Mancher spannenden Neuerung bleibt die mediale Aufmerksamkeit verwehrt. (c) Thinkstock/Ideas_Studio (c)
Mancher spannenden Neuerung bleibt die mediale Aufmerksamkeit verwehrt. (c) Thinkstock/Ideas_Studio (c)
Drohnen-Image

Mediale Aufmerksamkeit: Rumfliegen beginnt im Kopf

Die Wirtschaft soll ihren Teil dazu beitragen, den allgegenwärtigen Wandel mitzugestalten. Auch Journalisten werden nicht müde, dies mit Verve zu fordern. Doch mancher spannenden Neuerung bleibt die mediale Aufmerksamkeit verwehrt – weil sich die Kategorien in den Köpfen nicht schnell genug mit ändern. Dabei besteht dank uralter Erkenntnisse durchaus Hoffnung.
Christian Arns

Man muss die Nachbarin einfach mal nackt beim Sonnenbad fotografieren. Das ist für viele offenbar ein so dermaßen erstrebenswertes Ziel, dass sie sich dazu irgendein Fluggerät kaufen, das Fotos machen kann. So vermittelt es zumindest ein gängiges Medienbild. Selbstverständlich gibt es noch ein zweites: die Militärdrohne, die wahlweise iranische Atomanlagen oder Stellungen des IS ablichtet. Die Bilder kann man anschließend einem gerade kooperierenden Geheimdienst zur Verfügung stellen. Nur die Bundeswehr nicht, denn die hat nach der „Euro Hawk“-Pleite eh nur drei oder vier flugfähige Drohnen, und die fotografieren gerade anderswo umher. Oder so.

Das sind immerhin schon zwei fest etablierte Medienbilder für fliegende Fotoapparate, da ist wenig Platz für ein drittes. Auch bei Journalisten nicht. Diese Erfahrung macht Andreas Neßlinger, Inhaber des Berliner Unternehmens Eight Wings. Sobald er gegenüber Medien über fotografierende Multikopter spricht, findet er sich sogleich in einer der beiden Schubladen wieder: Kriegstreiber oder Spanner.
Beides hat nicht das Geringste mit seiner Arbeit zu tun, denn er fotografiert Bahngleise und Windkraftanlagen, Brücken und Raffineriefackeln. Dort werden beispielsweise Abgase verbrannt; die obere Plattform des Fackelturms ist dabei oftmals bis zu 100 Meter über dem Boden. Soll an der Spitze kontrolliert werden, ob noch alles in Ordnung oder bereits Teile kaputt sind, kann das bisher nur ein Industriekletterer mit letzter Gewissheit überprüfen. Doch ehe der loslegt, muss die Anlage viele Stunden stillgelegt sein, um abzukühlen.

Bisher. Denn die Technik entwickelt sich, was Veränderungen ermöglicht: Andreas Neßlinger kann mit einem seiner Multikopter bis an die Spitze fliegen und dort hochauflösende Fotos schießen. Ist alles in Ordnung, läuft die Anlage weiter, der Kletterer bleibt am Boden. Das spart sehr viel Geld.

Noch alles in Ordnung an der Spitze? Drohnen können eine Ergänzung zum Industriekletterer sein und helfen bei Instandhaltungen komplexer Industrieanlagen. Die erste Assoziation zum unbemannten Bildübermittler ist – nicht nur bei Medien – jedoch meist eine andere.

Noch alles in Ordnung an der Spitze? Drohnen können eine Ergänzung zum Industriekletterer sein und helfen bei Instandhaltungen komplexer Industrieanlagen. Die erste Assoziation zum unbemannten Bildübermittler ist – nicht nur bei Medien – jedoch meist eine andere. Foto: Andreas Nesslinger

„Luftbildaufnahmen von kritischen Infrastrukturen“ nennt Neßlinger das und konkretisiert: „Es geht vor allem um Anlagen, die entweder besonders schwer zugänglich sind oder die strengen Sicherheitsvorgaben unterliegen.“ An einer Staumauer beispielsweise kraxelt ein Industriekletterer ewig entlang, wenn er sie komplett auf Schäden untersuchen soll, Neßlinger befliegt sie in ein, zwei Stunden. Die Aufnahmen haben eine Auflösung zwischen 24 und 36 Millionen Pixel, „da kann man sich jede Unregelmäßigkeit detailliert ansehen“.

Macht aber keiner, zumindest kein Journalist. Denn die Kategorie „professionelle, zivile Nutzung fotografierender Fluggeräte“ ist offenkundig schwer zu akzeptieren. Sie widerspricht gängigen Klischees, fügt sich nicht in verbreitete Weltbilder ein. „Ich höre immer wieder dieselben Floskeln“, stöhnt Neßlinger: „Die Metapher ‚es sieht aus wie eine Spinne am Himmel‘ ist dann auch irgendwann mal durch.“

Das Phänomen ist weder neu noch selten. Das Pharma-Unternehmen, das Ernst macht mit familienfreundlicher Personalpolitik, darf so wenig auf mediales Lob hoffen wie das Modelabel, das tatsächlich nur noch bei verantwortungsbewussten Herstellern einkaufen will. Doch was kann man tun?

