Thomas Knüwer über dem Status von Bloggern (c) Thinkstock/Tarchyshnik
Thomas Knüwer über dem Status von Bloggern (c) Thinkstock/Tarchyshnik
Kommentar

Sind Blogger die besseren Journalisten?

Sind Blogger immer noch die sogenannten Hobbyautoren des 21. Jahrhunderts oder mittlerweile eine ernstzunehmende Konkurrenz für Journalisten? Ein Kommentar von Thomas Knüwer.
Thomas Knüwer

Wir schreiben das Jahr 2015 und der pressesprecher bittet mich um einen Kommentar zur Frage, ob Blogger Journalisten seien. Immer noch wird also über diese Frage diskutiert im rückständigen Medienstandort Deutschland, und das nach all den Jahren und erst recht nach der Landesverrat-Affäre rund um Netzpolitik.org. Wie manisch klammern sich viele Medienentscheider hierzulande an die Vorstellung, dass nur in Medienkonzernen Journalismus entstehen könne. Am deutlichsten sieht man dies beim Journalistenverband DJV. Dieser definiert Journalisten als Personen, die sich „hauptberuflich an der Verbreitung und Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien“ beteiligen. Ja, dort steht: Massenmedien. Somit wären die Autoren von kleinen Fachmagazinen genauso wenig Journalisten wie, ja genau, Blogger.

Viele Kommunikationsabteilungen sind da anderer Meinung. Autohersteller haben Blogger mit den Fachpublikationen gleichgestellt, Modefirmen setzen Autoren von Weblogs in die ersten Reihen ihrer Modeschauen, der Youtuber Le Floid durfte die Kanzlerin interviewen. In den USA haben Medien längst Blogger und Blogs eingekauft, haben ihren Autoren teilweise Verantwortung für Teams gegeben – in Deutschland versuchen sich nicht einmal die vorhandenen Redakteure in diesem Feld. Geradezu schizophren agiert Axel Springer: In den USA hat sich der Konzern bei zahlreichen Seiten wie „Business Insider“ oder „Ozy“ ­beteiligt, die aus Blogs heraus entstanden sind. In der Heimat hingegen? Zurückhaltung.

Deutsche Journalisten und Medienentscheider betrachten Blogger weiterhin mit Verachtung. Ihr Hauptvorwurf: Es handele sich hier um Hobbyautoren, die keine gute Qualität liefern könnten. Tatsächlich gibt es jedoch eine Reihe von Informationsbereichen, die ohne Blogger kaum abgedeckt würden. Vor allem digitale Debatten entstehen erst auf Blogs und werden dann, natürlich unter weitgehender Vermeidung von Quellennennungen, in ­klassischen Medien aufgeworfen. Fußballfans finden auf „Spielverlagerung.de“ tiefere Taktikbetrachtungen, bei „Collinas Erben“ bessere Regelkunde als beim saturierten Kicker. Wer sich mit Medien beschäftigt, liest beim Medienjournalisten Stefan Niggemeier tiefere Analysen als auf dürren Spezialseiten der Tageszeitungen. Wissenschaftsliebhaber werden auf „Scilogs“ fündig, Hintergründe zur aktuellen Rechtsprechung sind nirgends verständlicher aufbereitet als im „Law­blog“ von Udo Vetter.

„Huch“, mag man da sagen. „Die haben ja gar keine journalistische Ausbildung.“ Und „Tja“, erwidere ich. „Die hat Stefan Aust auch nicht“. Und er ist nicht der einzige. Journalismus ist schließlich keine Raketenwissenschaft. Natürlich gibt es gute Ausbildungsstätten, wenige allerdings. Doch gab es schon immer Journalisten, die ganz ohne Volontariat auskamen – und trotzdem gut waren oder sind.

Außerdem hat die Ausbildung auch nicht dagegen geholfen, dem rasanten Qualitätsverlust der Traditionsmedien entgegenzuwirken. Häufig sind es überraschenderweise Blogger, die sich weniger von Unternehmenskommunikatoren beeinflussen lassen. Denn ihre Leser sind häufig medienkundiger als Zeitungsrezipienten und achten sehr viel stärker auf die Unabhängigkeit der Berichterstattung. Deshalb sind auch Social Media Relations zur eigenständigen Disziplin geworden.

Die Frage, ob Blogger Journalisten sind, sollte also nicht nur mit einem simplen „Ja“ beantwortet, sondern ergänzt werden mit dem Zusatz: „Und häufig sogar die besseren.“

 

 
 

ps/NEWS: Der Newsletter für PR-Profis

 

Ob wichtige Nachrichten, Hintergründe, Case Studies oder aktuelle Debatten: Mit den ps/NEWS erhalten Sie die wichtigsten Informationen der Kommunikationsbranche kostenlos in Ihre Mailbox.
 

CAPTCHA

This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.

