Jubelgesten wirken nur oberhalb der Gürtellinie positiv? Ein Mythos. (c) Getty Images/Paul Bradbury
Jubelgesten wirken nur oberhalb der Gürtellinie positiv? Ein Mythos. (c) Getty Images/Paul Bradbury
Studie

So überzeugen Sie (nicht) auf dem Bildschirm

Eine neue Studie räumt mit alten Kommunikationsmythen auf und sagt, welche Faktoren beim Präsentieren vor dem Bildschirm wirklich wichtig sind. Ingo Bosch vom Bundesverband für Medientraining stellt die wichtigsten Erkenntnisse vor.
Ingo Bosch

Strahlen Leistungssportler*innen nach einem Sieg in die Kamera, wirkt alles leicht und lohnend. Auf den Punkt haben sie ihr Optimum abgerufen. Den Großteil des Erfolgs schaffen Menschen im Hochleistungssport jedoch bereits vor dem Wettkampf: mit Trainingsmethoden, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Führungskräfte, Kommunikationsprofis und -trainer*innen können davon einiges übertragen.

Wer mit seinen Reden oder Präsentationen zu den Gewinner*innen zählen möchte, muss sich zwar nicht ganz so akribisch wie im Spitzensport vorbereiten. Es gibt jedoch einige Parallelen. Zunächst gilt es, gesicherte Erkenntnisse aus der Wahrnehmungsforschung zu nutzen.

Drei Kommunikationsmythen und ihre Entzauberung

Das klingt einfacher, als es ist. Denn die menschliche Wahrnehmung ist extrem komplex – zugleich besteht eine starke Sehnsucht nach einfachen „Wahrheiten“. Das ist zumindest ein Erklärungsversuch für viele oberflächliche und falsche Aussagen, die im Internet kursieren, wie die folgenden drei.

1. Wir behalten 10 Prozent von dem, was wir lesen, 20 Prozent von dem, was wir hören, 30 Prozent, von dem, was wir sehen.

Diese Aussage, meist in Kegelform dargestellt, fußt sehr wahrscheinlich auf Edgar Dales „Cone of Experience“, 1946 für das audiovisuelle Lernen von Kindern eingeführt. Googelt man die drei Worte, erhält man über 330 Millionen Ergebnisse! Die hohe Zahl macht die Aussage jedoch nicht wahrer: Irgendjemand hat einst zu Dales Schaubild Prozentzahlen hinzugefügt, viele Menschen haben diese dann abgeschrieben. Die Aussagen gehen noch weiter: So sollen wir 50 Prozent von dem behalten, was wir sehen und hören – und 90 Prozent, von dem, was wir tun. Allein schon diese ausnahmslos glatten Zahlen legen nahe, dass sie nicht seriös zustande kamen.

2. Gesten unterhalb der Gürtellinie wirken negativ, oberhalb der Gürtellinie positiv.

Da auch diese Aussage nicht wissenschaftlich belegt ist, wird sie häufig mit Sportler*innen begründet, die beim Sieg die Arme hochreißen. Jubelgesten wie „die Säge“ oder das symbolische Schaukeln eines Babys in leicht gebeugter Haltung werden übersehen. Noch ein kleiner Selbsttest: In welchem Bereich würden Sie mit Ihren Händen und Armen gestikulieren, wenn Sie erzählen, wie sich eine Katze an Ihre Füße geschmiegt hat?

3. Bei einem Auftritt wirkt der Inhalt zu 7 Prozent, die Stimme zu 38 Prozent und die Körpersprache zu 55 Prozent.

Diese Zahlen stammen aus zwei Studien aus dem Jahr 1968 von Albert Mehrabian. Dass sie nicht verallgemeinert werden können, hat er selbst mehrfach gesagt (zum Beispiel hier ab 23:10 min). Was hatte er gemessen? In der ersten Studie sahen die Teilnehmenden positiv, neutral und negativ besetzte Wörter (zum Beispiel great - maybe - terrible). Dazu wurden die Wörter so vorgelesen, dass sie positive, neutrale und negative Gefühle ausdrückten. Ergebnis: Gab es einen Widerspruch zwischen Wortbewertung und Betonung, wirkte die Stimme 5,4-mal so stark wie die Wörter. In der Folgestudie wurden Fotos von Gesichtern mit positiven, neutralen und negativen Ausdrücken gezeigt und nun das Wort „maybe“ unterschiedlich betont. Jetzt hatten die Gesichter 1,5-mal so viel Einfluss wie die Stimme. Kombiniert errechnete Mehrabian die Prozentwerte für Inhalt, Stimme und Körpersprache – für die zwei Studien und nicht als allgemeingültige Aussage.

Worauf es wirklich ankommt, zeigt eine Meta-Studie

Diese Beispiele verdeutlichen, wie einzelne Forschungsergebnisse zur Wahrnehmung fahrlässig verallgemeinert werden. Dabei gilt in der Wissenschaft besonders: „Einmal ist keinmal“. Aussagekräftig sind deshalb vor allem Meta-Studien – sie fassen den aktuellen Stand der Forschung zusammen. In diesen Tagen veröffentlichte der Bundesverband für Medientraining in Deutschland eine solche Meta-Studie, die 87 Einzelstudien mit insgesamt 20.000 Teilnehmenden auswertete, durchgeführt von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Der Fokus lag auf der Wirkung nonverbaler Kommunikation via Bildschirm, da die meisten Menschen heute Geschäftsführer*innen und Expert*innen vor allem am klassischen TV-Gerät, an PCs, Tablets oder Handys erleben.

Kernergebnisse dieser Meta-Studie: Wer auf Bildschirmen kompetent und sympathisch wirken möchte, zeigt sich mit angesehenen anderen Akteur*innen und setzt bewusst verbindende Symbole ein. Zudem gilt es, Augen und Körper zum Publikum zu richten, offene Gesten einzusetzen und mit möglichst tiefer Stimme zu sprechen.

Wer Höchstleistung vollbringen will, sollte auf diese gesicherten Erkenntnisse setzen und sie mit Praxiserfahrungen kombinieren. Entwickeln Sie Vorträge, die individuell auf die Publikumsbedürfnisse und Ihre eigene Art zugeschnitten sind. Ganz so wie im Leistungssport.

 

 
 


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