Seit genau sechs Monaten sind Silke und Holger Friedrich Eigentümer des Berliner Verlags. (c) Getty Images / artisteer
Seit genau sechs Monaten sind Silke und Holger Friedrich Eigentümer des Berliner Verlags. (c) Getty Images / artisteer
Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich

Sechs Monate, neun Peinlichkeiten, ein Verlag

Vor genau sechs Monaten kaufte das Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich den Berliner Verlag. Pleiten, Pech und Pannen folgten.
Katrina Geske

Im September 2019 wurden die Berliner Unternehmer als neue Eigentümer des Berliner Verlags vorgestellt, zu dem die „Berliner Zeitung“ und der „Berliner Kurier“ gehören. Der Kauf kam überraschend: In der Branche waren die beiden unbekannt; Silke Friedrich ist gelernte Bürokauffrau, ihr Mann gelernter Werkzeugmacher.

Die neuen Eigentümer wurden zunächst positiv aufgenommen. „Die beiden sind genau das, was wir uns gewünscht haben“, sagte damals Frederik Bombosch, Vorsitzender des Betriebsrates und Redakteur der „Berliner Zeitung“. Unter der Verlagsgruppe Dumont, zu dem er bisher gehörte, hatte der Verlag seit Jahren einen strengen Sparkurs fahren müssen. „Die beiden haben etwas vor“, sagte Bombosch noch.

Das mag zwar stimmen, dennoch muss man sagen: Mit Ruhm bekleckert haben sich die Friedrichs in ihren ersten sechs Monaten als Verlagseigentümer nicht. Stattdessen: Negativschlagzeilen zu Hauf. Eine Chronologie der Ereignisse:

08.11.2019: „Was wir wollen“

Die Euphorie des Neuen hält nicht lange an: Knapp zwei Monate nach dem Kauf veröffentlichen die Friedrichs in ihrer Zeitung – pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls – einen Essay, in dem sie ihre Vision für den Neustart des Blattes erläutern. Beifall ernten die beiden dafür jedoch nicht: Grund sind Passagen, in denen einige Medienkritiker:innen eine Vereinfachung oder sogar Verzerrung der deutschen Geschichte erkennen. Viel Lob gibt es beispielsweise für den ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz – weil er „im Herbst 1989 die Größe hatte, doch keinen Befehl zur Anwendung von Gewalt zu geben“. Obendrein erhält Krenz im selben Heft im Rahmen eines doppelseitigen Interviews die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge ausführlich darzulegen.

Bezüglich der Konsequenzen solcher Ansichten gingen die Medienmeinungen auseinander – noch. So sei es „trotz der ganzen Merkwürdigkeiten in dem Text […] spannend, die Entwicklung der Zeitung mit den neuen Eigentümern zu beobachten“, so der Journalist Matthias Dell in einem Podcast auf Deutschlandfunk Kultur. Anders sah es Hubertus Knabe von der NZZ: Das Ehepaar habe gezeigt, „wie man als Newcomer in kürzester Zeit seinen Ruf verspielen kann“.

15.11.2019: Holger Friedrich alias „Peter Bernstein“

Im Nachhinein erscheinen die Lobeshymnen der Friedrichs auf Egon Krenz möglicherweise wie ein Vorbote dessen, was danach kam: Mitte November deckt die „Welt am Sonntag“ die Tätigkeit Holger Friedrichs als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi Ende der 80er Jahre auf. Unter dem Decknamen „Peter Bernstein“ soll er während seines dreijährigen Wehrdienstes bei der NVA Kamerad:innen teils schwer belastet haben. Gegen einige der Betroffenen soll das Ministerium für Staatssicherheit daraufhin „Maßnahmen“ durchgeführt haben. Besonders heikel: Die „Berliner Zeitung“ gehörte einst der SED.