1. Kein Selbstmitleid

Jedes Gejammer, dass nur der eigenen Ins­titution solcherlei widerfährt und wie ungerecht doch die Welt ist, hilft kein Stück ­weiter. Um aus der Ecke rauszukommen, hilft …

2. Ein mutiger Blick in ­wissenschaftliche Erkenntnisse

Das ist doch alles schon erforscht. Zugegeben, auf empirische Befunde zu sehen, wirkt immer etwas entrückt oder so, als habe man entschieden zu viel Zeit. Quatsch! Zu deutlich lässt sich nachlesen, warum es die beispielhaft genannten Geschichten schwer haben: Sie sind dissonant, die Informationen klingen im Ohr des Rezipienten schief. Der schätzt nämlich Neuigkeiten, die seine bisherige Welt­sicht unterfüttern.
Je mehr ein Ereignis mit Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht, ermittelten bereits in den 60er-Jahren die Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge. Sie nannten das „Konsonanz“. Nun ist Lehre der so genannten Nachrichtenfaktoren etwas aus der Mode gekommen; auch hat die Kritik, dass hier Ereignismerkmale und Auswahlkriterien etwas zu munter durcheinandergehen, durchaus ihre Berechtigung. Das ändert nichts an der Beobachtung, dass es dissonante Geschichten erst einmal schwerer haben.

3. Der Griff an die eigene Nase

Journalisten haben wahrlich kein Klischee-Monopol. Wahrscheinlich sind sie sogar deutlich aufgeschlossener als die meisten Menschen, sie können also etwas mehr Dissonanz ertragen. Kommunikatoren nehmen ihnen jedes Beharren auf tradierten Denkschub­laden nur übel, weil es die Arbeit so garstig erschwert. Vielleicht auch deshalb, weil Journalisten so furchtbar gerne ihre eigene Aufgeschlossenheit betonen.
Hier ist es die Diskrepanz zur Realität, derentwegen sich auch Multikopter-Pilot Neßlinger so richtig in Rage reden kann: „In den Kommentaren rufen kluge Redakteure die Wirtschaft dazu auf, die allgegenwärtigen Veränderungen mit Erfindungsreichtum mitzugestalten. Aber wenn dann wirklich etwas passiert, verstellen Weltbilder von gestern jedes Verständnis für die Technik von morgen.“ Doch wer je mit Naturschützern über Großkonzerne oder mit Bauunternehmern über Umweltschützer gesprochen hat, weiß: Der unbedingte Wunsch nach Konsonanz kann bis zur Realitätsverdrängung gehen.

4. Gegenstrategien ­entwickeln

Auch dazu hilft es, die zutiefst menschliche Sehnsucht nach Weltbild-Bestätigung zu kennen und erst einmal hinzunehmen. Das mindert die Gefahr, überall Kampagnen zu wittern oder Dinge persönlich zu nehmen. Als Gegenstrategie hilft oft ein anderer, schon 1922 von Walter Lippmann benannter Nachrichtenwert: die Überraschung. „Ist es nicht der Hammer, dass man jetzt so hochwertige Fotos wie die Militärs auch für die professionelle Wirtschaft machen kann?“ Durch eine solche Frage würde das bisherige Weltbild nicht erschüttert, der Gesprächspartner nicht als Dummerchen hingestellt. Er wird sogar bestätigt – und dann ergänzt. Auch ein tüchtiger Streit mit einem Promi kann ein sperriges Thema befördern. Allerdings will jede Inszenierung gut geplant und intern besprochen sein.

5. Brauchen wir das?

Um hausinterne Strategien entwickeln zu können, ist es häufig erforderlich, zunächst einmal zu erklären, wie nötig sie sind. Gerade Entscheider ahnen oft gar nicht, wie wenig Eigenbild und externe Landkarte zueinander passen. Meist gibt es nur wenige in ihrem Umfeld, die ihnen das sagen. Hier wird der Kommunikator zum Überbringer der schlechten Nachricht, konkret: der abweichenden Fremdsicht. Das ist konfliktträchtig, aber nur so bekommt er die Rückendeckung für seine wichtige Funktion als Sozial-Adapter.

Jenseits dieser fünf Punkte sind die beiden Generaltugenden des Pressesprechers beinahe unerlässlich: Geduld und Humor. So ­grinst auch der Drohnenpilot breit und setzt darauf, dass in Deutschland alles geregelt wird. Das werde auch für fotografierende Fluggeräte kommen, ist er sicher, „Sie brauchen ja auch einen Führerschein zum Autofahren“. Das werde eine Debatte bringen – und mit ihr die ­Berichterstattung.

 

 
 

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