Speed Reading - so lesen Sie schneller als je zuvor! (c) Thinkstock/marzacz
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Speed Reading

So lernen Ihre Augen fliegen

Speed-Reading-Techniken verheißen wesentlich schnelleres Lesen bei mindestens gleichem Textverständnis – ein Traum von allen, die beruflich viel lesen müssen. Kursanbieter versprechen verblüffende Resultate. Doch kann das wirklich jeder lernen?
Jens Hungermann

Das Versprechen klingt verheißungsvoll, gerade für Kommunikatoren. Beinahe wie eine kühne Vision. Ja, wir alle sind in der Lage, unsere eigene Lesegeschwindigkeit erheblich zu steigern. Und zwar ohne dass darunter unser Verständnis für den Textinhalt leidet. Das jedenfalls stellen Anbieter von Kursen wie „Speed Reading“, „Schnelllesen“ oder „Improved Reading“ in Aussicht.

Wissenschaftler bestätigen die These, dass unser Gehirn zu weit mehr in der Lage ist, als es beim herkömmlichen Wort-für-Wort-Lesen leistet. Währenddessen nutzen wir nämlich angeblich nur ein Drittel unserer eigentlich vorhandenen Hirnkapazität. „Normalerweise gilt bei geistigen Tätigkeiten: je schneller, desto ungenauer. Beim Lesen gilt das nur bedingt“, sagt Ralph Radach. An der Universität Wuppertal forscht der Professor am Lehrstuhl für Allgemeine und Biologische Psychologie unter anderem zu Schnelllesetechniken.

Vier Phänomene hindern uns demnach, weitaus zügiger zu lesen:

  1. Das innere Mitsprechen, wie wir es in der Grundschule gelernt haben (Subvokalisieren)
  2. Ruckartige Blickbewegungen (Sakkaden)
  3. Kurzzeitige Ruhephasen zur Informationsverarbeitung (Fixationen)
  4. Wiederholtes Lesen von Wörtern/Passagen ­(Regressionen), beispielsweise aus Unkonzentriertheit

Diese Bremser zu reduzieren, muss Ziel für jeden sein, der sein Lesetempo steigern will. Geübte Leser schaffen etwa 200 bis 300 Wörter pro Minute (WpM). Eine Verdopplung auf bis zu 600 WpM ist laut Leseforschern und Kursanbietern möglich – jedoch nur mit entsprechendem Training. Dabei geht es ausdrücklich nicht um hastiges Quer- oder Diagonallesen. Sondern es geht um die Veränderung der eigenen Lesetechnik.

Entscheidenden Fortschritt, da ist sich die Forschung weitgehend einig, verspricht das sogenannte Chunken (englisch „chunk“ = Brocken). Dabei werden vom Auge Wortgruppen und nicht länger Einzelwörter erfasst. Die Folge: weniger Sakkaden, weniger Fixationen, höhere Lesegeschwindigkeit.

Ärgerlicherweise hindert uns die Beschaffenheit unserer Augen jedoch daran, die Brocken beliebig groß wahrzunehmen. Denn die Blickspanne, innerhalb derer unsere Augen alles klar zu lesen in der Lage sind, ist auf circa 3 bis 3,5 Zentimeter begrenzt. Diese Spanne durch Training oder einen Schnelllesekurs zu erweitern, hält Fachmann Radach für „ausgemachten Unsinn“. Auch wenn manche Speed-Reading-­Seminare es in Aussicht stellen.

Unfug scheint ohnehin zu sein, was manche Kursanbieter ihren Kunden offerieren. So prüfte „Stiftung Warentest“ vor gut zwei Jahren sechs verschiedene Angebote am Markt − von App über DVD bis Präsenzkurse. Zwar verbesserten alle 88 Probanden ihre Lesegeschwindigkeit deutlich. Doch am Textverständnis haperte es zum Teil erheblich, weswegen nur zwei Anbieter eine gute Note erhielten. Ein Schelm, wer da an dieses Bonmot von Woody Allen denkt: „Auf dem College besuchte ich einen Schnelllesekurs. Ich konnte ‚Krieg und Frieden‘ in 20 Minuten lesen. Es handelt von Russland.“

Schneller lesen bedeutet, effizienter zu sein

Kommunikatoren können sich solche Schludrigkeit kaum erlauben. Für sie gilt: Je besser informiert sie sind, desto besser können sie informieren. Für ihren Berufsalltag bedeutet das lesen, lesen, lesen. Clippings, Fachmagazine, Briefings, E-Mails, Geschäftsberichte, Nachrichten, Briefe et cetera.

Sich auf die Erkenntnisse seriöser Leserforschung einzulassen, ist angesichts dessen durchaus empfehlenswert, meint Peter Rösler. Der Autor des 2016 veröffentlichten Buchs „Grundlagen des Schnell-Lesens“ rechnet vor: „Wer täglich drei Stunden lesen muss, sei es am Computer oder in Büchern, Zeitschriften oder Zeitungen, der hat einen Leseaufwand von circa 1.000 Stunden im Jahr. Selbst kleine Effizienzverbesserungen sparen schon so viel Lesezeit ein, dass sich der Aufwand, das Schnelllesen zu erlernen, in kürzester Zeit amortisiert.“

Dieser (zeit-)ökonomische Aspekt kann in der Tat verheißungsvoll klingen. Auch und gerade für Arbeitgeber.

 

 
 

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