Bereits vor Veröffentlichung der Enthüllungen bezieht Friedrich im eigenen Blatt Stellung zu den Vorwürfen: Er habe die Verpflichtungserklärung im Anschluss an eine Verhaftung verfasst, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen. „Aktiv“ sei er jedoch nie für die Stasi tätig gewesen. Seine Akte spricht jedoch eine andere Sprache: Friedrich sei „auf der Grundlage der politischen Überzeugung zur inoffiziellen Zusammenarbeit“ verpflichtet worden. Den Vertrauensvorschuss haben die Friedrichs nun scheinbar endgültig verspielt.

11.12.2019: Gutachter entlasten Friedrich

Im Anschluss an die Enthüllungen zur Stasi-Tätigkeit Friedrichs sieht sich der Berliner Verlag offenbar genötigt, zu handeln. Man wolle sich „sachlich und angemessen mit der Situation auseinandersetzen“. Die „Berliner Zeitung“ werde über den Fall berichten, wie sie auch sonst berichten würde, hieß es. Zwei Expert:innen – der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk und Marianne Birthler, die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen – sollen die Akten zu Friedrich zudem analysieren.

Auf eine journalistische Aufarbeitung des Falles in den Veröffentlichungen des Verlages wartet man bis heute vergeblich. Stattdessen legen Kowalczuk und Birthler Mitte Dezember ein 25-seitiges Gutachten vor. Inhaltlich lässt dieses jedoch zu wünschen übrig, wie der Historiker Hubertus Knabe in der „Berliner Morgenpost“ schreibt. Für den in nur sieben Tagen erstellten Bericht hätten die beiden weder im Stasi-Unterlagen-Archiv recherchiert noch die von Friedrich Bespitzelten befragt, so Knabe. Außerdem enthalte der Text auffallend viele Rechtfertigungen. Mit Knabe liefert sich Holger Friedrich Monate später übrigens noch ein juristisches Gefecht. Der Historiker habe in einer Analyse des Falls für „Focus Online“ Falschangaben über Friedrich gemacht. So oder so – Friedrichs Rehabilitation wirkt eher misslungen.

01.02.2020: Stasi-Ärger, die Zweite

Seine Stasi-Vergangenheit lässt Holger Friedrich nicht los. Anfang Februar dieses Jahres wird bekannt – wiederum durch Recherchen der „Welt am Sonntag“ - dass Friedrich im Jahr 1985 eine Kollegin bei ihrem damaligen Arbeitgeber angeschwärzt habe. Bei ihren Vorwürfen stützt sich die Zeitung nach eigenen Angaben auf eidesstattliche Versicherungen und Schilderungen von Zeitzeug:innen.

Die neuen Enthüllungen bringen Friedrich in die Bredouille, denn sie passen so gar nicht zu dem Bild, das er selbst von seiner Stasi-Tätigkeit zeichnete. Denn: Laut Zeitzeug:innenberichten handelte er in dem beschriebenen Fall aus freien Stücken. Hatte Friedrich bisher vielleicht noch gehofft, sich einigermaßen unbeschadet aus der Affäre ziehen zu können, scheint es nun, als würden die Vorwürfe dauerhaft an ihm haften bleiben.

10.02.2020: Chefredakteure verlassen den Berliner Verlag

Noch im vergangenen November verpflichteten sich die Chefredakteure von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ voller Elan der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit des neuen Eigentümers Holger Friedrich. Wenige Monate später sind diese Beteuerungen bereits Schnee von vorgestern. Stattdessen wird bekannt, dass sowohl Jochen Arntz als auch Elmar Jehn den Verlag verlassen werden – mit sofortiger Wirkung.

Über die genauen Hintergründe ihres Abgangs kann nur spekuliert werden. So zum Beispiel bei der „Welt am Sonntag“: „Verlagskenner interpretieren den Wechsel an der Redaktionsspitze als eine Machtdemonstration von Verleger Friedrich und Herausgeber Maier.“ Beide Chefredakteure hätten sich konsequent vor ihre Redaktion gestellt, um grundsätzlich, aber auch konkret in Bezug auf Friedrichs Stasi-Tätigkeit, die Unabhängigkeit der Berichterstattung zu gewährleisten. Der Weggang von Arntz und Jehn zieht genau diese Unabhängigkeit – noch weiter – in Zweifel.

