll oder sinnlos? (c) Getty Images / itakdalee
Ist gendergerechte Sprache sinnvoll oder sinnlos? (c) Getty Images / itakdalee
Gendergerechte Sprache

Sollten Unternehmen gendern? Jein!

Hannover macht es vor: Hier ist geschlechtergerechte Kommunikation seit Kurzem Pflicht. Ist Niedersachsens Hauptstadt damit mutiger PR-Vorreiter für mehr Geschlechtergerechtigkeit – oder ist ein solches Vorgehen völlig fehl am Platz? Wir haben fünf Journalisten und PR-Profis nach ihrer Einschätzung gefragt.
Aus der Redaktion

Teresa Bücker

Chefredakteurin von Edition F

(c) Jasmin Schreiber

Eine Sprache, die alle Geschlechter miteinschließt, ist zeitgemäß – spätestens seitdem es im Grundgesetz lautet: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Besonders in der Kommunikationsbranche sollten wir uns das zu Herzen nehmen, denn die Texte und Botschaften, die wir erarbeiten, sollen in der Regel möglichst viele unterschiedliche Menschen erreichen. Schließen wir in unserer Sprache Frauen aus – und auch die dritte Option – beschneiden wir die Vorstellungskraft der Leser*innen, verzerren den Vorgang, über den wir informieren wollen – und begrenzen schließlich auch die Reichweite des Wissens, das wir vermitteln wollten. Denn auch wenn es heißt „Frauen sind mitgemeint“, kann man mittlerweile nachweisen, dass viele Frauen sich eben nicht mitgemeint fühlen. Ein Grund, an der männlichen Form festzuhalten, könnte daher aus meiner Sicht nur sein: Die Organisation möchte ihre kommunikativen Möglichkeiten nicht ausschöpfen – und auch nicht die gesellschaftlichen, die uns auf dem Weg zu echter Gleichberechtigung helfen könnten.

 

Murtaza Akbar

Geschäftsführer der Agentur Wortwahl

(c) Wortwahl

Sprache lebt, verändert sich ständig. So wie wir Menschen. Zum Glück. Im Duden stehen inzwischen Wörter wie „facebooken“, „liken“, „chillig“, sogar „tindern“. Anglizismen tun – in Maßen – überhaupt nicht weh. Unsere Sprache wird vielfältiger so wie wir. Der Verein Deutsche Sprache hat mich schon mehrfach dafür kritisiert, dass ich die Vielfalt der deutschen Sprache positiv sehe – und kein Sprachbewahrer oder -hüter bin, sondern ein Sprach-Optimist. Vielfalt und eine geschlechtergerechte Sprache zeugen genauso wie das m/w/d in Stellenanzeigen von einer modernen Gesellschaft und demokratischen Werten. Das bereichert den wunderbaren deutschen Wortschatz. Genauso wie der Einsatz des Gendersternchens – gerne freiwillig und überzeugt statt verordnet.

 

Cornelia Kunze

Geschäftsführende Gesellschafterin von I-Sekai und Erste Vorsitzende von GWPR Deutschland

(c) privat

Sprache verändert Denken und Handeln. Dass bei Ärzten, Vorstandsvorsitzenden, Piloten und Terroristen stereotypisch an Männer gedacht wird, hat aber zunächst mit gelebter Realität zu tun und wird durch Sprache unterstützt. Und so hat auch eine „geschlechter-un-gerechte“ Sprache ihren Anteil daran, dass die Veränderungsgeschwindigkeit in Sachen Gleichstellung zu wünschen übrig lässt. Dennoch:  Denkt man über die katalysatorische Wirkung von Veränderungsmaßnahmen nach, steht Sprache für mich nicht auf Platz 1. Ich glaube an eine Kombination aus Business Sense (Vielfalt ist notwendig, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein), Self Empowerment (Frauen müssen sich und andere Frauen stärken) und Quote (für die, die nicht intrinsisch motiviert sind, Vielfalt umzusetzen).

 

Andreas Hock

Journalist und Buchautor

(c) Riva-Verlag

Gendern ist ein Attentat auf Ästhetik, Schriftbild und Kommunikationskultur unserer Sprache. Die im wahrsten Sinne des Wortes unsäglichen Sternchen, Binnen-I und Querstriche entstellen Deutsch aber nicht nur. Sie gehen auch an der tatsächlichen Problematik vorbei: Natürlich haben wir noch Nachholbedarf an Frauen in Führungspositionen. Und natürlich ist es im Jahr 2019 nicht akzeptabel, wenn gleiche Leistung unterschiedlich bezahlt wird. Dafür kann aber die deutsche Sprache nichts. Wer sich darüber aufregt, dass es seit jeher "Fußgänger" heißt oder "Zuschauer", hat nicht begriffen, dass das generische Maskulinum nichts mit Diskriminierung zu tun hat – sondern mit Grammatik. Kleiner Trost: Die dumme Kuh bleibt genauso weiblich wie der Trottel männlich.

 

Annika Schach

Leiterin Kommunikation der Landeshauptstadt Hannover

(c) Katrin Probst Photography

Sprache prägt unser Bewusstsein. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen ein bestimmtes Bild im Kopf haben, wenn sie z.B. eine männliche Berufsbezeichnung lesen. Darum sind heute nahezu alle Stellenanzeigen gegendert. Die Landeshauptstadt Hannover hat im Januar 2019 Empfehlungen für geschlechtergerechte Sprache in der Verwaltungskommunikation herausgegeben – und damit eine bundesweite Diskussion ausgelöst. Der empfohlene Genderstern steht dabei für das sogenannte dritte Geschlecht. Im Stadtleitbild steht: Vielfalt ist unsere Stärke. Daher ist es nur folgerichtig, dass wir Menschen auch umfassend ansprechen möchten. Wichtig ist aber: Wir wollen Vorbild sein, schreiben aber niemanden etwas vor.

 

 

 

 

 

 
 

Kommentare

Interessantes Meinungsbild, vielen Dank dafür! Warum der "Fußgänger" laut Andreas Hock jedoch kein generisches Maskulinum ist, verstehe ich nicht. Unter https://www.gendern.de/ finde ich jedenfalls "Fußgehende" als neutrale Formulierung und die leuchtet mir mehr ein.


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