Kommentare

Danke für diesen Artikel, Herr Knüwer. Ich stimme Ihnen zu: Die meisten Blogger machen einen sehr guten Job. Meiner Meinung nach nutzen Blogs die Potentiale von Digitalisierung: Menschen, die gerne recherchieren und schreiben, nutzen technische Infrastruktur, um Informationen zu verbreiten und in einen Dialog mit Lesern zu treten. Jeder, der am Web partizipiert, kann in einem Blog Content produzieren und zur Meinungsbildung beitragen. Wer das nicht anerkennt, braucht auch nicht nach Digitalisierung rufen (und wird kommunikativ wenigstens mittelfristig den Anschluss verlieren). Zudem: Oft greifen Blogger Themen auf, die in den Leitmedien nicht zu finden sind. Das ist Mehrwert!

Hallo ich bin Livia 13 und mein Blog ist www.livias-life-is-style-blog.blogspot.de/ und ich finde, dass Blogger vielleicht nicht die besseren Journalisten sind aber Blogger (so wie ich) schreiben halt das was die Menschen, die Blogs lesen, eben auch Interessiert. Hier richtet sich nicht der Leser nach der Zeitung sondern der Blog richtet sich nach den Leser. Livia

Vielen Dank für diesen Artikel, der mir als Blogger komplett aus der eigenen Seele spricht.

"Vor allem digitale Debatten entstehen erst auf Blogs und werden dann, natürlich unter weitgehender Vermeidung von Quellennennungen, in ­klassischen Medien aufgeworfen." Ohja, wie wahr. Und dieser Content-Klau ärgert mich am meisten.

Insbesondere bei der heutigen in seiner inhaltlich Qualität rückläufigen Medienmarkt bin ich wirklich froh, dass ich hierzulande nationale und internationale Blogs lesen darf, weil sie mich deutlich hochwertiger in Inhalt und Information bespielen.

Im Grunde stimme ich als Journalistin UND Bloggerin voll und ganz zu. Man kann es auch so ausdrücken: Es gibt "klassische" Journalisten, die ihrem Berufsstand wahrlich keine Ehre machen. Und es gibt Blogger, die nur um der Gratis-Proben Willen bloggen. Am Ende sind es die Individuen, die gute oder schlechte Arbeit machen – egal, ob sie einen Blog mit drei Lesern haben oder in der Redaktion einer großen Tageszeitung sitzen.


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Studenten der Hochschule Darmstadt wollen das angestaubte Thema "Grundgesetz" frisch und inspirierend vermitteln. (c) Getty Images/rclassenlayouts / Hochschule Darmstadt
Foto: Getty Images/rclassenlayouts / Hochschule Darmstadt
Lesezeit 1 Min.
Meldung

Studenten feiern Grundgesetz mit Online-Kampagne

Das Grundgesetz wird 70: Anlass genug für einige Darmstädter Studenten, sich zu überlegen, wie sich das Thema im Jahr 2019 etwas frischer verpacken lässt. »weiterlesen
 
Unternehmen vertrauen in den sozialen Medien immer häufiger auf Mitarbeiter als Corporate Influencer. (c) Getty Images / bigtunaonline
Foto: Getty Images / bigtunaonline
Lesezeit 5 Min.
Gastbeitrag

Wie Corporate Influencer wirken – und wie nicht

Unternehmen vertrauen in Sozialen Medien immer häufiger auf die eigenen Mitarbeiter als „Corporate Influencer“. Das setzt bei denen ein hohes Maß an Eigenverantwortung voraus. Wie viel Kontrolle sind Kommunikationsabteilungen bereit abzugeben – und wo ziehen sie Grenzen? »weiterlesen
 
Werder Bremen ist deutscher Meister in Sachen Onlinekommunikation. (c) SV Werder Bremen
Werder gewinnt das Online-Ranking der Bundesliga-Vereine vor Dortmund und Bayern. Foto: SV Werder Bremen
Meldung

Werder Bremen ist deutscher Meister

Im Online-Ranking der Fußball-Bundesligavereine setzt sich Werder gegen Dortmund und Bayern München durch. »weiterlesen
 
Die Kurzvideo-Plattform Tiktok dominiert weltweit bei App-Downloads. (c) Tiktok
Im ersten Quartal 2019 verzeichnete Tiktok über 180 Millionen Downloads weltweit. Foto: Tiktok
Meldung

Tiktok weiter weltweit auf dem Vormarsch

Tiktok wächst und wächst, weltweit: Keine App eines anderes sozialen Netzwerks erreicht höhere Download-Zahlen als die chinesische Kurzvideo-Plattform. »weiterlesen
 
Donald Trump zieht in den Kampf gegen angebliche "Social-Media.Zensur". (c) White House
Mit einer Online-Umfrage will das Weiße Haus gegen Zensur kämpfen. Foto: White House
Meldung

Trump eskaliert Kampf gegen „Social-Media-Zensur“

Der US-Präsident kämpft unermüdlich für die Meinungsfreiheit, vor allem für rechtsgerichtete Stimmen. Eine Online-Umfrage soll nun dabei helfen. »weiterlesen
 
50 Prozent der befragten CEOs befürworten eine stärkere Regulierung von Facebook. (c) Getty Images / tomeng
Foto: Getty Images / tomeng
Lesezeit 2 Min.
Meldung

Fortune-500-CEOs verlangen Facebook-Regulierung

50 Prozent der CEOs sind dafür, den Facebook-Konzern stärker zu regulieren. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Wirtschaftsmagazins Fortune.