13.02.2020: Staatspropaganda aus Russland und China

In Anbetracht der ernsten Anschuldigungen, die Ende des letzten und Anfang dieses Jahres um Holger Friedrich kursierten, erscheinen die folgenden Vorwürfe fast harmlos: Mitte Februar berichten mehrere Medien, dass der Berliner Verlag für seine Online-Berichterstattung künftig auch auf staatliche Nachrichtenagenturen aus Russland und China zurückgreifen will. Bereits wenige Tage nach ihrer Übernahme des Verlags hatten die beiden in einem Interview über „Hilfsangebote aus Russland und China“ gesprochen, die ihrer Meinung nach viel Potential böten, um „sehr guten Content zur Verfügung zu stellen“.

Verstörend genug, schreibt „Horizont“ nun, dass sich die Friedrichs bei der journalistischen Ausgestaltung der „Berliner Zeitung“ ausgerechnet über Hilfsangebote aus Ländern Gedanken machten, in denen „demokratische Prinzipien so wenig gelten wie freie Presse“. Den vorläufigen Tiefpunkt bildete jedoch ein Artikel zum Syrienkrieg, in dem die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS als Quelle neben dpa und Reuters angegeben wird – laut Horizont „nichts Anderes als ein direkt von Kreml gesteuertes Propaganda-Instrument“.

01.03.2020: Wieder ohne Chefredakteur

Nach dem Weggang von Jochen Arntz und Elmar Jehn ging die Führung beider Blätter an Matthias Thieme – Co-Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“, bevor er Anfang Februar die Zuständigkeit für die digitalen Produkte des Berliner Verlags übernahm. Kurz darauf war er bereits für das gesamte Portfolio verantwortlich.

Damit war Anfang März bereits wieder Schluss: Thieme kündigte seinen Job – nach nur drei Wochen. Grund sollen laut einem Bericht der „Taz“ Entscheidungen der Friedrichs in Fragen technischer Systeme und Abläufe gewesen sein. Anders stellte es das Verlegerehepaar selbst dar: Der Weggang habe persönliche Gründe gehabt, heißt es in einer Darstellung des Berliner Verlags. „Es waren betriebliche Gründe, keine persönlichen“, ließ Thieme hingegen durch seinen Anwalt verlauten. Schlimm genug, dass der neue Chefredakteur nach nur wenigen Wochen das Handtuch wirft. Mit dem anschließenden Hin und Her haben sich die Friedrichs ebenfalls keinen Gefallen getan.

01.03.2020: In der Schweiz droht Strafanzeige

Moralisch sind die Friedrichs im Auge der Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt bereits recht tief gesunken. Nun droht ihnen auch noch juristischer Ärger: Über Jahre habe das Paar eine unternehmerische Tätigkeit am Finanzplatz Zürich angegeben, berichtet Friedrich-Enthüllungs-Veteranin „Welt am Sonntag“. Beim örtlichen Handelsamt würden jedoch keine Informationen über eine solche Firma vorliegen – eine Strafanzeige könnte die Folge sein.

06.03.2020: Der Berliner Verlag als „Hobby“

Anfang März erntete Holger Friedrich mit einer Aussage erneut Kopfschütteln von vielen Seiten. „Ich mache den Berliner Verlag als Hobby“, erklärte er im Rahmen einer Veranstaltung der Medientage Mitteldeutschland. Dagegen hatten die Friedrichs zuvor stets betont, der Verlag sei für sie eben kein Hobby – sondern ein Geschäft.

Den Vorwürfen, in der Schweiz die Existenz eines Unternehmens vorgetäuscht zu haben, äußert er sich lediglich ausweichend – er kenne die Vorwürfe nicht und habe den Artikel auch nicht gelesen. Ruhigstellen wird diese Aussage Friedrichs Kritiker wahrscheinlich nicht.

In der Pleiten-, Pech- und Pannen-Chronik des Ehepaars seit Übernahme des Berliner Verlags mag diese Meldung nur eine Fußnote wert sein. Sie unterstützt jedoch das Gesamtbild – und das lässt die Friedrichs nicht wirklich gut dastehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 


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