Joe Kaeser kündigt den umstrittenen Adani-Auftrag nicht. / Joe Kaeser: (c) Siemens
Joe Kaeser kündigt den umstrittenen Adani-Auftrag nicht. / Joe Kaeser: (c) Siemens
Klimaschutzbedenken zum Trotz

Siemens bekennt sich zum Kohle-Projekt

Siemens wird sich weiter am umstrittenen Adani-Projekt in Australien beteiligen. Die Klimaschutzproteste der Fridays for Future prallen am Management ab.  
Toni Spangenberg

Siemens beugt sich dem Druck von Fridays for Future nicht. Das hat der Vorstand am Sonntag nach einer außerordentlichen Sitzung entschieden. Damit werde der Konzern seine Verträge mit dem indischen Energieunternehmen Adani erfüllen. Adani plant, in Australien – einem Land, das derzeit mutmaßlich aufgrund des Klimawandels die verheerendsten Buschbrände seiner Geschichte erlebt – eines der größten Kohlebergwerke der Welt zu errichten. Siemens soll dafür Zug-Signaltechnik liefern – ein 18-Millionen-Euro-Auftrag. Die Anlage wird für eine Zugverbindung benötigt, mit der Kohle von der Mine zum Hafen transportiert werden soll.

Fridays for Future hatten am Freitag zu Demonstrationen aufgerufen, um eine Siemens-Beteiligung am umstrittenen Kohleprojekt noch zu verhindern. Joe Kaeser, CEO von Siemens, versprach nach einem Treffen mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer, dem deutschen Gesicht von Fridays for Future, zunächst, den Auftrag neu abzuwägen. Siemens werde schnell entscheiden, „wie wir mit dieser konfliktären Interessenlage umgehen.“

Kaeser bekennt sich schriftlich zum Adani-Auftrag

Es sei klar, dass es sich aufgrund der unterschiedlichen Interessenlage von Aktionären, Kunden und der Gesellschaft um keine einfache Entscheidung handle. In einem schriftlichen Statement erklärt der CEO, warum seine Entscheidung letztlich zugunsten des Projekts gefallen ist. „Siemens, als eines der ersten Unternehmen, das bis 2030 CO2-neutral werden will, bekennt sich zu dem Ziel, den Einsatz fossiler Energieträger in unseren Wirtschaften mit der Zeit überflüssig zu machen“, stellt Kaeser zunächst klar.

Es sei eine riesige Herausforderung gewesen, „die Balance zwischen einer sehr legitimen Angelegenheit globaler Dringlichkeit und einer fakten-basierten und rechtlichen Beurteilung basierend auf meinen treuhänderischen und Management-Pflichten“ zu finden. So sei Siemens beispielsweise ein verlässlicher Zulieferer und verantwortlich für die Zukunft von 385.000 Arbeitnehmern weltweit.

„Die Australier wollen die Mine“

Das Adani-Minen-Projekt sei von der australischen Regierung, dem höchsten Gericht und den indigenen Bevölkerungsgruppen der Wangen und Jaganlingou genehmigt worden. Die lokalen und föderalen Regierungen billigten es auf Basis des „Environmental Protection and Biodiversity Conservation Act 1999“, so Kaeser. Auch Matthew Canavan, Minister der Ressourcen und von Nord-Australien, habe ihm persönlich zu verstehen gegeben, dass die „Australier das Projekt ganz klar unterstützen“. „Es wäre eine Beleidigung für die Arbeitnehmer in Australien und die wachsenden Bedürfnisse Indiens, dem Druck der Anti-Adani-Proteste nachzugeben“, sagte Canavan.

Ein Ausstieg Siemens hätte das Projekt nicht gestoppt. In diesem Fall hätte ein Wettbewerber den Auftrag übernommen, gibt Kaeser zu bedenken. Davon abgesehen „gibt es praktisch keinen legalen und wirtschaftlich verantwortlichen Weg, den Vertrag aufzulösen ohne treuhänderische Verpflichtungen zu vernachlässigen.“

Umweltschützer bekämpfen das umstrittene Adani-Projekt, mit dem jährlich 60 Millionen Tonnen Kohle gefördert werden sollen, bereits seit Jahren. Im Fokus steht dabei nicht nur der Klimaschutz. Kritiker stören sich vor allem am Transport der Kohle über das Great Barrier Rief und den enormen Wasserverbrauch.

Siemens plant ein Nachhaltigkeits-Komitee

Um Diskussionen wie im Fall Adani künftig zu vermeiden und ökologische und klimatische Bedenken bei Aufträgen künftig stärker zu berücksichtigen, wolle Siemens ein Nachhaltigkeits-Komitee gründen. Dieses solle mit externen Mitgliedern besetzt werden. 

Luisa Neubauer reagierte enttäuscht auf die Entscheidung Siemens’. „Herr Kaeser hat sich heute gegen das Paris-Abkommen, gegen die Betroffenen aus aller Welt, gegen zukünftige Generationen und nicht zuletzt gegen die Klimaschutzreputation von Siemens entschieden“, schreibt sie auf Twitter. Kaeser habe damit eine historische Fehlentscheidung getroffen. Neubauer kündigte weitere Proteste an. 

Neubauer lehnt Aufsichtsratsposten ab

Kaeser hatte Neubauer nach dem Treffen am Freitag einen Sitz im Aufsichtsrat des vor kurz dem Börsengang stehenden Unternehmens Siemens Energy angeboten. Neubauer lehnte ab und bat Kaeser diesen Sitz einem Vertreter von Scientists for Future anzubieten. Das wiederum lehnte Kaeser ab. Siemens habe genügend Experten und Wissenschaftler.

 

 
 


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